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Die Kämpferin gegen Hetze im Netz

Steffi Brachtel aus Freital hat im Internet viel Hass auf sich gezogen. Am Mittwoch bekommt sie einen Preis für Zivilcourage.

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© Andreas Weihs

Von Carina Brestrich

Alles fing mit einem Foto an. Ein damaliger Kumpel von Steffi Brachtel postete es vor zwei Jahren auf seiner Facebook-Seite. Darauf zu sehen: ein Junge, der seinen Vater fragt, warum es bei der Fernsehserie Star Trek keine Muslime gebe. „Weil es in der Zukunft spielt“, antwortet der Vater. Wenig später beendet Steffi Brachtel die Freundschaft – nicht nur virtuell. „Für mich war damals eine Grenze überschritten“, sagt die 41-Jährige aus Freital.

Seit 2014 kämpft Steffi Brachtel gegen Hasskommentare im Internet. Vom Förderkreis „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ wird sie dafür jetzt mit dem „Preis für Zivilcourage“ ausgezeichnet. Mittwoch bekommt sie im Berliner Adlon-Hotel den mit 3 000 Euro dotierten Preis überreicht. Wie sie die vergangenen beiden Jahre in ihrer Dankesrede zusammenfassen wird, weiß sie schon: „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal zu den meistgehassten Menschen in Freital gehören würde“, sagt sie. „Und dass man so schnell Freunde verlieren kann.“

Dabei sei ihr Leben bis zum Oktober 2014 eigentlich ganz normal gewesen. Die gelernte Hotelfachfrau jobbt damals in einer Spielothek. Mit ihrem Sohn wohnt die zierliche Frau mit dem dunklen Pagenkopf in einer Wohnung in Freital. So wie viele andere ist sie bei Facebook unterwegs. Dort tauscht sie sich mit Freunden aus und verfolgt, was sie teilen. Doch mit dem Aufkommen von Pegida landen dort zunehmend auch fragliche Beiträge. Gepostet von Freunden, mit denen sich Steffi Brachtel bis dahin auch außerhalb des Internets trifft. „Es war erschreckend, zu merken, wie manche meiner eigenen Freunde in Wirklichkeit ticken“, sagt sie.

Steffi Brachtel beginnt, ihre Freundesliste auszusortieren und gegen die diskriminierenden Posts anzuschreiben. Unermüdlich verfolgt sie Diskussionen auf fremdenfeindlichen Seiten wie „Freital wehrt sich“ oder „Widerstand Freital“. Wieder und wieder kommentiert sie, mischt sich ein, mahnt zu Sachlichkeit und stellt sich gegen Pauschalisierungen. Vier bis sechs Stunden bringt sie bald täglich im Internet zu. „Ich konnte das doch nicht so stehenlassen“, sagt Steffi Brachtel. „Die Flüchtlinge waren noch nicht mal da. Aber der Hass in der Stadt war schon da.“

Am Anfang habe sie das Gefühl gehabt, mit Fakten und Argumenten den ein oder anderen immerhin zum Nachdenken anregen zu können. „Da konnte man mit vielen wenigstens noch normal diskutieren“, sagt sie. Aber schon wenig später werden die Kritiker zunehmend unsachlich. Steffi Brachtel merkt, dass ihr Einsatz nichts mehr bringt. Schließlich argumentiert sie gegen eine Wand aus anonymen Hetzern. „Ich musste trotzdem gegenhalten“, sagt sie, „denn wer schweigt, stimmt zu.“ Dabei will die Freitalerin nicht nur reden. Sie fährt zu den Pegida-Gegendemos nach Dresden, macht mit bei Aktionen gegen Rechtsextreme und kümmert sich um die Flüchtlinge im früheren Leonardo-Hotel.

Für die alleinerziehende Mutter, die bei Facebook stets unter ihrem Klarnamen auftritt, wird ihr Einsatz zunehmend zur Gefahr. Im Internet und auf der Straße wird sie als Antifa-Hure beschimpft, auf dem Heimweg wird sie verfolgt. Eines Tages brennt ihr Briefkasten. „Mich kannten plötzlich Leute, die ich nicht kannte“, sagt sie. Das bekommt sie auch auf der Bürgerversammlung im Freitaler Kulturhaus im Juli 2015 zu spüren: Dort wird Steffi Brachtel niedergebrüllt und vom Mikrofon weggestoßen. „Auf dem Podium saß der sächsische Innenminister“, sagt sie. Eingegriffen habe niemand.

Heute fühlt sich Steffi Brachtel wieder sicherer. Es sei ruhiger geworden, auch im Internet. Dort gibt es für sie derzeit nicht viel zu tun. Mehrere Hetzseiten sind gesperrt – für Steffi Brachtel eine Genugtuung: „Ich kann mich jetzt gezielten Projekten widmen.“ So engagiert sie sich in der Organisation für Weltoffenheit und Toleranz Freital und hilft Flüchtlingen bei Behördengängen. Und sie fährt wieder mit Bus und Bahn zur Arbeit. Inzwischen kellnert Steffi Brachtel in einem Café in der Dresdener Altstadt. „Mein Chef nimmt viel Rücksicht“, sagt sie. Montags teilt er sie nie zur Spätschicht ein. „Er weiß: Da bin ich demonstrieren.“ Ihr Freundeskreis habe sich komplett verändert. „Und er ist kleiner geworden“, sagt sie. „Aber auf die wenigen Freunde kann ich mich verlassen.“