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Die letzten Kämpfer von Pödelwitz

Wieder ein Dorf, das für die Braunkohle weichen soll. Doch die letzten Bewohner wehren sich. Sie haben Unterstützung in den halb verwaisten Ort geholt.

© Thomas Kretschel

Von Sven Heitkamp

Es fehlt nur noch, dass Asterix und Obelix um die Ecke kommen, wenn man dieser Tage durch Pödelwitz läuft. Wie das kleine gallische Comic-Dorf, das mutig der Übermacht der Römer trotzt, wehren sich die letzten Bewohner des Ortes im Leipziger Südraum gegen den gewaltigen Mibrag-Kohlekonzern mit seinen 2 700 Mitarbeitern und einem Umsatz von 370 Millionen Euro. Pödelwitz ist ein 700 Jahre altes idyllisches Dorf mit einem richtigen Ortskern, alten Kastanien und Fachwerkhäusern. Doch kurz hinter der letzten Häuserzeile beginnt der Tagebau Vereinigtes Schleenhain. Gigantische Maschinen holen dort mit großem Getöse die Braunkohle aus der Erde.

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Jens Hausner leitet die Umweltinitiative, die sich einem Abriss seines Dorfes entgegenstellt. © Thomas Kretschel

In ein paar Jahren könnte auch dieser hübsche Flecken einfach weggebaggert werden. Doch Jens Hausner, 52, Landwirt und Familienvater, steht in seiner Hofeinfahrt und hält ein mannshohes gelbes X fest in der Hand: Symbol des Widerstands gegen die Abbaupläne. Greenpeace hat es dem mutigen Mann aus Solidarität geschenkt. An der Außenwand seines 200 Jahre alten Vierseithofes hängt ein Transparent mit der Aufschrift: „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht! Zukunft statt Braunkohle.“

Dieser Tage haben sich Hausner und seine Mitstreiter Unterstützung ins Haus geholt: Erstmals wird dort ein Klimacamp ausgerichtet, wie es sie schon in der Lausitz und im Rheinland gab. 1 000 Menschen wollen mit Schlafsäcken anrücken und eine Woche in Pödelwitz campieren. Große Zelte, Tische und Stände werden seit Tagen aufgebaut, dazu Holzduschen und Komposttoiletten, eine Solaranlage und ein Bauspielplatz. Es sind Demos, ein Dorffest und Diskussionsrunden geplant, eine Sommerschule mit Workshops, Kulturprogrammen und ein Umweltgottesdienst mit dem früheren Leipziger Thomaskirchen-Pfarrer Christian Wolff. Der twitterte bereits: „Kein Ort darf mehr in Deutschland für eine Energiegewinnung von gestern abgebaggert werden!“ Im Aufruf des Klimacamps heißt es: Für den Profit von Energiekonzernen würden Lebensgrundlagen zerstört, das Klima verheizt und Menschen vertrieben. „Schluss damit!“

Jens Hausner und seine Bürgerinitiative „Pro Pödelwitz“ ist das Engagement der Verbündeten mehr als recht. Sie wollen sich Gehör und Aufmerksamkeit verschaffen weit über die Grenzen des Dorfes hinaus, in dem schon lange nicht mehr so viel los war wie in diesem heißen Sommer.

Es ist ja auch eine paradoxe Situation im Ort: Als das Ende von Heuersdorf, das fünf Kilometer entfernt lag, vor gut zehn Jahren besiegelt wurde, waren sich alle einig: Pödelwitz bleibt erhalten. Das Dorf wurde sogar als Schutzgut eingestuft. Auch ohne die Devastierung des Ortes sollte die Braunkohle für das Kraftwerk Lippendorf reichen, dessen Dampfsäulen hinter Pödelwitz aufsteigen. Doch die Diskussionen hörten nicht auf. Immer mehr Einwohner fürchteten, jahrelang mit Lärm und Dreck konfrontiert zu werden. Immer mehr dachten über einen Umzug nach. Die Mibrag bot großzügige Entschädigungen an.

2012 unterschrieb man einen Umsiedlungsvertrag. Von mehr als 130 Dorfbewohnern nahmen mehr als 100 die Angebote an und zogen fort, laut Mibrag 86 Prozent der Pödelwitzer. Die Hälfte zog in einen neuen gemeinsamen Straßenzug am Rand des Nachbarorts Groitzsch, den sogenannten Pödelwitzer Bogen. In Pödelwitz sind seither immer mehr Häuser verkauft und verwaist, die Gärten verwildert.

An den Hauswänden prangen große Warnschilder der Mibrag: „Privatgelände“! Ein Werkschutz wacht über die Häuser. Nur 27 Menschen sind geblieben. Menschen wie Jens Hausner. Er sieht die Geschichte seiner Heimat anders. Die Diskussionen seien damals von der Mibrag ins Dorf getragen worden. Man habe die Leute aufgeschreckt und ihnen gesagt, dass es keine lebenswerten Bedingungen mehr im Ort geben werde – obwohl es doch klare Vorschriften zum Emissionsschutz gebe.

Drei von mehr als 120 weggebaggerten Dörfern hat Hausner im Laufe seines Lebens selbst sterben sehen, er kennt die Menschen der Region, und er fragt sich: Warum soll ich mein Dorf hergeben? „Man braucht die Kohle nicht. Die Versorgung von Lippendorf ist auch ohne Pödelwitz bis 2040 gesichert.“ Falls das Kraftwerk überhaupt so lange läuft. Während die Bundesregierung in Berlin die Energiewende und den Kohleausstieg einleitet und die Weltgemeinschaft in Paris Klimaschutzziele vereinbart hat, werde hier völlig unzeitgemäß ein Schutzgut angegriffen, kritisiert Hausner. Auch die Landesregierung habe die legitimen Interessen des Ortes vernachlässigt. „Der Schutz der Bürger“, sagt der kräftige Mann, „wird von der Politik mit Füßen getreten.“

Dieter Kraneis kann ein Lied davon singen. Der Mann ist 81 Jahre alt, er wohnt gleich neben Hausner, vor mehr als 35 Jahren kam er her. Anfang der 80er-Jahre hat man seine Familie aus Droßdorf vertrieben. Damals habe man ihnen gesagt: Pödelwitz ist sicher, da nehmen wir nichts in Angriff. Nun hat er keine Lust mehr, umzuziehen. „Wir versuchen zu bleiben – es ist ja auch ein Stück Heimatgefühl.“

Kraneis‘ Sohn Thilo führt auf dem Hof der Familie den Metallbaubetrieb des Vaters weiter. Er ist zugleich Kurator für die 750 Jahre alte Kirche im Ort und Mitglied im Kirchenvorstand. Die Gemeinde hat eine klare Haltung: „Wir haben beschlossen, mit der Mibrag überhaupt erst über die Kirche zu verhandeln, wenn kein Einwohner mehr im Ort ist.“ Kraneis hat großes Gottvertrauen, dass es nie so weit kommen wird, mit der Kirche und mit dem ganzen Ort. Die Klimapolitik und die Erkenntnis in der Region, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher, lassen ihn hoffen. Sie schmieden bereits Pläne für die Zeit, wenn es wieder aufwärts geht und Menschen zurückkehren nach Pödelwitz.

Doch die Mibrag hat ganz andere Pläne: Sie bereitet die Fortschreibung des Betriebsplans für den Tagebau vor und treibt eine Umweltverträglichkeitsuntersuchung voran. Dann will man eine Genehmigung beim sächsischen Oberbergamt beantragen. Danach beginnt ein Planfeststellungsverfahren zur Inanspruchnahme von Pödelwitz. Dagegen allerdings kann geklagt werden. „Etwa 2028“, sagt Pressesprecherin Sylvia Werner, „würde der Tagebau Vereinigtes Schleenhain die Ortslage Pödelwitz erreichen.“ Dort lagerten rund 23 Millionen Tonnen Braunkohle – ein Vorrat, der die Versorgung des Kraftwerkes Lippendorf für mehr als zwei Jahre sichere. „Wir sind überzeugt, dass Braunkohle als zentrale Brückentechnologie in den kommenden Jahrzehnten und für eine erfolgreiche Energiewende gebraucht wird.“

Zugleich warnt die Mibrag vor Besetzungsaktionen im Tagebau. Klimaaktivisten der Gruppe „Kohle erSetzen!“ wollen am ersten August-Wochenende mit Sitzblockaden die Betriebsabläufe stören. „Wir treffen gemeinsam die bewusste Entscheidung, den Schritt von appellierenden Demonstrationen zum zivilen Ungehorsam zu gehen“, sagt eine Sprecherin der Aktion. „Wir kämpfen dafür, dass die erdrückende Hitze dieses Sommers kein Alltag wird.“

Die Mibrag findet das nicht lustig. Erfahrungen mit anderen Klimacamps im Rheinland und der Lausitz ließen vermuten, dass es nicht bei friedlichen Protesten bleibt, sondern zu Provokationen und Übergriffen kommt, sagt Sylvia Werner. Das Unternehmen werde Infomaterial und ein Video mit Sicherheitshinweisen an die Camp-Teilnehmer verteilen. Auch die Polizei bereitet sich auf einen Einsatz vor. „Wir sehen die Sache aber entspannt und werden mit den Leuten reden“, betont ein Sprecher. Dass bereits ein gepanzertes Fahrzeug in Pödelwitz gesehen wurde, sei nur dem unglücklichen Zusammentreffen mit einer SEK-Übung geschuldet.

Bereits Anfang der Woche waren Aktivisten von Robin Wood auf einen alten Kohle-Absetzer im Bergbautechnik-Museum geklettert und hatten ein Transparent angebracht: „... zieh doch selber um! Pödelwitz bleibt.“ Am Freitag projizierten zudem Greenpeace-Aktivisten eine Botschaft auf den riesigen Kraftwerks-Kühlturm in Lippendorf: „Kohle befeuert Hitzewellen“. Der Metallbauer und Kirchenmann Thilo Kraneis hofft indes vor allem eins: Dass es friedlich bleibt in seinem Dorf – diesen Sommer und auch in Zukunft.