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Die fünf Top-Trends in Silicon Saxony

Die Experten in Sachsens Vorzeigebranche treffen sich bei bester Stimmung: Endlich können sie wieder zu Großprojekten in Dresden beitragen.

© VISUM/Jürgen Lösel

Von Georg Moeritz

Der Aufschwung bringt Aufregung: Heinz Martin Esser sucht nach den passenden Worten auf Englisch, spricht von großer Herausforderung und straffen Zeitplänen. Jetzt seien auch wieder viele Stellen frei, sagte Esser am Dienstag zur Eröffnung des Silicon Saxony Day. In Dresden trafen sich Experten aus den 337 Mitgliedsunternehmen des Branchenverbandes, den Esser leitet. Silicon Saxony, das steht für Halbleiterprodukte und Software aus Sachsen. Die Firmen des Verbandes mit ihren 20 000 Mitarbeitern rechnen mit noch mehr Aufschwung: Bosch baut seine Dresdner Fabrik im Wert von einer Milliarde Euro, Infineon kauft ebenfalls zusätzliche Maschinen und stellt Experten ein.

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Das Wachstum der Halbleiter-Industrie soll sich innerhalb der nächsten fünf Jahre verdoppeln, auf dann sechs Prozent pro Jahr. Lauter gute Nachrichten, die Esser und seine Kollegen in Konferenzräumen der ehemaligen Qimonda-Chipfabrik vortrugen. Vor neun Jahren wurden dort 4 000 Arbeitsplätze gestrichen, doch jetzt ist Wachstum.

Fünf Trends tragen dazu bei:

Trend 1: Alle wollen Lieferanten der Auto-Industrie werden

In vier Wochen ist Grundsteinlegung für die Bosch-Halbleiterfabrik beim Dresdner Flughafen. Schon hat Werkleiter Otto Graf einen Lieferanten-Tag veranstaltet. Graf will von den 700 Arbeitsplätzen in der neuen Fabrik schon in diesem und im nächsten Jahr je 125 besetzen. Die ersten Bosch-Mikrochips aus Dresden sollen für das autonome Fahren und das Internet der Dinge eingesetzt werden. Bosch rechnet wie seine Nachbarn damit, dass die Autos der Zukunft immer mehr Elektronik brauchen. Bei Infineon Dresden macht die Auto-Sparte einen großen Teil der Chipproduktion aus, auch X-Fab und IDT als Nachfolger des ehemaligen Traditionsbetriebs Zentrum Mikroelektronik Dresden sind darauf spezialisiert. Seit diesem Jahr hat auch Dresdens größte Chipfabrik die nötigen Zertifikate, um an die Autoindustrie zu liefern: Globalfoundries Dresden kehrt sich zwar nicht ab von Großkunden wie AMD und Qualcomm, die Chips für Computer und Handys bestellen, will aber künftig auch den Massenmarkt für Automobil-Chips und für drahtlos vernetzte Haushaltsgeräte bedienen.

Trend 2: Roboter übernehmen in den Fabriken mehr Aufgaben

Bosch-Werkleiter Otto Graf spricht von „künstlicher Intelligenz“, die in der Dresdner Fabrik für hohe Produktivität, Tempo und zugleich stabile Qualität sorgen soll. Hoch automatisiert wird diese Fabrik werden. Auch Nachbar Infineon setzt auf die Hilfe von Robotern – etwa beim Bestücken der Anlagen mit Rohlingen. Nirgendwo passt das Schlagwort „Industrie 4.0“ so gut wie bei den Chipfabriken, die mit wenig Personal auskommen. Wo bei Qimonda noch 4 000 Menschen Speicherchips herstellten, sollen wenige Hundert in derselben Halle für Infineon arbeiten. Zugleich hat Infineon angekündigt, nach Dresdner Vorbild in Österreich eine „vollautomatisierte“ Produktion aufzubauen. Heinz Martin Esser sagt, die Entscheidung für Villach sei „vielleicht nicht die beste Nachricht für Dresden“, aber auch hier schaffe Infineon wieder Stellen. Bei Globalfoundries fiel der Abbau nicht ganz so stark aus wie angekündigt – 500 von 4 000 Stellen fielen weg.

Trend 3: Die Firmen suchen Experten und fördern Existenzgründer

Jetzt sei viel zu tun, sagt Heinz Martin Esser, dessen Firma Fabmatics in Dresden an Robotern für die Chipfabriken arbeitet. Nicht nur bei ihm seien Stellen frei. Bei einem Speeddating während der Tagung stellten sich 95 Studenten bei 20 Firmen vor – dabei Weltmarken wie Jenoptik, aber auch Tracetronic als Experte für Steuergeräte-Software und HSEB Dresden mit „optischen Lösungen für die Prozesskontrolle“. Geradezu ins Schwärmen für den Standort Dresden geriet Uwe Aßmann, Professor am Lehrstuhl für Softwaretechnologie: Er habe in Karlsruhe studiert, aber dort Hardware-Hersteller vermisst. Dresden sei der beste Platz:

„Gehen Sie nirgendwo anders hin in Deutschland, denn irgendwas wird fehlen.“ In Dresden habe jeder die Chance, seine „Killer-App“ zu entwickeln – also eine Software, die viele Kunden findet.

Trend 4: Forscher bündeln in Sachsen ihr Wissen

Noch gesucht wird auch ein Geschäftsführer für die jüngste Firma der Branche in Dresden: Die Smart Systems Hub GmbH wurde per Förderprogramm gegründet, um mittelgroße Firmen mit Forschungseinrichtungen zu vernetzen. Das Wort „Hub“ für Knotenpunkt oder Nabe fällt jetzt häufig. Auch am neuen National 5G Energy Hub sind Dresdner beteiligt. Sie wollen den schnellen Mobilfunkstandard 5G für die Gebäudeenergietechnik anwendbar machen. Selbst in Annaberg-Buchholz arbeiten Forscher damit: Der Smart Rail Connectivity-Campus dort will, dass Züge automatisch Eis und Schnee erkennen und mit Autos am Bahnübergang zur Sicherheit kommunizieren.

Trend 5: Spezialitäten sind Sensoren und neue Materialien

Mikrochips aus Dresden sind häufig mit Sensoren bestückt oder mit winzigen Spiegeln. Anlagenhersteller wie Von Ardenne sowie Fraunhofer-Institute tragen dazu bei. Selbst der neue Baustoff Carbonbeton könnte mit Mikrochips gespickt werden – ein Förderprogramm bringt Experten der beiden Technologien zusammen.