merken

Die „Kuschelkasernen“ der Bundeswehr

Ursula von der Leyen will die Truppe für 100 Millionen Euro zu einem modernen Arbeitgeber machen. Kritiker spotten über die „Wohlfühl-Armee“.

© dpa

Berlin. Es ist das Lieblingsprojekt von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Die CDU-Politikerin war gerade einmal drei Wochen im Amt, da verkündete sie: „Mein Ziel ist es, die Bundeswehr zu einem der attraktivsten Arbeitgeber in Deutschland zu machen.“ Jetzt liegt eine Agenda mit 29 Punkten vor, die zu diesem Ziel führen soll.

Das Papier ist gespickt mit Begriffen, mit denen von der Leyen aus ihrem vorherigen Job als Arbeitsministerin bestens vertraut ist: Intensivcoaching, Call-Center, Talentpool. Die Bundeswehr mit ihren 185 000 Soldaten und 55 000 Zivilbeschäftigten soll nach Auffassung von der Leyens zu einem möglichst normalen und vor allem modernen Unternehmen werden.

Late Night Shopping Dresden
Late Night Shopping Dresden
Late Night Shopping Dresden

Zur langen Einkaufsnacht unter dem Motto "Late Night Shopping" lädt das City Management Dresden am Freitag, 2. Oktober, in die Dresdner Innenstadt ein. Vom Neumarkt an der Frauenkiche bis zur Prager Straße beteiligen sich zahlreiche Händler und die großen Einkaufsgalerien an der Aktion.

Von der Leyen geht nun den Teil der Bundeswehrreform an, den ihr Vorgänger Thomas de Maizière ausgespart hatte. Zwar kursierte auch zu seiner Amtszeit schon ein Attraktivitäts-Programm. Realisiert wurde es aber nie. Unter den Soldaten sorgte das für viel Frust – und Beschwerden beim Wehrbeauftragten des Bundestags.

Eckpunkte der Agenda

Familienangebote: mehr Plätze in externen Kitas; zentrale Ansprechstellen für Probleme rund um Familie und Dienst an jedem Standort

Arbeitszeiten werden individueller; Teilzeit auch in Führungsjobs

Telekommunikation: Soldaten im Einsatz dürfen ab Mitte 2015 kostenlos telefonieren und im Internet surfen

Einsatzorte: längerer Einsatz an einem Standort; ab 2016 nur noch zwei feste, an Schulhalbjahren orientierte Versetzungstermine im Jahr; Versetzungen sollen drei Monate früher als bisher angekündigt werden

Gesundheit: betriebliches Gesundheitsmanagement – mit Sportangeboten oder Gesundheitschecks

Unterkünfte werden renoviert; Austausch alten Mobiliars durch „hochwertigere, moderne Ausstattung“

1 / 6

Die meisten davon hat von der Leyen in ihrem Programm berücksichtigt. Die ständigen Versetzungen zum Beispiel. Für viele Soldaten sind sie das Hauptproblem. Durchschnittlich alle zwei bis drei Jahre müssen sie ihren Standort wechseln. Künftig sollen es alle vier bis sechs sein.

Daneben versucht von der Leyen all das zu ermöglichen, was in Wirtschaftsunternehmen oft zum Standard gehört: Teilzeitarbeit, Lebensarbeitskonten, Kinderbetreuung in den Kasernen, Seminare für Führungskräfte bis zum Vier-Sterne-General. 6.000 Laptops, Smartphones und Tablet-Computer sollen für die Heimarbeit angeschafft und Call-Center für die Nachwuchswerbung geschaffen werden. All das soll es für nur 100 Millionen Euro aus dem bestehenden Etat geben. Mehrkosten für den Steuerzahler: null Euro.

Doch das Projekt hat von der Leyen auch Spott eingebracht. Von der „Wohlfühl-Armee“ in „Kuschelkasernen“ ist die Rede. Als erstes sickerte durch, dass künftig auf jeder Stube ein Fernseher und ein Kühlschrank stehen sollen. Das Ministerium entschied daraufhin, die Veröffentlichung eine Woche vorzuziehen. Offenbar sollte der Eindruck vermieden werden, die Agenda sei ein reines Möblierungsprogramm.

Kritiker werfen von der Leyen aber auch vor, dass sie die weichen Themen mit Engagement angeht, sich vor schwierigen Fragen aber drückt. Nächste Woche treffen sich die Nato-Verteidigungsminister in Brüssel, um über die Konsequenzen aus der Ukraine-Krise zu beraten. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen fordert mehr Rüstungsausgaben, die östlichen Mitgliedstaaten wollen Bodentruppen zum Schutz vor Russland.

Von der Leyen hält sich aus der Debatte bisher weitgehend heraus. Zu ihrer Ankündigung auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar, Deutschland müsse mehr Verantwortung übernehmen, passt das nicht. Selbst das groß angekündigte stärkere Engagement der Bundeswehr in Afrika ist schon bei den Einsätzen in der Zentralafrikanischen Republik und in Somalia an Grenzen gestoßen. Nach Somalia wurde ein deutscher Ausbilder geschickt. Der deutsche Beitrag für die EU-Mission in Zentralafrika sind eine Handvoll Soldaten im Hauptquartier in Griechenland.

Auslandseinsätze sind kein Gewinner-Thema, die Modernisierung der Arbeitsbedingungen in deutschen Kasernen schon. Selbst der Koalitionspartner SPD schätzt die Erfolgschancen der Attraktivitäts-Agenda skeptisch ein. Der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold erinnerte in der „Leipziger Volkszeitung“ daran, dass es bereits ein „Kasernenprogramm 2000“ gegeben habe, das bis heute nicht fertig umgesetzt sei. Er erkenne aber an, dass die Ministerin das Prinzip beherrsche: „Tue Gutes und rede darüber“. (dpa)