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Die erste Medaille

Elisabeth Seitz turnt bei der WM in Doha zu Bronze am Stufenbarren.

© dpa/Vadim Ghirda

Von Andreas Frank und Frank Thomas

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Elisabeth Seitz strahlte über Bronze wie noch nie. Cheftrainerin Ulla Koch pfiff sich vor Begeisterung die Finger wund. Neun Jahre nach ihrem Weltmeisterschaftsdebüt hat die derzeit beste deutsche Turnerin ihre ersehnte erste Medaille bei einer WM gewonnen.

„Es hat mir nie etwas gefehlt, bis auf dieses kleine Ding um den Hals“, sagte die nationale Rekordtitelträgerin nach dem bisher größten Erfolg ihrer inzwischen neunjährigen Karriere. Mutter Claudia und Bruder Gabriel standen bei der Siegerehrung die Tränen in den Augen.

Mit einer beinahe perfekten Übung am Stufenbarren bestätigte die Pädagogikstudentin ihre starke Leistung aus der Qualifikation und musste sich im Aspire Dome der katarischen Hauptstadt Doha nur der neuen Weltmeisterin Nina Derwael aus Belgien und Mehrkampf-Olympiasiegerin Simone Biles aus den USA geschlagen geben. Mit einem ausgewogenen Mix aus Eleganz und Schwierigkeit überzeugte die Stuttgarterin die Kampfrichterinnen an ihrem Lieblingsgerät.

Dabei ging die 24-Jährige ungewohnt angespannt in den Wettkampf: „Ich hatte krasses Gefühlschaos. Das wünsche ich keinem.“ Doch zur Beruhigung trug letztlich bei, dass die Übung nach Absprache mit Teamchefin Koch im Vergleich zur Vorrunde nicht um 0,2 Punkte aufgestockt wurde. „Wir haben auf das Risiko verzichtet und sind belohnt worden“, sagte Seitz.

Noch bei den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro schrammte sie als Vierte, knapp hinter ihrer Auswahlgefährtin Sophie Scheder, an Bronze vorbei. Die Chemnitzerin verpasste bei der WM den Sprung in die Medaillenentscheidung, drückte aber auf der Tribüne die Daumen für ihre Freundin.

Koch war von ihrer Musterschülerin restlos begeistert: „Elisabeth ist und bleibt eine Wettkampfsau, und sie war endlich mal an der Reihe. So war es für uns am Ende eine tolle Weltmeisterschaft.“

Seitz fühlte sich in Bestform und erreichte das Finale als Dritte des Vorkampfes. Auch da ließ sie die Verbindung weg, wusste, dass die Medaille drin ist, und erreichte mit der Riege das Mannschaftsfinale. „Da stand das Risiko nicht zur Diskussion“, sagte Seitz. „Ich wollte ja nicht dem Team schaden.“ Die Euphorie war groß, wenngleich sich dadurch die Belastung für die Leistungsträgerin verdoppelte.

Immer noch sei sie so aufgeregt, dass es schon nicht mehr schön und „kein angenehmes Gefühl“ sei. Doch „wenn ich in die Wettkampfhalle komme, dann fällt alles von mir ab“. Manchmal frage sie sich aber schon: „Warum tue ich mir das an?“

Nach zwei EM-Medaillen und zwei Gesamtweltcuperfolgen hat Seitz jetzt die erste WM-Medaille. „Davon träumt jeder Sportler“, sagte sie. „Das Problem ist, sich im Wettkampf genau damit nicht verrückt zu machen.“ Das ist ihr diesmal gelungen.

Seitz freute sich, endlich mal eine Vorbereitung so ganz in Ruhe genossen zu haben. Doch problemlos war auch dieses Jahr nicht. Im April sei es „ein Schock“ gewesen, als sie erfuhr, dass ein Bauch-Ödem ihren EM-Start in Glasgow verhinderte. „Das war erschreckend, eine böse Überraschung.“ Drei Monate durfte Seitz nicht turnen. „Doch im Nachhinein war es vielleicht gut, mal entspannter in die WM-Trainingslager zu gehen.“

Sie nutzte die Pause, in ihrem Studium an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg weiterzukommen und hatte schöne Tage bei ihrem ersten Lehrer-Praktikum. Die Kinder wussten nicht, wer da vor ihnen steht. „Einige haben es vielleicht geahnt, aber für alle war ich nur die Frau Seitz, nicht die Turnerin“, sagte sie. (sid/dpa)