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Die Gefühle müssen raus

Bei Spielen der Elbflorenz-Handballer fällt Hendrik Halfmann besonders auf. Und das liegt nicht nur an der Trikotfarbe.

© Robert Michael

Von Tino Meyer

Licht aus, Emotionen an. Wenn die Stimmung schon bei der mitreißenden Einlaufzeremonie prickelt, sich die Elbflorenz-Handballer dann wie zuletzt in einen kleinen Rausch spielen und es kaum einen auf den Sitzen hält, setzt er locker noch einen drauf. Torwart Hendrik Halfmann ist zweifellos die große Entdeckung bei den Zweitliga-Neulingen aus Dresden.

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Mit seinen fast zwei Metern Körpergröße hat das nicht mal unbedingt etwas zu tun. Zumindest für diese eine Aktion, mit der Halfmann vor einer Woche beim Überraschungssieg gegen Coburg den vielzitierten Funken zum Publikum überspringen ließ, ist das Gardemaß allerdings entscheidend gewesen. Als ihn Coburgs Nationalspieler Florian Billek mit einem Heber überlisten will, fischt Halfmann den Ball einfach mit einer Hand aus der Luft. Die Zuschauer toben – und der 24-Jährige schlägt sich wie von Sinnen auf die Brust.

Das sei seine typische Geste nach guten Aktionen, sagt er, dieser gehaltene Heber aber etwas Besonderes. „Das war für mich ganz wichtig. Ich bin ein sehr emotionaler Spieler und brauche solche Momente. Danach war ich richtig drin im Spiel“, meint Halfmann, und man will ihm nicht widersprechen. Auch das hat weniger mit der Körpergröße zu tun als vielmehr mit seiner Körpersprache. Selbst eine Woche nach dem berauschenden 29:25-Heimsieg gegen den Bundesliga-Absteiger kann sich der Torwart herrlich begeistern. Man muss ihn nur darauf ansprechen.

„Im Jugendbereich habe ich gemerkt, dass mir persönlich diese Emotionalität auf dem Spielfeld hilft, dieses Kribbeln, das Kaum-noch-sitzen-können, Einfach-heiß-sein und So-sehr-aus-mir-rauskommen“, sagt er. Abgesehen vom heroischen Brustschlagen, das nicht nur Stärke demonstrieren soll, sondern tatsächlich wie von Halfmann gewünscht zur Körperspannung beiträgt, schreit er dann die Freude heraus und schreitet übers Spielfeld. „Es lief gut für mich“, meint er rückblickend.

Die Anerkennung für den insgesamt überzeugenden Saisonstart des HC Elbflorenz mit sechs Punkten aus acht Spielen nimmt Halfmann gerne an, das Lob für die eigene Leistung nicht. Die habe ausdrücklich mit der Mannschaft zu tun. „Ich kann nur ganz viele Bälle halten, weil die Jungs vor mir gute Arbeit machen. Ohne Abwehr kann ich nicht so aufblühen“, betont er.

In der Vorbereitung auf jedes Spiel werde schließlich ganz genau besprochen, wie das Zusammenwirken von Abwehr und Torwart zu funktionieren hat. Im Idealfall kann der Gegner dann nur noch in die eine Ecke werfen, in der Halfmann steht. Klingt simpel, klappt so eindrucksvoll wie gegen Coburg aber selten. Gut 40 Prozent der gegnerischen Würfe hat Halfmann in der ersten Halbzeit pariert. Ein Topwert – und die Bestätigung fürs Bauchgefühl des Trainers. Christian Pöhler hat ihn erstmals von Anfang an spielen lassen anstelle des deutlich erfahreneren Mario Huhnstock, der außerdem noch Kapitän ist. Entsprechend nervös sei er gewesen, gesteht Halfmann.

Der Neuzugang trägt zwar die Nummer eins auf dem markanten roten Trikot, doch die Konstellation zwischen den Pfosten ist eigentlich eine andere.

Wiedersehen mit dem Ex

Nur funktionieren Torhüter im Handball am besten als Team – auch dafür ist Coburg das beste Beispiel. Denn in der Schlussviertelstunde ist es der 31-jährige Huhnstock, der den Sieg sichert. „Mario hat schon einige Jahre in der ersten und zweiten Liga hinter sich. Ich lerne sehr viel von ihm und finde es immer erstaunlich, auf wie viele Dinge er mich hinweist, die ich nicht sehe“, erklärt Halfmann. Und wenn er sagt, dass sich beide sehr gut ergänzen, gilt das explizit auch für die Gefühlsausbrüche.

An diesem Sonntag, 17 Uhr, ist es wieder so weit. Doch beim Heimspiel gegen Eintracht Hagen sind die Rollen vertauscht, diesmal kann Halfmann dem Kollegen und vor allem seinem Trainer die entscheidenden Tipps geben. Viereinhalb Jahre hat er beim Mitaufsteiger gespielt und weiß, was den HC Elbflorenz erwartet: ein auf drei, vier Positionen verstärkter Gegner, der vergangene Woche den ersten Saisonsieg erzielt hat. „Die kommen also mit dem gleichen Rückenwind, den auch wir haben“, meint der gebürtige Remscheider, der aus einer handballverrückten Familie stammt. Vater Roland hat als Zweitliga-Torwart unter anderem für Wuppertal und Leverkusen gespielt. Und auch die fünf Geschwister waren oder sind noch aktiv.

Als im Sommer das Angebot aus Dresden kam, hat der Familienrat getagt – und eindeutig dafür gestimmt. „Ich brauchte eine Veränderung“, sagt Halfmann, auch wenn mit einem Mal ziemlich viel zusammengekommen ist: neue Stadt, neue Mannschaft, neue Liga, noch dazu erstmals überhaupt weg von zu Hause und dann gleich so weit. Zudem studiert Halfmanns Freundin in Mönchengladbach und kann bestenfalls an den Wochenenden zu Besuch kommen. „Die ersten Wochen waren sehr anstrengend“, sagt der Torwart, findet aber, der Eingewöhnungsprozess ist nun abgeschlossen. Und der Wechsel habe sich sowieso schon ausgezahlt, nicht zuletzt wegen der Atmosphäre bei den Heimspielen.