Merken

Die Großmutter des weiblichen Orgasmus

Die Forscherin Shere Hite hat 1976 als Erste die wahren Gefühle der Frauen beim Sex thematisiert.

Teilen
Folgen

Von Chris Melzer, New York

Man kann ohne Übertreibung sagen, dass Shere Hite den weiblichen Orgasmus bekanntgemacht hat – und umgekehrt. Vor dem Erscheinen ihres Hite-Reports im Jahr 1976 kannte niemand die Geschichtsdoktorandin aus den Südstaaten; und der Orgasmus der Frau war ein Thema, das keines war: Hatte die Frau einen Orgasmus, war alles gut. Hatte sie keinen – reden wir nicht darüber. Hite hat die Sexualforschung mit ihren umstrittenen Thesen revolutioniert. Jetzt wird sie 70, inzwischen als deutsche Staatsbürgerin.

In das Klischee der grauen Feministin passte Hite nie. Sie liebt den großen Auftritt – und den bekam sie mit Modelfigur und blonder Mähne auch. Gern kokettiert sie damit, dass sie sich als Studentin für den „Playboy“ ausgezogen hatte. Und auch die Werbung war eher an ihren Kurven und ihrem Gesicht interessiert – aber nicht an dem, was dahinter steckt. Es störte Hite nicht. Bis der Werbespruch unter einer Schreibmaschine mit ihr lautete: „Die Maschine ist so clever, da muss sie es nicht sein.“

Hite wurde zur Feministin, und mit Unterstützung entsprechender Verbände startete sie eine Befragung von Frauen. Das Ergebnis wurde als Buch veröffentlicht. 1976 schlug der „Hite Report“ ein wie eine Granate. Das sollten unsere netten Ehefrauen sein? Von denen angeblich nur jede dritte beim Sex mit ihrem Mann einen Orgasmus kriegen sollte? Weil die Männer Egoisten im Bett seien? Und deshalb würden fast alle Frauen, man möchte es ja kaum aussprechen, zur Selbsthilfe greifen?

Was heute in jedem Jugendblättchen steht, war damals Revolution: Frauen kommen anders als Männer und zumeist seltener. Und deshalb sei für viele Selbstbefriedigung etwas ganz Normales, ob mit der Hand, einem Kissen, auf dem Wäschetrockner oder mit der Dusche. Und sie brauchen genauso lange zum Orgasmus wie Männer, im Schnitt vier Minuten. Das Problem: Vorher hatte darüber keiner so gesprochen. Sigmund Freud sah klitorale Handlungen als etwas „unreifes“. Alfred Kinsey sprach darüber, aber nebenbei und klinisch. Und die sexuelle Revolution der Achtundsechziger war zuerst eine der Männer.

Nicht mehr als 2000 Exemplare sollten vom „Hite Report“ erscheinen – heute sind es mehr als 50 Millionen. Ihre Kritiker hat das eher angestachelt. Hite floh vor ihnen und vor den Paparazzi aus den USA nach Europa – und wurde im Jahr 1996 Deutsche. Da war sie schon lange mit dem deutschen Pianisten Friedrich Höricke verheiratet, außerdem hat Hite auch deutsche Vorfahren.