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Die Frau, die alle unterschätzten

Warum die Pastorentochter aus der Uckermark ihre dritte Kanzlerschaft antritt.

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© dpa

Von Sven Siebert

Heute trägt sie Schwarz. Aus Angela Merkels Jackenfarbe lässt sich heute wohl keine Laune, keine Koalitionspräferenz oder sonst eine politische Symbolik ableiten. Heute ist es feierlich. Im Bundestag geht es zwar zu wie auf einem großen Stehempfang. Überall wird geplaudert und gescherzt. Aber es geht um eine durchaus ernste Angelegenheit: Die 59-Jährige wird zum dritten Mal in ihrer Karriere zur Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland gewählt.

Vereidigungs-Momente

Die Mitglieder des neuen Bundeskabinetts und Bundespräsident Joachim Gauck posieren für das offizielle Foto.
Die Mitglieder des neuen Bundeskabinetts und Bundespräsident Joachim Gauck posieren für das offizielle Foto.
Bundeskanzlerin Angela Merkel legt beim Parlamentspräsidenten Norbert Lammert (beide CDU) den Amtseid ab, rechts vorne der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel.
Bundeskanzlerin Angela Merkel legt beim Parlamentspräsidenten Norbert Lammert (beide CDU) den Amtseid ab, rechts vorne der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel.
Nach der Vereidigung sitzt die Bundeskanzlerin erst einmal ganz allein auf der Regierungsbank.
Nach der Vereidigung sitzt die Bundeskanzlerin erst einmal ganz allein auf der Regierungsbank.
Die neue Bundesverteidigungsministerin, Ursula von der Leyen (CDU) und ihr Vorgänger, der neue Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU), umarmen sich herzlich.
Die neue Bundesverteidigungsministerin, Ursula von der Leyen (CDU) und ihr Vorgänger, der neue Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU), umarmen sich herzlich.
Die frühere Bundesfamilienministerin Kristina Schröder kam ebenfalls zur Vereidigung. Die 36-Jährige erwartet im Sommer ihr zweites Kind.
Die frühere Bundesfamilienministerin Kristina Schröder kam ebenfalls zur Vereidigung. Die 36-Jährige erwartet im Sommer ihr zweites Kind.
Bester Stimmung ist der neue Kanzleramtsminister, Peter Altmaier (CDU).
Bester Stimmung ist der neue Kanzleramtsminister, Peter Altmaier (CDU).
Der scheidende Außenminister Guido Westerwelle (l, FDP) gibt ein Autogramm. Neben ihm steht der Chefredakteur der «Bild»-Zeitung, Kai Diekmann (M).
Der scheidende Außenminister Guido Westerwelle (l, FDP) gibt ein Autogramm. Neben ihm steht der Chefredakteur der «Bild»-Zeitung, Kai Diekmann (M).
Die Familie der neuen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sitzt auf der Tribüne: Ehemann Heiko von der Leyen, die Söhne David und Egmont sowie die Töchter Sophie, Victoria, Gracia, Johanna und Donata. (vlnr)
Die Familie der neuen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sitzt auf der Tribüne: Ehemann Heiko von der Leyen, die Söhne David und Egmont sowie die Töchter Sophie, Victoria, Gracia, Johanna und Donata. (vlnr)
Ebenfalls auf der Zuschauertribüne: Der bisherige Außenminister Guido Westerwelle (FDP), Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU), Merkel-Beraterin Eva Christiansen, Herlind Kasner, die Mutter der Bundeskanzlerin und Beate Baumann, Büroleiterin der Bundeskanzlerin. (vrnl)
Ebenfalls auf der Zuschauertribüne: Der bisherige Außenminister Guido Westerwelle (FDP), Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU), Merkel-Beraterin Eva Christiansen, Herlind Kasner, die Mutter der Bundeskanzlerin und Beate Baumann, Büroleiterin der Bundeskanzlerin. (vrnl)
Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen legt ihren Amtseid ab.
Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen legt ihren Amtseid ab.
Kristina Schröder (CDU) macht Fotos.
Kristina Schröder (CDU) macht Fotos.
Puhh, geschafft - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, künftiger Vizekanzler und Minister für Wirtschaft und Energie.
Puhh, geschafft - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, künftiger Vizekanzler und Minister für Wirtschaft und Energie.

Auf der Besuchertribüne des Bundestages sitzt ihre greise Mutter Herlind Kasner, eingerahmt von Merkels engsten Mitarbeiterinnen Beate Baumann und Eva Christiansen. Merkel selbst setzt sich in die erste Reihe der Unionsfraktion. Etwas weiter im Rund des Plenarsaales sitzen die Sozialdemokraten, mit denen sie nun zum zweiten Mal eine Regierung unter ihrer Führung gründet, Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier. Auch Peer Steinbrück darf noch ein letztes Mal hier vorne sitzen, der Mann, der sie so gerne abgelöst hätte.

Beherzt beim Griff nach der Macht

Merkel hat auch ihn hinter sich gelassen, ebenso wie eine lange Reihe von Männern aus dem eigenen Lager, die sich selbst mal ganz oben gesehen haben. Merkel beginnt ihre dritte Amtszeit, und es ist nicht zu erkennen, dass ihre Macht schwände. Im Gegenteil: Merkel steht nach Koalitionsverhandlungen und Kabinettsbildung unumstritten an der Spitze der Regierung.

Merkels Weg an die Macht war lang. Und er war schmerzhaft. Den Frauen aus der Merkel-Mannschaft entfährt heute noch ein Seufzen, wenn sie sich an all die Rangeleien mit den westdeutschen Männern erinnern, die Merkels Aufstieg an die Spitze von CDU und Regierung verhindern wollten. Merkel wird oft als zögerlich beschrieben – zwischen dem Ende der Ära Helmut Kohl 1998 und ihrer ersten Wahl zur Regierungschefin 2005 hat sie beherzt und gezielt zugegriffen, wenn es darum ging, ihre Machtposition auszubauen. Der Eindruck, Merkel könne sich nicht entscheiden, wird dadurch verstärkt, dass sie – außer ihrem engsten Kreis – niemanden an ihrer Entscheidungsfindung teilnehmen lässt. Ob dies ein Charaktermerkmal der uckermärkischen Pastorentochter ist, oder ob es in der DDR erlernt wurde – darüber kann man nur mutmaßen.

Unbestritten ist, dass die promovierte Naturwissenschaftlerin Merkel die jeweilige Situation kühl analysiert, ihre Möglichkeiten abwägt und dann entscheidet. Das kann auch bedeuten, dass nichts passiert. Merkel verkämpft sich nicht, wenn sie einen Erfolg nicht für wahrscheinlich hält. Merkel ist nicht ziellos, sie hält ihre Ziele aber verborgen, bis sie sicher ist, sie auch erreichen zu können. Die CDU hat sie so stark verändert. Demokratietheoretisch ist das aber ein zweifelhaftes Verfahren. Merkel macht keine großen gesellschaftspolitischen Versprechungen. Sie verspricht nur, dafür sorgen zu wollen, dass es dem Land und seinen Bürgern weiterhin möglichst gutgehen soll.

2005, als Deutschland in einer strukturellen Krise steckte, hat sie einmal versucht, ihre Vision einer Zukunft zu entwerfen – liberalisierte Wirtschaft, vereinfachtes Steuersystem, reformierte Sozialversicherungen. Das hätte sie beinahe den Wahlsieg gekostet. Seitdem hält sie sich mit großen Entwürfen zurück – und nimmt die Probleme, wie sie kommen.

Das kann bedeuten, dass sie von einem Tag auf den anderen den Ausstieg aus der Atomenergie erklärt. Sie war eben zu der Überzeugung gekommen, dass es die nötige technische Verlässlichkeit und die gesellschaftliche Akzeptanz nicht mehr gibt. Also, Schluss. Merkel kann große Dinge schnell entscheiden.

Sachwalterin des Wohlstands

Die vergangenen beiden Regierungszeiten waren geprägt vom Management der weltweiten Banken- und der europäischen Währungskrise. Merkels Haupteigenschaften – Ruhe, Geduld, Ausdauer, Fleiß in der Sache, aber auch die Fähigkeit zur Selbstironie – haben das Bild gefestigt, sie sei eine verlässliche Sachwalterin unseres Wohlstands. Merkel ist nicht wiedergewählt worden, weil sie ein konkretes Zukunftsbild entworfen hätte, sondern weil die Mehrheit der Wähler glaubt, sie werde auch mit den unbekannten Herausforderungen der Zukunft gut zurecht kommen.

Merkel beschwört nun, die Große Koalition habe große Aufgaben zu bewältigen. Aber wieder geht es nur um die technische und administrative Umsetzung einer Entscheidung, die bereits gefallen ist: die Energiewende.

Zu Beginn ihrer dritten Regierungsperiode präsentiert Merkel keinen inhaltlichen Aufbruch. Es ist ihr aber gelungen, dem Neustart durch personelle Entscheidungen Dynamik zu verleihen. Sie hat nun mit Sigmar Gabriel ihren künftigen Herausforderer von der SPD am Kabinettstisch. Mit Ursula von der Leyens Beförderung ins Verteidigungsministerium hat sie der möglichen Herausfordererin aus dem eigenen Lager eine herausgehobene Position verliehen.

Und wenn man Angela Merkel in diesen Tagen beobachtet, bekommt man das Gefühl, sie freue sich auf die kommenden Herausforderungen, auch auf die Auseinandersetzungen in der Koalition.

„Herr Präsident“, sagt sie um 10.15 Uhr, „ich nehme die Wahl an und bedanke mich für das Vertrauen.“