Teilen: merken

Die große Angst vorm Fahrverbot

Werden Dieselautos verbannt, haben viele Handwerker in der Region ein Problem. Die Autohäuser reagieren.

© Jens Trenkler

Von Sebastian Kositz und Thomas Staudt

Seit dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig zu den Dieselfahrverboten in deutschen Städten sind viele Betriebe in der Region verunsichert. Künftig können die Kommunen im Alleingang Dieselfahrzeuge wegen Feinstaub aus ihren Zentren verbannen. Und die Liste der betroffenen Städte, wo die Luft zu dreckig ist, ist ellenlang. Zwar betrifft es vor allem Orte in den alten Bundesländern, darunter Düsseldorf, Stuttgart, München oder Frankfurt am Main. Doch genau auf den Baustellen in diesen Städten sind tagtäglich viele Handwerker aus der Region mit ihren Dieselfahrzeugen unterwegs.

Symbolbild Anzeige
Anzeige

Zutritt nicht verboten, sondern erwünscht

Den Politikern über die Schultern schauen und die Zeitungsproduktion live erleben – das geht auch zusammen. 

Bei den Kreishandwerkerschaften haben die Verantwortlichen das Problem deshalb längst auf dem Schirm. Zwar sind in Sachsen aktuell keine Fahrverbote geplant. Allerdings gibt es in der Region etliche Betriebe, die im gesamten Bundesgebiet Aufträge abarbeiten. Allen voran Firmen, die im Baugeschäft unterwegs sind. „Das betrifft vor allem Tischler, Maler, Metallbau- und Elektrobetriebe“, erklärt der Bautzener Kreishandwerksmeister Frank Scholze.

Konkret betroffen ist beispielsweise der Malerbetrieb Schuster in Wilthen. Das Familienunternehmen ist bereits seit 1890 im Geschäft. Aufträge auf Baustellen in Mittel- und Süddeutschland sind heute eines der Standbeine. „Ich hätte ein Riesenproblem, wenn ich plötzlich nicht mehr nach Frankfurt oder in andere Großstädte hereinfahren kann“, erklärt Betriebsleiter Hanso Schuster. Vier Dieseltransporter gehören zur Fahrzeugflotte der Firma. Die Transporter hat der Betrieb über eine Finanzierung gekauft. Diese mit einem Schlag auszutauschen wäre für das kleine Familienunternehmen ein nicht zu stemmender finanzieller Kraftakt. Zumal, so erklärt Hanso Schuster, aktuell die Hersteller faktisch kaum Alternativen bieten. „Unsere Mitarbeiter sind teilweise bis zu 1 500 Kilometer am Tag unterwegs“, erklärt Hanso Schuster. Mit einem Elektroantrieb sei das nicht zu machen, so der Malermeister.

Jörg Dittrich, Präsident der Handwerkskammer Dresden, warnt: „Da viele ostsächsische Handwerksunternehmen mit Dieselfahrzeugen unterwegs sind, würde ein Fahrverbot die Betriebe sehr empfindlich treffen. Ich appelliere daher an die Kommunen, alles zu tun, um das zu vermeiden.“ Dittrich fordert zugleich, dass die Autoindustrie manipulierte Dieselfahrzeuge auf eigene Kosten nachrüstet.

„Wir haben lange zusamengesessen und mit dem Verkaufsteam beraten, was das alles für uns bedeutet“, so Katharina König. Sie leitet zusammen mit ihrer Schwester Elisabeth das ACO Autohaus Henke. Auf ihrem Firmengelände in Niesky stehen eine ganze Reihe von Lieferwagen, wie sie auch viele Handwerksbetriebe in der Region nutzen. Geliefert wird ins gesamte Bundesgebiet. „Wir verkaufen bereits seit vergangenem Jahr ausschließlich Fahrzeuge, die der Euro-6-Norm entsprechen“, sagen Henkes. Sie sehen in der allgemeinen Verunsicherung ein mindestens ebenso großes Problem wie in der ständig wechselnden Informationsflut. Größere Fuhrparke werden kaum auf den Diesel verzichten, da es auf dem Markt noch keine preisliche Alternative gebe, meinen sie.

Problematisch sind die Dieselfahrverbote für Enrico Böttcher in Ottendorf-Okrilla. Der Fuhrpark der Firma Fuchs und Girke umfasst 30 Transporter und 15 Pkw – alles Diesel, wie der Geschäftsführer sagt. Die bringen nicht nur die 150 Mitarbeiter von Ottendorf auf die Baustellen, sondern auch Werkzeuge und Material. „Unsere Baustellen liegen nun einmal in den historischen Innenstädten. Ich kann die Mitarbeiter schlecht mit Bus und Bahn hinschicken“, so Enrico Böttcher. Die gesamte Flotte läuft über Leasing. Die Fragen nach Kosten und Alternativen beiseitegelassen, würde der Austausch vier bis sechs Jahre dauern.

Kreishandwerksmeister Frank Scholze zeigt einerseits Verständnis für die Probleme in den Städten. „Auch wir Handwerker wollen saubere und bessere Luft. Aber der Nahverkehr oder Fahrradwege sind eben für Handwerker nicht nutzbar“, sagt Frank Scholze. Aus seiner Sicht braucht es deshalb Ausnahmegenehmigungen für Handwerker, wenngleich auch Frank Scholze weiß, dass damit noch mehr Bürokratie und Zusatzkosten auf die Betriebe zukämen. Auch Roland Ermer, der Präsident des Sächsischen Handwerkstags, plädiert für Ausnahmeregelungen, „wenn bei der Nahversorgung in Innenstädten auch künftig ein Kollaps von vornherein ausgeschlossen werden soll“. Zugleich könnten Handwerker, deren Kunden und die Verbraucher nicht die Leidtragenden für Versäumnisse von Autoherstellern und der Politik sein, erklärt Roland Ermer.