merken

Wie rechts ist die Republik?

Überfremdungsängste, Führerfantasien und eine Verharmlosung der NS-Zeit finden sich auch im Jahr 2016 noch in den Köpfen der Menschen. Anfeindungen gegen einzelne Gruppen wie Muslime oder Flüchtlinge nehmen stark zu. Eine neue Untersuchung gibt zu denken.

© dpa

Thilo Alexe

Anzeige
Symbolbild Anzeige

Durchblättern und viel sparen

Frisch, lebendig und lesefreundlich. Stöbern Sie hier online in den aktuellen Magazinen und Partnerangeboten.

Leipzig. Manche Aussagen sind überraschend krass, andere erwartbar. Mehr als acht Prozent der Deutschen glauben, dass der Nationalsozialismus auch gute Seiten hatte. Rund zwölf Prozent gehen davon aus, dass die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen sind. Und mehr als ein Drittel empfindet die Bundesrepublik als „in gefährlichem Maße überfremdet“. Die Leipziger Mitte-Studien belegen seit Jahren nicht nur zuverlässig, wie sich autoritäre und rechtsextreme Einstellungen in der Gesellschaft zeigen. Sie spiegeln auch die politische Stimmung im Land.

Die Ablehnung von Muslimen hat sich verstärkt

Jeder zweite Deutsche fühlt sich, zumindest gelegentlich, fremd in der Heimat. 50 Prozent stimmen „eher“ oder „voll und ganz“ der Aussage zu, sich durch die „vielen Muslime“ manchmal „wie ein Fremder im eigenen Land“ zu fühlen. Vor zwei Jahren lag die Bejahungsquote bei 43 Prozent. Mehr als 41 Prozent der Deutschen finden zudem, Muslimen solle die Zuwanderung untersagt werden (2014: 36,6 Prozent). Die ablehnende Haltung hat sich also verstärkt. Befragt wurden für die Studie im Frühjahr mehr als 2 400 Teilnehmer. Die repräsentative Erhebung verantworten die Leipziger Forscher Elmar Brähler und Oliver Decker sowie Johannes Kiess. Unterstützt wurde die Arbeit von linken-, grünen- und gewerkschaftsnahen Stiftungen.

Deutsche bezweifeln Fluchtgründe von Asylbewerbern

Trotz großer Hilfsbereitschaft und etlicher ehrenamtlicher Unterstützer ist die Mehrheit der Deutschen skeptisch gegenüber Flüchtlingen eingestellt. Knapp zwei Drittel (fast 60 Prozent) glauben, dass die meisten Asylbewerber keine Verfolgung in ihren Heimatländern befürchten. Mehr als 80 Prozent verlangen eine harte Linie des Staates bei der Prüfung von Asylanträgen. Vor zwei Jahren waren die Zustimmungswerte geringer.

Fast 50 Prozent wollen Sinti und Roma aus Innenstädten verbannen

Verschärft haben sich auch die Ressentiments gegen Sinti und Roma. Knapp 60 Prozent der Deutschen hätten ein Problem, „wenn sich Sinti und Roma in meiner Gegend aufhalten“. Fast die Hälfte spricht sich für deren Verbannung aus Innenstädten aus. Die Werte liegen höher als vor zwei Jahren. Erstmals gefragt wurde auch nach der Haltung zu Homosexuellen. Rund 40 Prozent der Deutschen empfinden es als „ekelhaft“, wenn sich Homosexuelle öffentlich küssen. Knapp zehn Prozent unterstellen Juden, mehr als andere „mit üblen Tricks“ zu arbeiten. Und jeder zehnte Deutsche wünscht sich einen „Führer“, der mit starker Hand regiert. Im Osten können sich fast 14 Prozent eine rechtsautoritäre Diktatur vorstellen.

Die Anhänger der AfD radikalisieren sich

Die Wissenschaftler rücken in ihrer Studie auch die AfD in den Fokus: „Bei den politischen Einstellungen zeigt sich im Vergleich zu 2014 eine Radikalisierung der Anhängerinnen und Anhänger der AfD.“ Das liegt nicht nur daran, dass die Unterstützter der 2013 gegründeten Partei womöglich härter in ihrem politischen Urteil wurden. Ein weiterer Grund ist, dass bisherige Nichtwähler und Anhänger anderer Parteien das Angebot der Rechtspopulisten annehmen. Die Forscher fragen regelmäßig nach rechtsextremistischen Einstellungen und Parteipräferenz. Das muss nicht deckungsgleich sein. 2014 konnten SPD und Unionsparteien fast 50 Prozent der rechtsextrem Gesonnenen an sich binden. 2016 hat sich diese Quote annähernd halbiert. Volksparteien – im Osten ist das auch die Linke – verlieren Integrationskraft. Die AfD profitiert von enttäuschten nicht radikalisierten SPD- und Union-Wählern, aber eben auch von denen, die rechtsextrem denken und bislang woanders ihr Kreuz machten. Fast 35 Prozent derjenigen gaben an, nun AfD zu wählen (2014: 6,3 Prozent). Die Partei erscheint für jene wählbar, die zwar extremistische Ansichten teilen, bislang aber nicht NPD wählten. Anhänger sind der Studie zufolge stärker islamfeindlich und feindlich gegenüber Flüchtlingen eingestellt als etwa die von CDU und SPD.

Ein Drittel der Deutschen spricht sich klar gegen Pegida aus

Die Autoren bewerten Pegida anders als der Dresdner Politologe Werner Patzelt. Sie sehen darin weniger eine Protestbewegung von Menschen mit berechtigten Sorgen. Die Befürwortung von Pegida-Zielen korrespondiert den Leipziger Forschern zufolge mit rechtsextremen und islamfeindlichen Einstellungen. Pegida-Anhänger favorisieren dennoch die Demokratie. Ein Drittel der Bevölkerung spricht sich klar gegen die Ziele der Bewegung aus; etwa neun Prozent stehen vollkommen dahinter.

www.sz-link.de/studie