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Die Frauenfrage macht Deutschland zum Gespött

Die angebliche Verweigerungshaltung der Frauen, Kinder in die Welt zu setzen, ist der Ursprung allen Übels und der Grund, dass die Deutschen aussterben. Das sagen zumindest die Retro-Apostel, die an der Geschlechterfront derzeit bei uns Oberwasser gewinnen.

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Von Silvana Koch-Mehrin

Die angebliche Verweigerungshaltung der Frauen, Kinder in die Welt zu setzen, ist der Ursprung allen Übels und der Grund, dass die Deutschen aussterben. Das sagen zumindest die Retro-Apostel, die an der Geschlechterfront derzeit bei uns Oberwasser gewinnen.

Geht es nach den Ewiggestrigen, sollen sich Frauen auf ihre familiären Pflichten konzentrieren. Kurzum: Sie werden wieder über ihre Gebärmutter definiert. Was ich noch vor Kurzem für undenkbar gehalten hätte: Es gibt einen Trend zurück zu alten Geschlechterverhältnissen. Dabei ist die Gleichberechtigung für meine Generation nie ein Problem gewesen. Die Entweder-Oder-Frage zwischen Kindern und Arbeit hat sich uns nicht gestellt. Auf einmal aber finden wir uns in einem miefig-moralischen Klima wieder, das an die Fünfzigerjahre erinnert.

Der neue Feminismus hat trotzdem nichts mit einem Kampf zwischen Frauen und Männern zu tun. Im Gegenteil: Der neue Feminismus streitet mit den Männern für die Männer. Das klingt ungewöhnlich, ist aber ganz einfach. Die Frontlinien verlaufen heute nicht mehr zwischen den Geschlechtern. Das Gefecht wird gegen die selbst ernannten Gralshüter der Geschlechterrollen geführt. Sie bedrohen die Errungenschaften unserer aufgeklärten Gesellschaft: die Freiheit, sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu leben.

Der neue Feminismus streitet für die Vollendung der Gleichberechtigung und gegen den falschen Mutter-Mythos, der Frauen benachteiligt und berufstätige Frauen stigmatisiert. Auch Männer sollen Beruf und Familie miteinander vereinbaren können! Weil das Ehegattensplitting nach wie vor die Einverdiener-Ehe unterstützt, streiten wir auch gegen diese Ungerechtigkeit im Steuersystem. Und weil Deutschland nach wie vor Entwicklungsland ist, wenn es um Kinderbetreuung geht, streiten wir auch hier für neue Lösungen. Unsere europäischen Nachbarn machen uns vor, wie es besser geht.

Das Thema „Krippenplätze“, das derzeit bei uns diskutiert wird, ist allerdings nur ein Aspekt. Ganztagsschulen und andere Betreuungsangebote sind im europäischen Ausland gang und gäbe. Ein wesentliches Anliegen des neuen Feminismus ist aber auch, dass Frauen kein Lebensentwurf vorgewiesen wird. Egal für welchen Lebensweg sich eine Frau heute entscheidet – sie wird dafür angegriffen und diffamiert.

Keiner merkt: Die Frauenfrage macht uns zum Gespött der europäischen Nachbarn. Aber internationale Aufmerksamkeit ist bekanntlich gut, um Zustände im eigenen Land zu verbessern. Starten wir jetzt die Offensive, um die Verhältnisse zu ändern! Möglichkeiten gibt es viele: schlagkräftige Frauennetzwerke zum Beispiel. Oder Quoten, nicht nur für Männer!

Silvana Koch-Mehrin (36) sitzt für die FDP im Europäischen Parlament. Mit ihrem Buch „Schwestern“ (Econ-Verlag, 2007) legte sie eine Streitschrift für den neuen Feminismus vor.