merken

Die letzte Chance

Für die Handballer geht es bei den WM-Play-offs gegen Polen um alles oder nichts – und um die Zukunft.

© dpa

Von Johannes Nilsson

Die deutschen Männer bleiben die Könige des Handballs in Europa – wenigstens auf Klubebene. Seit 2012 gewannen drei Bundesligisten die Champions League: der THW Kiel, der HSV Hamburg und jetzt die SG Flensburg-Handewitt im deutschen Finale gegen den THW Kiel. Sie agierten gegen die Meister aus Spanien (FC Barcelona) und Ungarn (MKB Veszprem) äußerst schlagkräftig, auch und besonders dank ihrer Legionäre.

Sachsenbessermachen.de
Wir geben Geschichten aus Sachsen eine Bühne.
Wir geben Geschichten aus Sachsen eine Bühne.

Hinsehen, Zuhören, Lösungen finden - gemeinsam. Sachsen besser machen!

Die können der deutschen Auswahl nicht helfen. Lediglich vier Nationalspieler von der SG und aus Kiel gehören dem 28 Spieler umfassenden erweiterten Aufgebot von Bundestrainer Martin Heuberger für das heutige Duell gegen Norwegen in Wetzlar an. Die Partie dient als Generalprobe für die Weltmeisterschafts-Play-off-Spiele gegen Polen am Sonnabend in Gdansk (Danzig) und eine Woche später in Magdeburg. Dafür muss Heuberger zwölf Spieler aus seinem vorläufigen Kader streichen.

Für das Quartett bleibt kaum Zeit, sich von dem bewegenden Intermezzo am Wochenende in Köln zu erholen. Während Flensburg-Handewitt und der THW im kontinentalen Kräftemessen die Ausnahmestellung der deutschen Eliteklasse eindrucksvoll bestätigten, kämpft die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB) darum, ihren Abwärtstrend zu stoppen. Die DHB-Männer fehlten zuletzt bei zwei bedeutenden Turnieren. Sie verpassten die Olympischen Sommerspiele 2012 in London und die Europameisterschaft Anfang dieses Jahres in Dänemark.

An den beiden nächsten Wochenenden geht es für Heubergers Mannschaft darum, doch noch die Qualifikation für die WM Anfang nächsten Jahres in Katar zu schaffen. Alles oder nichts: Die Lage ist trotz der Champions-League-Bilder ernst für Handball-Deutschland. Die Profis wissen: Jahr für Jahr in Köln die Krönung zu erleben verleiht ihrer Sportart zwar einen gewissen Glanz. Zu einem echten Land der Champions gehört aber noch ein bisschen mehr.

Wohl auch deshalb baut Heuberger in erster Linie auf die Weltmeister von 2007. Er berief sieben Akteure, denen damals zu Hause das Wintermärchen gelang – der bisher letzte deutsche Titel. Der Bundestrainer entschied sich bewusst für den Härtetest gegen die Skandinavier. Sie ähneln in wesentlichen Punkten dem Nachbarn aus dem Osten, besitzen eine kompakte Abwehr, hohe Qualität im Rückraum mit starken Werfern und große Spieler.

Heuberger möchte vor allem die beiden ehemaligen Weltmeister Johannes Bitter und Michael Kraus nach ihrer Rückkehr im April weiter sowie die Champions-League-Helden erneut ins Team integrieren. „Wir wollen mit unseren Kräften haushalten und noch mal an der Aufstellung und Taktik feilen“, sagt der Bundestrainer. Er möchte vor allem im Angriff noch einige Varianten ausprobieren. Ihm geht es um Spielanteile für alle unter Wettkampfstress. Das Ergebnis beim Duell gegen Norwegen sei schließlich Nebensache.

In den zwei Partien gegen Polen sieht das anders aus. „Es geht im Sport immer um alles oder nichts“, sagt Heuberger. „Das ist keine außergewöhnliche Situation.“ Auch Bitter will den Druck von der Mannschaft nehmen. „Das ist keine Schicksalsfrage“, sagt der Torhüter vom HSV Hamburg. „Das wird zu hoch gehängt.“ Doch in den beiden wichtigsten Duellen der jüngeren DHB-Geschichte steht viel auf dem Spiel: die Zukunft des deutschen Handballs und vermutlich auch Heubergers Schicksal. Das erneute Scheitern wäre der größte anzunehmende Unfall für die einstige Handball-Größe und wahrscheinlich auch das Ende für ihn als Chefcoach. So weit möchte es der Champions-League-Sieger Holger Glandorf nicht kommen lassen. Der Weltmeister von 2007 will jetzt auch mit der Nationalmannschaft endlich wieder Erfolge feiern. (mit dpa und sid)

TV-Tipps: Sport1 sendet heute das Duell gegen Norwegen ab 17.45 Uhr. Die ARD überträgt am 7. Juni die erste WM-Play-off-Partie gegen Polen ab 16.45 Uhr. Das ZDF zeigt am 14. Juni das Rückspiel ab 15.15 Uhr.