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Die Fahrrad-Sozialarbeiter

In einer Werkstatt in der Friedrichstadt können Anwohner wahlweise ihre Räder reparieren oder zur Gitarre greifen.

© René Meinig

Von Sophie Arlet

Wer gemeinsam mit Nachbarn am Fahrrad schraubt, sitzt nicht allein in der Wohnung und hat am Ende auch noch ein funktionierendes Fahrzeug. So ungefähr lässt sich der Grundgedanke der Fahrradselbsthilfewerkstatt „Zum rostigen Ross“ auf der Berliner Straße zusammenfassen.

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Die Corona-Schutzimpfung ist gestartet. Zunächst allerdings nur für Menschen, die zur Gruppe der höchsten Priorität gehören.

Anfang März haben Jens Günther und Christiane Gloger den Eckladen eröffnet. Die beiden gehören zum Verein „Fahrrad i.O.“, der die Werkstatt am Studentenwohnheim auf der Wundtstraße betreibt. 2015 wurden sie von einer Initiative gebeten, mit Flüchtlingen zusammen Fahrräder zu reparieren. „Wir waren dann ein bisschen überfordert von der Nachfrage“, sagt Gloger. Schnell zeigte sich, dass beim Schrauben am Rad auch zwischenmenschlich einiges passiert – vorausgesetzt, die Bedingungen stimmen.

2016 reichten die Vereinsmitglieder eine Projektskizze bei der Stadt ein. Jetzt wird die Fahrradwerkstatt für zwei Jahre als Projekt „Integration macht mobil“ gefördert. Danach soll sie selbstständig mit der Hilfe von Ehrenamtlichen weiterlaufen. Das Angebot richtet sich an alle Friedrichstädter. Seit der Eröffnung haben schon viele Anwohner den Kopf neugierig durch die Tür gesteckt. Bis vor zwei Jahren war die Dresdner Tafel in dem Eckladen, dann stand er leer. Die Leute freuen sich, dass dort jetzt wieder etwas los ist. „Das zeigt uns, dass wir uns den Bedarf nicht nur ausgedacht haben“, sagt Gloger. Während der Öffnungszeiten geht die Tür ständig auf.

Ein Nachbar bringt die alten Fahrräder seiner Kinder – die sind kaputt und werden fürs Ersatzteillager ausgeschlachtet. Ein junger Mann ist auf der Durchfahrt und will nur schnell den Sattel feststellen. Und ein Anwohner kommt ohne Fahrrad, dafür mit Redebedarf. Weil es im Fahrradladen vor allem aber nicht nur um Räder geht, hängt auch eine Gitarre an der Wand. Kürzlich hat sie sich ein russischer Fernfahrer geschnappt und für Unterhaltung gesorgt.

An jedem ersten Mittwoch im Monat können sich Interessenten um 18 Uhr die Werkstatt anschauen und ihr Fahrrad auf Schwachstellen untersuchen lassen. Mehrmals im Monat werden Workshops angeboten. Und es gibt einen Frauenschraubkurs. Am Montag ist von 16 bis 18.30 Uhr Kinderzeit. Während der Nachwuchs mit der Luftpumpe spielt, können Mama oder Papa in Ruhe das Rad reparieren.