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Die Frau, die sich was traut

Doreen Pappritz arbeitet als Heimleiterin in der Flüchtlingsunterkunft am Großenhainer Remonteplatz. Keine leichte Aufgabe.

© Anne Hübschmann

Von Catharina Karlshaus

Großenhain. Neulich habe ein Bekannter mal gefragt, weshalb sie eigentlich diesen Job mache. Wieso sie sich mit all diesen fremden Menschen herumplagen würde. An keinem Arbeitstag wisse, was die nächste Stunde bringe und in einem schmucklos eingerichteten Büro sitze, in welches demnächst eine mehrfach gesicherte Tür mit Panzerglas eingebaut werden soll.

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„Die Antwort darauf fiel mir gar nicht schwer. Ob Sie es glauben oder nicht, ich mache meine Arbeit wirklich gern“, sagt Doreen Pappritz. Das an einem Vormittag wie diesem dazugehört, sich ein total verdrecktes Bad anzuschauen oder den Streit zwischen zwei syrischen Zimmergenossen zu schlichten – kein Problem für die 49-Jährige. Die Königsbrückerin ist offenkundig nicht zartbesaitet, aber wohl doch sensibilisiert genug, frühzeitig zu erkennen, wenn es mal droht, so richtig schiefzugehen.

Im Dezember übernahm die Mutter zweier erwachsener Kinder die Leitung der Asylbewerberheime auf dem Großenhainer Remonteplatz und der Einrichtung in Glaubitz. Die beiden Häuser, betrieben von der ITB Dresden GmbH, beherbergen mittlerweile 160 Frauen, Männer und Kinder. Eine echte Herausforderung für Doreen Pappritz, die selbst nicht mehr Unterstützung zur Verfügung hat als lediglich zwei Hausmeister und Mitarbeiter eines Dresdner Sicherheitsunternehmens. Um 20 Uhr übernehmen jeweils zwei Männer, bis sechs Uhr wachen sie über Bewohner und die Einhaltung jeglicher Ordnung.

Keine Zeit, ein Buch zu schreiben

Eine Zeit, in der Doreen Pappritz eigentlich Feierabend hat. In der die gelernte Baufacharbeiterin daheim herumwerkeln, klassische Musik hören oder ein weiteres Buch schreiben könnte. Doch weder hat die ausgebildete Sängerin momentan Muse gar selbst wieder in einem Chor zu singen, noch freie geistige Kapazitäten, sich ihrem bisherigen beruflichen Steckenpferd – Altenpflege und Demenz – zuzuwenden.

„Ich muss schon zugeben, meine jetzige Tätigkeit fordert mich ganz schön. Und außer Dienst bin ich nie“, bekennt Doreen Pappritz. Gleich nun, ob an den zurückliegenden Weihnachtsfeiertagen, am Wochenende oder in der Nacht – das Handy lasse sie immer an. Kurz vor 23 Uhr habe es am Abend zuvor geklingelt. Ein Bewohner, so berichtete der Wachschutz-Mann, habe hohes Fieber und starken Husten. „Dafür bin ich neben den Sozialarbeitern der Diakonie natürlich da. Obgleich ich immer versuche, den Leuten zu vermitteln, dass man bei einer Erkrankung auch schon mal am Tag selbst aktiv werden muss.“

Nicht grundlos hängen an einer Pinnwand im Büro alle Ansprechpartner, die im Fall der Notfälle in Großenhain helfen könnten. „Hilfe zur Selbsthilfe“, nennt Doreen Pappritz den praktischen Verweis darauf. Nicht, dass sie die Menschen aus zehn verschiedenen Nationalitäten – darunter Syrien, Irak, Afghanistan, Pakistan oder Tschetschenien – nicht unterstützen wolle. Ganz im Gegenteil. „Aber ich denke, sie sind alles erwachsene Persönlichkeiten, die in der Lage sind, sich beispielsweise selbst zu einem Arzt oder einer Behörde zu begeben“, erklärt Doreen Pappritz.

Den Einwand, dass die Betroffenen häufig doch aus einem anderen Kulturkreis stammen, lässt sie nur teilweise gelten. Gleich nun, ob es Regeln des gemeinsamen Umgangs betrifft, Ansprüche an Ordnung und Sauberkeit im Heim oder die Einhaltung von bundesrepublikanischem Recht und Gesetz. Vor den Augen der in diesen Fragen sehr strengen Einrichtungsleiterin sind alle Flüchtlinge gleich. „Wenn ich denke, es ist an der Zeit, dass sich einer unserer allein gereisten Männer wieder mal duschen sollte, dann bekommt er das von mir deutlich mitgeteilt. Auch, dass ein benutzter Herd anschließend gesäubert werden muss, ist freilich kein Tabuthema.“

Doreen Pappritz, die ihrem Arbeitgeber nach eigenem Bekunden dankbar ist, dass er ihr diese verantwortungsvolle Aufgabe zugetraut hat, ist keineswegs die Frau, die nun beginnt, illoyal aus dem Nähkästchen zu plaudern. Nein, so sagt sie kopfschüttelnd, das werde sie jetzt gewiss nicht tun. Schon gar nicht für alle Öffentlichkeit. Aber dass sich das Zusammenleben der Menschen auf so engem Raum nicht immer einfach gestalte, könne sich doch jeder an den eigenen fünf Fingern abzählen. Natürlich gebe es mal einen Mann, der seinen ganzen Frust im Alkohol ertränke. Auch jenen, der seiner Frau keinen Schritt allein gestatte, und auch den, der die Mutter seiner Kinder schlage.

Lieber selbst das Haus putzen

Dass es zuweilen derartige Vorfälle gebe, will Doreen Pappritz gar nicht verschweigen. Auch nicht, dass sie schon beobachtet hat, wie einige Männer jungen Mädchen auf der Straße länger nachschauen, als es für das subjektive Sicherheitsempfinden der Großenhainer und Glaubitzer eigentlich gut wäre. „Ich kann ihnen versichern, dass wir das alles ganz genau im Blick haben und gemeinsam mit der Diakonie Riesa-Großenhain sofort aktiv werden“, sagt Doreen Pappritz.

Angesichts der furchtbaren Vorfälle in Köln und anderswo wäre es aus ihrer Sicht schlimm, jetzt alles zu beschönigen. Die Ansammlung von Menschen verschiedener Kulturen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen und Religionen bedingte nun einmal, dass der eine oder andere Konflikt vorprogrammiert sei. Auch die erzwungene Untätigkeit den ganzen Tag trage nicht maßgeblich dazu bei, psychisch stabiler zu werden. Allerdings: „Das sind für mich alles keine Umstände, die man nun nur ausschließlich den Flüchtlingen zuschieben kann. Auch unter unseren eigenen Landsleuten gibt es durchaus gewaltbereite Menschen oder solche, deren Tag aus mannigfaltigen Gründen ausschließlich vor dem Fernseher stattfindet.“

Um dem entgegenzuwirken, ist Doreen Pappritz von Anfang an ihren eigenen Weg gegangen. Trotz aller Kritik hat sie konsequent ihr Konzept beibehalten, beispielsweise das Heim von willigen Asylbewerbern selbst putzen zu lassen. Manch einer schwinge für einen Euro lieber den Besen, als den ganzen Tag zu schlafen. Außerdem lernt sie nun Montagnachmittag mit afghanischen und pakistanischen Bewohnern Deutsch. Hausaufgaben inclusive. „Im wahren Leben würden mich einige von ihnen wahrscheinlich milde belächeln. Aber durch meinen Job bin ich für sie der Big Boss – und das ist gut so.“