merken

Die Jesus-Vertreter

Zwei junge Amerikaner leben für einige Wochen in Meißen. Sie missionieren für die Mormonen.

© Claudia Hübschmann

Von Anna Hoben

Sächsische.de zum Hören!

Zu Hause, unterwegs, in der Pause – Sächsische.de kann man nicht nur lesen, sondern auch immer und überall hören. Hier befinden sich unsere Podcasts.

Bei Nummer zwölf haben sie endlich Glück. An einer Bushaltestelle treffen Elder Cannon und Elder Larsen eine mitteljunge Frau. Sie hat ein offenes Gesicht, und sie hat es nicht ganz so eilig. Wer in den folgenden fünf Minuten die Szene aus ein paar Metern Entfernung beobachtet, sieht zwei höfliche junge Männer im Gespräch mit einer Passantin. Es scheint eine lockere Konversation zu sein, es wird viel gelacht. Am Ende drückt einer der Frau eine Visitenkarte in die Hand. Man wünscht einander einen schönen Tag und verabschiedet sich. Endlich, ein Erfolgserlebnis.

Seit etwa einer Viertelstunde sind Elder Cannon und Elder Larsen an diesem Vormittag in Meißen unterwegs; die bisherigen elf Gespräche haben jeweils fünf bis zehn Sekunden gedauert und sind ungefähr so abgelaufen:

Elder Larsen: „Guten Tag, wir verteilen eine Botschaft, die uns geholfen hat.“

Passantin 1 und 2, zwei ältere Damen: mittelheftiges Abwinken, Weitergehen.

Elder Cannon: „Kennen Sie das Buch Mormon? Das ist einfach ein weiterer Zeuge für Jesus Christus.“

Passantin 3, eine junge Frau mit Kinderwagen: „Interessiert mich nicht.“

Elder Larsen: „Haben Sie sich je Gedanken gemacht über Religion und Gott?“

Passantin 4: „Ich glaube an gar nichts, die Welt ist so schlecht. Wenn es einen Gott gäbe, würden viele bestraft werden.“

Es ist kein leichter Job, den Elder Cannon und Elder Larsen haben. Ihre Aufgabe: durch die Stadt gehen, Menschen ansprechen, mit ihnen ins Gespräch kommen, am Ende vielleicht eine Telefonnummer bekommen. Broschüren verteilen über das Evangelium Jesu Christi und über die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, in deren Auftrag sie unterwegs sind. Vielleicht, irgendwann, können sie jemanden gewinnen, dem die Lehre der Kirche so gut gefällt, dass er sich taufen lässt. Zwei Jahre sind Elder Cannon und Elder Larsen dafür in deutschen Städten unterwegs. So lange tauschen sie ihre richtigen Vornamen gegen das universelle „Elder“. Es heißt „Ältester“ und steht für die Berufung als Missionar. Die Anhänger ihrer Kirche sind besser bekannt als Mormonen. „Doch das“, sagt Elder Cannon, „ist nur ein Spitzname, den uns die Welt gegeben hat, wegen des Buchs Mormon.“

Nach mormonischem Glauben hat ein Mann namens Joseph Smith das Buch im Jahr 1823 gefunden. Es schildert unter anderem, wie Jesus Christus in Amerika erschienen ist. Kritiker halten das Buch für frei erfunden. Für die Mormonen, die sich selbst als Christen sehen, ist es eine Ergänzung zur Bibel. Der Religionsgründer Joseph Smith gilt ihnen als Prophet.

Elder Cannon stammt aus Meißens Partnerstadt Provo in Utah, er heißt eigentlich Seth Cannon. An diesem Tag ist sein Geburtstag, er wird 21 Jahre alt, in den USA ein großer Tag, nun ist er volljährig. Wäre er kein Mormone, dürfte er jetzt legal Alkohol trinken. Elder Cannon hat ein Jahr lang Geschichte studiert, dann unterbrach er das Studium, um auf Mission zu gehen. Er hat ein gewinnendes Lächeln und ein selbstsicheres Auftreten. „Das ist eine gute Frage“, sagt er gern, vor allem, wenn man ihm eine kritische Frage stellt.

Elder Larsen, 19 Jahre alt, aus San Diego in Kalifornien, heißt eigentlich Bryce Larsen. Er ist das, was man einen Sunnyboy nennt, man kann sich ihn gut vorstellen am Strand, ein Surfbrett unter dem Arm. In den USA hat er als Sanitäter gearbeitet. Wenn er zurückkommt, muss er sich jedoch etwas Neues suchen. Zwei Jahre Pause sind seinem Arbeitgeber zu viel. Vielleicht will Larsen dann studieren.

Die Hemden sind gebügelt, die Krawatten sitzen. Die Haare sind ordentlich gescheitelt und gekämmt, die Gesichter glattrasiert, die Namensschildchen sitzen. Elder Cannon hat zehn weiße Hemden mit nach Deutschland gebracht, außerdem viel zu viele Krawatten. „Bestimmt 30 Stück.“

Die beiden Missionare sind in einem Alter, in dem man neugierig ist auf die Welt und sich ausprobiert. Man beginnt ein Studium und schmeißt es vielleicht wieder hin. Man reist. Man verliebt sich, fängt eine Beziehung an, trennt sich wieder und verliebt sich neu. Man liest und bildet sich einen Standpunkt zu den wichtigen Themen, verwirft ihn wieder und bildet sich einen neuen. Man feiert. Auch Elder Cannon und Elder Larsen studieren, reisen und führen eine Beziehung. Doch bei ihnen findet das alles in ziemlich engen Grenzen statt. Sie studieren die Bibel und das Buch Mormon. Sie reisen während ihrer Mission durch Deutschland, doch sie sind in dieser Zeit strengen Regeln unterworfen. Keine privaten Verabredungen, kein Flirten, keine unerlaubten Bücher, kein gefährlicher Sport, nicht einmal Schwimmen ist erlaubt – sie könnten ja ertrinken. Die Beziehung, die sie führen, ist die zu Gott und zu Jesus Christus. Zweimal im Jahr dürfen sie nach Hause telefonieren: zu Weihnachten und zum Muttertag. E-Mails schreiben ist öfter erlaubt, zwei Stunden sind pro Woche dafür eingeplant. Kein Alkohol, kein Kaffee, keine Zigaretten, kein Sex vor der Ehe.

Die Missionszeit müssen sie selbst bezahlen, es wird Familien empfohlen, rechtzeitig dafür zu sparen. Zu Beginn überweisen die Missionare der Kirche die Ersparnisse, jeden Monat bekommen sie einen Betrag für Lebenshaltungskosten. In Meißen teilen sich Elder Cannon und Elder Larsen eine WG. Dort bügeln sie ihre Hemden, lesen gemeinsam in den Schriften, starten ihre Touren durch die Stadt. Dabei ist jeder Tag streng durchgetaktet: Bibelstudium, Missionieren, gemeinnützige Arbeit. Sonntags geht es zum Gottesdienst ins Gemeindezentrum. Hier geben die beiden auch kostenlosen Englischunterricht. „Vor Kurzem hat uns jemand gefragt: Was ist der Haken an der Sache?“ Elder Larsen lacht. Es gibt keinen Haken. Keiner muss Mitglied der Kirche werden, um sein Englisch aufzufrischen. Wenn er es doch wird: umso besser. So oder so werden sie am nächsten Tag wieder auf die Straße gehen. Sie werden jemanden fragen: „Wünschen Sie sich ein besseres Leben?“ Wahrscheinlich wird die Antwort sein: „Nein, danke.“