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„Die goldenen Zeiten sind vorbei“

Das gebremste Wachstum in China und hohe Marktbarrieren trüben die Stimmung unter europäischen Unternehmen. Es herrscht Ungewissheit, das Geschäft wird schwerer.

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© dpa

Von Andreas Landwehr

Peking. Nach dem Boom setzt jetzt Ernüchterung ein: „Die goldenen Zeiten in China sind vorbei“, sagt der Präsident der Europäischen Handelskammer in China, Jörg Wuttke, am Donnerstag in Peking bei der Vorlage der jährlichen Umfrage über die Stimmung in europäischen Unternehmen, die in China tätig sind. Der Gemütszustand ist in diesem Jahr auffallend schlecht. Die Finanzlage hat sich verschlechtert, der Umsatz wächst nicht mehr so schnell wie früher. Expansionen werden auf Eis gelegt und Investitionen zurückgehalten.

„Jetzt, wo sich China vom zweistelligen Wachstum verabschiedet, kommt die Wende“, erklärt Wuttke. „China hat die tief hängenden Früchte gepflückt, aber jetzt tritt eine neue Normalität ein.“ Mit 7,7 Prozent wächst die zweitgrößte Volkswirtschaft schon seit zwei Jahren so langsam wie seit Ende der 90er Jahre nicht mehr. Der Schub durch den Beitritt in die Welthandelsorganisation 2001 lässt spürbar nach.

Irgendwann sind genug Bahnhöfe, Flughäfen und U-Bahnen gebaut

Auch massive Infrastrukturprogramme könnten die Konjunktur nicht mehr ankurbeln. „An einem Punkt sind genug Bahnhöfe, Flughäfen und U-Bahnen gebaut“, sagt Wuttke. Dringend nötige Reformen sind zwar auf dem Plenum des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei im November angekündigt worden, aber die Umsetzung lässt auf sich warten.

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Die Unsicherheit lasse Manager mit neuen Investitionen zögern, sagte Wuttke. „Europäische Unternehmen fangen an, ihre Expansionspläne auszusetzen.“ Mit ihren Reformplänen habe die neue Führung große Erwartungen geweckt. Aber die Hälfte der befragten EU-Unternehmen ist jetzt nicht einmal sicher, ob sie von den Reformen profitieren würden oder ob es überhaupt in den nächsten zwei Jahren dazu kommen wird, wie die Umfrage feststellt.

Wo die Aussichten so ungewiss erscheinen, fällt es EU-Unternehmen auch zunehmend schwerer, die anhaltenden Hindernisse im Marktzugang und die härteren Geschäftsbedingungen zu ertragen. Auf die gigantische Summe von 21 Milliarden Euro beziffert die Europäische Union die Geschäfte, die ihnen dadurch in China entgehen - das entspricht etwa 15 Prozent aller europäischen Exporte nach China.

Unberechenbares rechtliches Umfeld plus Diskriminierung

Verbesserungen lassen auch bei den größten bürokratischen Hürden vergeblich auf sich warten. An der Spitze der Klagen stehen: Ein unberechenbares rechtliches Umfeld und eine beliebige Auslegung von Vorschriften. Auch Diskriminierung ist bei schlechterer Konjunktur in China immer schwerer hinzunehmen. 55 Prozent empfinden sich im Vergleich zu ihren chinesischen Wettbewerbern benachteiligt.

Die Erwartungen für weiteres Wachstum der Unternehmen sind heute so schlecht wie seit dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise 2009. Auch sind nur noch 31 Prozent optimistisch, was ihre Profitabilität in den nächsten zwei Jahren angeht. Zwar wächst die Abhängigkeit der Europäer vom China-Geschäft, doch wollen nur noch 57 Prozent ihren gegenwärtigen Betrieb im Milliardenreich weiter ausbauen, was vor einem Jahr immerhin noch 86 Prozent vorhatten.

Während vor allem die Autoindustrie, Medizintechnik oder der Maschinenbau noch gute Umsätze schreiben, sind die Chemieindustrie sowie der Transport- und Logistikbereich die Schlusslichter. Vor den höchsten Hürden beim Marktzugang stehen europäische Finanzinstitute und Versicherungen, die entsprechend düster in die Zukunft blicken. „Sie werden umworben und gleichzeitig in einen Käfig gepackt“, sagt der EU-Kammerpräsident. (dpa)