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Die fantastischen Zwei

Hanni und Nanni nerven die Gelfert-Zwillinge. Bücher schreiben sie lieber selbst, vor allem Fantasyromane. Ihr großes Traumprojekt steht den studierten Informatikerinnen aus Meißen aber noch bevor.

© Claudia Hübschmann

Von Franziska Klemenz

Meißen. Geheimnisse hat jeder. Vor Kollegen, vor Freunden, selbst vor der Familie kann er sie oft verbergen. Vor seinem Spiegelbild nicht. „Deswegen würde ich erst gar nicht versuchen, Pamela etwas nicht zu erzählen. Sie würde es sowieso merken“, sagt Josepha Gelfert. Ihr Spiegelbild ist ihre Schwester. Könnten die Zwillinge einander nicht alles erzählen, wären ihre Bücher vermutlich niemals erschienen. „Ohneeinander hätten wir es nicht geschafft, den Mut aufzubringen“, sagen sie. Beide Meißnerinnen schreiben Fantasy-Romane. Reich macht das nicht, aber fröhlich. „Natürlich freut man sich über jedes verkaufte Buch, jeden erreichten Leser. Wenn man damit nicht seinen Lebensunterhalt verdienen muss, steht aber vor allem der Spaß am Schreiben im Vordergrund“, sagt Pamela. Arbeit haben die beiden Schwestern in Dresden gefunden, seit einem Monat sogar in derselben Agentur. Dort helfen sie Kunden, möglichst weit oben in Suchmaschinen aufzutauchen. Im Job Google und Großstadt, privat Magier und Meißen.

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Dort hat sich an diesem Morgen ein graues Flimmern über die Gassen gelegt, das Nieseln ist noch unentschieden, ob es Regen oder Schnee sein will. Wäre man nicht nüchtern, könnte man das herannahende Bild für das klassische Rausch-Symptom halten. Als sähe man doppelt. Brünetter Pony, flache Absatzstiefel, Grübchen zwischen Wangen und dem breiten Lächeln. Alles mal zwei. Als die beiden 28-Jährigen näher kommen, zeichnen sich doch ein paar Unterschiede ab. Das Braun der einen Schwester ist dunkler, die Grübchen der anderen sind etwas tiefer.

Hannis, Nannis oder doppelte Lottchen wollten Pamela und Josepha nie sein, die Klischeeverliebtheit der Menschen bei Zwillingen nervt sie. „Als Kind war es noch okay, als Einheit wahrgenommen und mit den ganzen Zwillingsgeschichten verglichen zu werden. Mit 16 wollte man dann doch endlich ein Individuum sein“, sagt Josepha und pustet energisch eine Strähne aus ihrem Gesicht. Pamela grinst, wirft ihrer Schwester einen verschwörerischen Blick zu. „Aber es kann auch ziemlich lustig sein. Zum Beispiel wenn man die besseren Noten der anderen im Zeugnis stehen hat.“

Auf dem Gymnasium Franziskaneum haben sie Klischee-Liebhaber in Sinnkrisen getrieben, belegten als Leistungskurse die für Frauen und Schreiber untypischen Fächer Mathe und Physik. Erste Geschichten haben sie damals längst geschrieben. Es begann mit Erzählungen über Bauern, die alle Tiere der Welt auf ihren Höfen hielten. Aus Bauern wurden Piraten, Zauberer, Monster und Flüche. „Bei Fantasy-Erzählungen gibt es keine Grenzen. Man kann viel freier denken als bei jedem anderen Genre“, sagt Pamela mit weit aufgerissenen Augen und breitet die Hände vor sich aus, als wollte sie einen Globus formen.

Sie schickt ihr erstes Buch noch vor dem Abitur an verschiedene Verlage. Jahrelang passiert nichts, dann meldet sich ein Verlag. „Ich konnte es kaum glauben“, sagt sie. 2011 erscheint Pamelas Debütroman „Sklavin des Schicksals“, die Geschichte eines Mädchens, das nach 18 Jahren auf einer Sklaveninsel lernen muss, mit den Schattenseiten ihrer neuen Freiheit umzugehen. Aus der Geschichte wird eine Trilogie. Später versucht sie sich mit „Im Schatten der Rache“ an einem Thriller, auch den druckt ein Verlag.

„Ein bisschen neidisch war ich schon, als Pamela ihr erstes Buch veröffentlicht hat. Ich war noch lange nicht so weit“, sagt Josepha. Sie veröffentlicht ihren Debütroman „Traum und Schwert“ 2016, landet auf Platz eins der Jahres-Bestseller-Liste ihres Verlags. Ihre Heldin ist eine Frau, die von einer Diebin zur Kopfgeldjägerin werden möchte. Eine schwarzhaarige Kriegerin ziert das Cover. Teil zwei erscheint 2017. „Pamela wird immer mehr schreiben als ich“, sagt Josepha. Pamela legt ihren Kopf auf die Seite, wendet ein: „Und du dafür überlegter, perfektionistischer.“

Josepha, die Bedachtere, hat besonders viele Buchprojekte angefangen und verworfen. „Die Geschichte muss sich verselbstständigen. Wenn man merkt, dass es zu schleppend läuft, soll es nicht sein“, sagt sie. Mit jeder Geschichte auch der Abschied von einem Charakter. „Das fällt mir jedes Mal wahnsinnig schwer“, sagt Pamela. „Es ist hart genug, sich am Ende einer fertigen Geschichte von dem Charakter zu verabschieden. Man hat ihn lieb gewonnen. Wenn man seine Geschichte nicht einmal fertig schreibt, dann hat man seinen Charakteren gegenüber ein richtig schlechtes Gewissen.“ Zum ersten Mal verschwinden die Grübchen kurz aus ihrem Gesicht, die Lippen formen einen Schmollmund.

Vielleicht auch wegen des Risikos, Geschichten gehen lassen zu müssen: Vor jeder Veröffentlichung herrscht das Geheimnis über die Literatur der Schwestern. Das Ritual, abends, im Dunkeln, wie Murmeltiere in ihren Höhlen, das Display-Licht der Laptops im Gesicht. „Während die Bücher entstehen, darf kein anderer Mensch auf der Welt lesen, was wir bisher geschrieben haben“, sagt Josepha.

Nur die beiden. Einander schicken sie Passagen, machen sich mit ihren Charakteren bekannt. „Wir kennen die Geschichte der anderen dann so gut, dass wir uns fragen können: Passt die Passage zu meiner Heldin, würde sie so handeln?“ Wie Freundschaften, die über Kreuz verlaufen. Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. „Man freundet sich ja auch mit seinem Helden an. Man hat so viele Dinge im Kopf, die er oder sie tun würde, die nicht einmal im Buch vorkommen. Die Geschichte leitet einen. Manchmal denkt man sich: Das ist ja verrückt, aber man schreibt trotzdem weiter.“ Dann beherrscht die Geschichte selbst und nicht mehr nur der Kopf die Tastatur.

Ihre Leidenschaft fürs Schreiben wollten die Schwestern nach dem Abitur zum Job machen und Journalistinnen werden. Bedingung: beide oder keine. Weil das nicht klappt, wird aus Journalismus Informatik. Von der Welt der Worte zurück in die Welt der Zahlen. „Die klar strukturierte Informatik und Mathematik ist ein wunderbarer Ausgleich zu den endlosen Welten von Fantasygeschichten. Und doch haben beide eine Gemeinsamkeit: Alles braucht Regeln“, sagt Pamela. Neben Orgel-Spielen und Chor-Singen gehören Videospiele zu den vielen Hobbys der Schwestern. „Gib mir eine Konsole und ich zocke die ganze Nacht lang Spiele“, sagt Pamela und lacht. Ein Ohr guckt zwischen ihren glatten, braunen Haaren hervor, ein bisschen erinnert sie an eine Elfe aus der Fantasy-Welt.

Abseits der Bücher ist für beide klar, in welcher Welt sie leben wollen: Meißen. Nach dem Studium in Leipzig kommen sie sofort zurück zu ihrem kleinen Rudel, den drei älteren Geschwistern im Stadtteil Cölln. „Wenn man zu fünft und nur fünf Jahre auseinander ist, wird man schon in Kinderjahren zu einem kleinen Freundeskreis, der sich nicht mehr trennen kann“, sagt Josepha. Fremde Welten erkunden die Schwestern in ihren Büchern, in der Realität reichen das Heimische und ein paar geheime Wünsche.

Einen davon verraten die Schwestern dann doch. Josepha durfte Pamelas Heldinnen kennenlernen und Pamela die von Josepha. Die Heldinnen selbst haben sich noch nie getroffen, leben in separaten Büchern. Da ist er wieder, der verschwörerische Blick. Pamela und Josepha schürzen die Lippen zu einem Grinsen, gucken einander an, dann sagt Josepha: „Eines Tages wollen wir ein Buch schreiben, in dem unsere Protagonisten miteinander verschmelzen.“ „Eine Geschichte, zwei Perspektiven“, ergänzt Pamela. „Jede erzählt die Geschichte aus der Perspektive ihrer Heldin, aber sie erleben sie zusammen.“ Der Spiegelbild gewordene Roman. Für den Moment ist das alles, was die Schwestern verraten. Vor der Geschichte steht das Geheimnis. Mehr lässt sich nur nach dem Ausschlussprinzip mutmaßen: Hanni und Nanni heißt das Buch sicherlich nicht.