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Die Frage nach dem Trainer

Dynamos Führung diskutiert am Donnerstag auch über die Zukunft von Uwe Neuhaus – warum eigentlich?

© Robert Michael

Von Sven Geisler

Es gibt nur Indizien. Sonst Schweigen. Das letzte Saisonspiel ist elf Tage her, der Ärger über den enttäuschenden Abschluss gegen Union Berlin verraucht. Was zählt, ist, dass Dynamo Dresden ein weiteres Jahr in der 2. Fußball-Bundesliga spielen darf. Das ließe sich als Erfolg verbuchen, was jedoch schwierig wird, weil der Gesamteindruck negativ ist. Nimmt man das Ziel zum Maßstab, das der Kapitän vor der Saison ausgegeben hatte, sind die Schwarz-Gelben krachend gescheitert. „Mir gefällt der Anspruch, das Publikum zu begeistern“, hatte Marco Hartmann gesagt.

Genau das hat die Mannschaft nur selten geschafft, stattdessen die Fans vor allem zu Hause oft enttäuscht. Sie hat nicht mehr den mutigen Offensivfußball gespielt, mit dem sie drei Jahre lang erfolgreich war. Das Konzept blieb zwar das gleiche, aber es fehlte das Tempo. Zum Ballbesitz gehört Spielwitz. Sonst passiert zu wenig. Das ist der einfachere, weil offensichtliche Teil der Analyse. Schwieriger wird es bei der Frage nach der Verantwortlichkeit.

Die Diskussion um Uwe Neuhaus gab es bereits nach der Klatsche gegen Kiel fünf Spieltage vor Schluss. Damals sei die Entscheidung im Aufsichtsrat klar gewesen, dass es keinen Trainerwechsel geben wird, hat Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner berichtet. Doch seit dem Saisonende fehlt ein klares Bekenntnis der Verantwortlichen, wird die Schuldfrage intern offenbar kontrovers diskutiert. Im offiziellen Sprachgebrauch heißt das, man nehme sich Zeit für die Analyse. Das ist legitim und richtig. Es lässt allerdings auch Raum für Spekulationen, die wiederum Neuhaus’ Position nach innen wie außen schwächen könnten. Dynamo muss es dringend vermeiden, in eine ähnliche Situation zu geraten wie im Sommer 2013. Damals wollten einige in der Vereinsspitze Peter Pacult noch vor den Relegationsspielen entlassen und hatten diese Absicht auch in die Öffentlichkeit lanciert. Der Trainer schaffte danach den Klassenerhalt und durfte bleiben. Er war jedoch angezählt. Fortan wurden Wetten darauf abgeschlossen, wann er fliegt. Was nicht lange gedauert hat: Zwei Unentschieden, zwei klare Heimniederlagen – und weg war Pacult nach dem vierten Spieltag.

Die Dresdner hatten nicht nur den Start verpatzt, sondern die gesamte Saison belastet. Olaf Janßen konnte als Nachfolger zwar so etwas wie eine Aufbruchstimmung entfachen, zumal er den Spielern gegenüber einen anderen, kumpelhaften Ton anschlug. Damit kam er gut an. Doch trotz seiner Sympathiewerte konnte er den Zerfall im Team nicht aufhalten. Abstieg.

Droht jetzt ein ähnliches Szenario? Am Donnerstag ab 17.30 Uhr kommt der Aufsichtsrat zusammen. Weil es ein turnusmäßiges Treffen ist, dürfen Vertreter der anderen Gremien, also Präsidium, Jugend- und Ehrenrat, daran teilnehmen. Nach Informationen der SZ sollte es schon vor einer Woche eine Sondersitzung geben – initiiert von denen, die eine Trennung von Neuhaus mindestens in Erwägung ziehen. Die Stimmen dagegen waren jedoch einflussreicher, ob sie eine Mehrheit bekommen, würde eine Abstimmung zeigen.

Den Vorschlag müssten die Geschäftsführer unterbreiten, also Michael Born und Kristian Walter, der Ralf Minge vertritt. Inwieweit der während seiner krankheitsbedingten Auszeit eingebunden sein kann, ist unklar. Er hatte Neuhaus im Herbst demonstrativ den Rücken gestärkt, als dessen Stuhl schon einmal zu wackeln begonnen hatte, und seine Zukunft im Verein vom Schicksal des Trainers abhängig gemacht. „Es war uns wichtig, auch der Mannschaft zu zeigen, dass da kein Millimeter zwischen uns war“, hatte er dazu im Januar gesagt. Doch diese Äußerungen sind nicht mehr belastbar, denn man weiß nicht, wie Minge die Entwicklung danach einschätzt.

Über die hat Walter jedoch mit Neuhaus gesprochen, während die Spieler vorige Woche den Laktattest absolviert haben. Auch die Abwesenheit des Chefcoaches bei der letzten Einheit vor dem Urlaub hat den Verdacht genährt, er werde infrage gestellt. So ließe es sich auch interpretieren, dass Neuhaus kein Interview geben wollte, um ein Fazit zu ziehen. Andererseits hatte auch er das damit begründet, in Ruhe aufarbeiten zu wollen, woran es gelegen hat.

Dabei sind einige Gründe unschwer zu erkennen wie der Verlust von Leistungsträgern durch Wechsel vor und Verletzungen während der Saison. Das müsste eher zugunsten des Trainers ausgelegt werden, zumal er sich sowohl bei der Stürmersuche als auch nach dem Ausfall von Sören Gonther im Sinne des Vereins geduldig gezeigt hat. Andere hätten möglicherweise im eigenen Interesse vorgebaut und die Schwierigkeiten herausgestellt. Neuhaus’ sachliche Art ist ein Trumpf – erst recht bei einem emotionalen Klub wie Dynamo.

Das schließt nicht aus, seine Arbeit kritisch zu bewerten. Man kann durchaus zu dem Schluss kommen, dass sich Spieler und Mannschaft im vergangenen Jahr nicht ausreichend entwickelt haben, er mit dem Spielsystem an Grenzen gestoßen ist, die Kraft offenbar nicht ausreichte und die Überzeugung fehlte. Die späten Gegentore sowie die eklatante Heimschwäche sind gravierende Probleme. Aber, und das führt zum Ausgangspunkt zurück, was war die Ursache dafür? Es fehlen Führungsspieler. Das ist Neuhaus nur bedingt anzulasten.

Anders wäre es, wenn es Zweifel an seiner Art gäbe, die Mannschaft zu führen. Auch dafür gibt es Indizien, wobei Spannungen unvermeidbar sind in einem Kader von 25 Individualisten. Die Aufgabe des Trainers ist es, jeden Einzelnen so einzusetzen, dass er fürs Team am wertvollsten ist. Ob Neuhaus das gelungen ist, kann nur beurteilen, wer direkt dran ist, außer dem Trainer und seinem Team also nur die Spieler, die wiederum eigene Interessen haben.

Egal, wie sich die Vereinsführung entscheidet, für oder gegen Neuhaus: Es darf kein „Ja, aber … “ geben. Wenn die Überzeugung fehlt, wäre das eine Belastung für die nächste Saison. Und die braucht Dynamo am wenigsten.