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Die Erfolgsformel des Populismus

Was treibt Trump, Petry, Le Pen so viele Wähler zu? Eine neue Studie beschreibt das Schlüsselmotiv.

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© Reuters (2), imago/Montage: SZ/Jens Junge

Von Sven Siebert, Berlin

Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf!“ So lautete – frei übersetzt – das zentrale Motto der Wahlkampagne, mit der Bill Clinton 1992 US-Präsident werden wollte: „It‘s the economy, stupid!“ Man könnte – wenn man den Ergebnissen einer Studie der Bertelsmann-Stiftung folgt – diesen Satz heute variieren: Es ist die Globalisierung, Dummkopf! Oder besser: Die Angst vor der immer engeren Vernetzung der Welt und des Welthandels. Nach Überzeugung der Wissenschaftler Catherine de Vries und Isabell Hoffmann, in deren Auftrag in den 28 EU-Ländern insgesamt knapp 11 000 Menschen befragt wurden, zeigt sich, „dass es vor allem Globalisierungsängste sind, die manche dazu treiben, sich vom politischen Mainstream ab- und populistischen Parteien zuzuwenden“.

Streit um Homo-Ehe oder Multikulti ist nicht entscheidend

Die Studie widerspricht damit einer verbreiteten Ansicht, dass es vor allem der Streit um konservative oder liberale Werte sei, der insbesondere den Erfolg des Rechtspopulismus befördere. De Vries und Hoffmann schreiben, die Unterschiede zwischen einem progressiven und einem traditionellen Weltbild sind nicht entscheidend für den Erfolg der Populisten. Themen wie die Schwulen- oder Lesben-Ehe, die Gleichberechtigung der Frau oder die ethnische Vielfalt einer Gesellschaft stünden in Euopa – anders als in den USA – nicht im Vordergrund. Die Unterschiede seien hier „nur graduell“. Die wichtigste Grenze zwischen den Anhängern populistischer Positionen und den Wählern der Parteien der Mitte verlaufe zwischen Globalisierungsbefürwortern und denen, die Ängste vor der Verflechtung haben. „Diejenigen, die sich populistischen Parteien verbunden fühlen, werden in erster Linie von Globalisierungsängsten geleitet.“

De Vries und Hoffmann geben an, dass bei Personen, die sich mit rechtsgerichteten Parteien in Europa identifizieren, „Globalisierungsängste sehr stark ausgeprägt“ seien. 78 Prozent der AfD-Wähler in Deutschland, 76 Prozent der Wähler des Front National in Frankreich, 69 Prozent der FPÖ-Wähler in Österreich nähmen die Globalisierung als eine Bedrohung wahr. Ähnliches gilt für die Anhänger der Rechtspopulisten in Italien, Polen oder Ungarn. Linksgerichtete Parteien wie Die Linke, Movimento 5 Stelle oder Podemos zögen ebenfalls Menschen an, die Angst vor der Globalisierung haben, „interessanterweise jedoch in geringerem Maß“, heißt es in der Studie mit dem Titel „Globalisierungsangst oder Wertekonflikt?“

Globalisierung heißt für viele: Angst vor Migration

Die Angst vor der Globalisierung macht sich den Autorinnen zufolge vor allem am Thema Flucht und Einwanderung fest. Hier gebe es „einen deutlichen Unterschied“ zwischen Menschen, die die Globalisierung als Chance sehen, und denen, die Ängste davor entwickelt haben. „53 Prozent der Personen, die Angst vor der Globalisierung haben, vertreten die Auffassung, dass die Migration eine große globale Herausforderung ist“, heißt es in der Studie. 54 Prozent sagen, dass sie sich wegen der Ausländer im eigenen Land manchmal fremd fühlen. Unter denen, die die Globalisierung hingegen hoffnungsvoll betrachten, vertreten nur 42 Prozent der Befragten die Auffassung, dass die Migration eine große globale Herausforderung ist. „Nur 36 Prozent fühlen sich manchmal entfremdet.“

Wer Globalisierung fürchtet, ist meist auch gegen die Europäische Union

Diejenigen, die die Globalisierung als Bedrohung sehen, würden laut Bertelsmann-Studie in einem Referendum eher für einen Austritt aus der Europäischen Union stimmen (47 Prozent). Sie sind gegen eine weitere Vertiefung der EU. Wer hingegen Globalisierung als Chance sieht, befürwortet deutlich häufiger einen Verbleib des eigenen Landes in der EU (83 Prozent). „60 Prozent vertreten die Auffassung, dass eine zunehmende Integration der richtige Weg für die EU in die Zukunft ist“, schreiben die Autorinnen. Ähnlich sieht es beim Vertrauen in Politiker und Demokratie aus. Globalisierungsskeptiker vertrauen nur zu neun Prozent den Politikern in ihrem Land und 38 Prozent zeigen sich mit der Demokratie in ihrem Land zufrieden. Bei den Globalisierungsbefürwortern haben 20 Prozent Vertrauen in die Politiker ihres Landes und 53 Prozent sind mit der Demokratie in ihrem Land zufrieden.

Große Unterschiede bei Hoffnung und Skepsis zwischen den Staaten

Wenn man die ganze EU betrachtet, sieht eine knappe Mehrheit die Globalisierung als Chance (55 Prozent), während 45 Prozent sie als Bedrohung wahrnehmen, schreiben de Vries und Hoffmann. Zwischen einzelnen Ländern bestünden aber zum Teil erhebliche Unterschiede in Bezug auf Globalisierungsängste. In Österreich und Frankreich betrachte eine Mehrheit der Befragten Globalisierung als eine Bedrohung. In Italien, in Spanien und im Vereinigten Königreich sei deren Anteil besonders niedrig. Deutschland liege mit 45 Prozent im Mittelfeld.