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Die Freiwilligen

Kein Abschluss, kein Job, kein Plan für die Zukunft? Ratlose junge Leute bekommen eine besondere Chance.

© Sven Ellger

Von Nadja Laske

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Zwischen Antonias getuschten Wimpern schwingt beim Zwinkern eine Träne auf und ab. Sie hält sich so hartnäckig wie die traurigen Gedanken an eine verkorkste Schulzeit. Die hat das Mädchen nur bis zur neunten Klasse ausgehalten. Dann war Schluss, ohne Prüfung, ohne Abschlusszeugnis. Antonia hat hingeschmissen. Das dunkle Haar zu zwei Zöpfen geflochten, Bluse und Jeans. „Das ist eine meiner Besten“, könnte eine Klassenlehrerin stolz von ihr sagen. Doch hinter der puppigen Erscheinung verbirgt sich keine Musterschülerin. Viel mehr eine, die verlangte Muster nicht erfüllte. Die 16-Jährige erzählt wenig über die Dinge, die ihr zugesetzt haben. Es geht um Ausgrenzung und Angst vor Mitschülern, um Unterricht, dem sie nicht folgen konnte und lange Krankheit. Antonia muss im Vagen bleiben, um nicht zu weinen. Lieber spricht sie über ihr heutiges Leben. Das fühlt sich so viel besser an.

Genau wie das von Thorge und Finn. Die beiden haben zwar ihren Hauptschulabschluss gestemmt. Aber fit für Ausbildung und Arbeitsleben fühlten sie sich trotzdem nicht, als sie Antonia kennenlernten. Das war Ende vergangenen Sommers beim Paritätischen Freiwilligendienst in Dresden. Er bietet seit zehn Jahren das sogenannte „FSJ Chance“ an, ein Freiwilliges Soziales Jahr für Jugendliche, die ihre Schul- oder Berufsausbildung abgebrochen haben, längere Zeit arbeitslos waren oder im Sprint um die besten Noten und Abschlüsse einfach Schlusslicht geworden sind. Bei der Auswahl der Bewerber um einen Platz fürs herkömmliche FSJ war den Organisatoren aufgefallen, dass immer diejenigen leer ausgingen, die ohnehin schon nicht die besten Chancen haben. Abiturienten und Realschulabsolventen füllten die Freiwilligengruppen. Dabei sollten doch nicht nur sie die Möglichkeit haben, ein Jahr lang Orientierung zu suchen, sich in sozialen Berufen auszuprobieren, zu reifen und Anlauf für ihren Berufsweg zu nehmen. Diese Überlegungen waren der Beginn eines besonderen Projektes des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

Nun gehören Antonia, Thorge und Finn zur Generation 10.0 des FSJ Chance. Doch damit sind sie nicht nur einem Leerlauf entgangen und machen sich irgendwie nützlich. Das Freiwillige Soziale Jahr hält für Jugendliche wie sie neben der Arbeit in Kindergärten und -krippen, Schulhorten, Seniorenheimen, Werkstätten und Krankenhäusern ein sozialpädagogisches Programm bereit. Es gibt vielen jungen Leuten das zurück, was sie nie kennengelernt oder verloren haben: Vertrauen in sich selbst und in eine funktionierende Gemeinschaft – Rüstzeug fürs Leben.

Thorge zum Beispiel hat bei der Bundeswehr zunächst eine Ausbildung zum Elektroniker für Geräte und Systeme begonnen. „Nach vier Monaten war mir klar, dass das nicht das Richtige für mich ist“, sagt er. Zwar interessiert er sich für technische Dinge und Physik, Theorie und Praxis hätten ihm Spaß machen können. „Aber es wurde mir nebenher zu viel getrunken und gefeiert“, sagt er, „Außerdem war es zu laut im Unterricht.“ Diese Art Gruppendynamik verstörte den 17-Jährigen. Sein FSJ absolviert er in einer Recyclingwerkstatt für elektronische Geräte. Später will er einen neuen Anlauf wagen, den Realschulabschluss schaffen und irgendwann doch als Elektrotechniker arbeiten.

Finn wusste nach seinem Hauptschulabschluss noch gar nicht, wohin die Reise für ihn beruflich gehen soll. Seine Mutter, Hortleiterin von Beruf, brachte ihren Sohn auf die Idee, sich für das FSJ zu bewerben. Ein halbes Jahr später sieht der 17-Jährige seinen Weg glasklar vor sich: „Ich will Erzieher werden.“ Als Freiwilliger in einem Schulhort hat er die Freude an dieser Arbeit entdeckt. Eine lange Ausbildungszeit liegt vor ihm. Wer mit einem Hauptschulabschluss startet, muss Umwege gehen. Nach seinem FSJ wird Finn seine zweijährige Ausbildung zum Krankenpflegehelfer beginnen, eine zweijährige Ausbildung zum Sozialassistenten anschließen, erst dann kann er die dreijährige Erzieherausbildung beginnen.

Auch Antonia hat neuen Mut. „Ich habe mir die Klubschule der Treberhilfe ausgesucht, dort kann ich mich auf Schulabschlussprüfungen vorbereiten.“ Vorerst aber ist sie froh, in einem stärkenden Umfeld angekommen zu sein: in der Kita, in der sie arbeitet und in ihrer FSJ-Chance-Gruppe. Die ist mit etwa 15 Teilnehmern viel kleiner als es die FSJ-Gruppen normalerweise sind und bietet eine intensivere Zuwendung durch Sozialpädagogen. Die Pädagogen begleiten die Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 26 Jahren das ganze Jahr über, leiten sie auf Exkursionen und Bildungstagen an, sind Ansprechpartner bei Plänen für die Zukunft. Damit gelingt ihnen, was Schule Antonia, Thorge und Finn nicht vermitteln konnte: Zusammenhalt, Sicherheit, Akzeptanz und Zuversicht.

„Mir wäre Privatunterricht am liebsten gewesen“, sagt Finn. In seiner Klasse habe es ihm „zu viele Brennpunkte“ und damit zu viel Stress gegeben. „Ich hätte mehr Ruhe und Harmonie beim Lernen gebraucht“, sagt Thorge. „Ich wollte von meinen Lehrern besser verstanden werden“, sagt Antonia. Ihre Schulangst ist nicht vergessen. Aber im FSJ besucht sie alle Seminare und zieht andere mit. Alles freiwillig.

www.freiwillig-jetzt.de