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Die Legende der Perlen

Hoinkis zuckersüße Görlitzer Minibonbons eroberten die Welt. Auf diese kamen sie passend zu Ostern vor nunmehr 110 Jahren.

© privat

Von Ralph Schermann

Görlitz. Man hat es oft schon gehört, doch immer wieder klingt es romantisch – wie die Görlitzer Liebesperlen zu ihrem Namen kamen: Es war Freitag, der 3. April 1908, als Firmengründer Rudolf Hoinkis (er lebte von 1869 bis 1944) erstmals eckige Zuckerstückchen in kleine runde Perlen verwandelt hatte. Stolz nahm er ein paar Exemplare mit zu Frau und Sohn und sagte: „Ich liebe euch wie diese Perlen, für die ich noch keinen Namen habe!“ Verbürgt ist, dass seine Frau Emilie (1869 bis 1970) darauf spontan antwortete: „Dann nenne sie doch einfach Liebesperlen!“ So geschah es dann, und die Zuckerstückchen mit leichter Zitronennote eroberten Millionen.

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Weder an säuerliche Zitronen noch an Millionen von Perlen war zu denken, als Rudolf Hoinkis am 16. August 1896 auf der Landeskronstraße 36 seine gleichnamige Süßwarenfabrik gründete. Bis zu 70 Mitarbeiter stellten dort im Hinterhof Bonbons und Dragees her, vor allem aber Schokolade. Der Verarbeitungsprozess der Grundstoffe von der Kakaobohne bis zur fertigen Schokolade erfolgte in diesen kleinen Räumen. Der Unternehmer besaß in Görlitz bald schon eine ganze Ladenkette. Und da der erfinderische Fabrikant schon damals seine Erzeugnispalette ständig erweiterte, schuf er sich ein Einzugsgebiet von Breslau bis Dresden, war auch stets auf Messen präsent, und seine Liebesperlen sollten das unternehmerische Glanzstück werden.

Das Familienunternehmen überlebte beide Weltkriege. In den 30er-Jahren übergab der Firmengründer seinen Betrieb schrittweise an Sohn Otto. Anfang der 1940er-Jahre wurde in der Firma das Eisenpräparat „Ferro66“ gepresst und dragiert, das bei der deutschen Luftwaffe als Arzneimittel für Piloten Verwendung fand. Während der Evakuierung von Görlitz kurz vor Kriegsende floh die Familie Hoinkis nach Seiffen im Erzgebirge. Zwar blieben die Maschinen der Firma im Krieg unversehrt, doch war in den ersten Nachkriegsjahren Zucker rar, sodass statt Süßwaren Haferflocken hergestellt wurden. Ab 1950 nahm die Firma dann die Tradition der Liebesperlen wieder auf, verarbeitete fortan aber nie wieder Schokolade.

1960 wurde die Firma halbstaatlich, 1972 enteignet und gehörte als VEB Dragee dem landesweiten Süßwarenkombinat an. 1990 kaufte der Enkel des Firmengründers, Bernd Christian Hoinkis, die Firma zurück und nahm gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn Mathias die Arbeit wieder auf. Am 16. August 1996, dem 100-jährigen Bestehen der Firma, wurde das neue Firmengebäude im Gewerbegebiet eingeweiht.

Eine Million Kilogramm Dragees verlassen jährlich das Werk am Flugplatz. Das meiste sind Liebesperlen, aber Hoinkis produziert auch Travel-Mints, kleine Pfefferminz-Murmeln. Für Backwarenbetriebe und Gastronomie liefert er Dekor-Kügelchen, und es gibt noch manch weiteres Erzeugnis auf der Produktpalette.

Mathias Hoinkis kann sein, auf welcher Messe er will – als Geschäftsführer einer Spezial-Dragee-Fabrik wird er nirgendwo begrüßt. Kaum ist der Name Hoinkis ausgesprochen, ist er eingeordnet: „Aha, die Liebesperlen.“ Erst hat sich der Chef ein klein wenig geärgert, dann aber sah und sieht er es positiv: Was könnte es Besseres geben, als in der Welt bekannt zu sein? Und das schon seit 110 Jahren.