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Die letzten Zeugen von Auschwitz

Die furchtbaren Erinnerungen lassen die Überlebenden auch 70 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers nicht los.

© dpa

Von Eva Krafczyk, Auschwitz

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Paula Lebovics kann sich noch genau an den glücklichsten Tag ihrer Kindheit in Auschwitz erinnern. „Wir lagen auf der oberen Pritsche in unserer Baracke, als die Bomben auf den elektrischen Zaun fielen. Und wir lachten und lachten und lachten. Wir hatten eine lange Zeit nicht mehr gelacht.“ Selbst 70 Jahre danach lächelt Paula Lebovics, wenn sie an jenen Tag im Januar 1945 denkt, an dem sie und ihre Freundin Miriam sich nach langer Zeit wieder fast unbeschwert fühlen konnten, wie elfjährige Kinder, die sie damals waren.

Zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ist die gebürtige Polin aus ihrer kalifornischen Heimat zurückgekehrt in das ehemalige deutsche Vernichtungslager. Sie will noch einmal mit anderen Überlebenden zurückdenken an den Tag, an dem das Leben in der Hölle für sie vorbei war. „Ich erinnere mich an alles“, versichert sie. „Das ist manchmal schlimm, aber es muss doch auch sein. Die Erinnerung ist alles, was wir haben.“

Ihre 79-jährige Freundin Miriam Ziegler ist zum ersten Mal seit 1945 wieder in Birkenau. „Ich wollte vor einigen Jahren schon einmal dorthin, als ich einen Marsch der Lebenden begleitete“, erzählt die ebenfalls in Polen geborene Kanadierin. „Auschwitz konnte ich mir noch ansehen, aber als ich dann vor der Ausstellung mit den Haaren und Schuhen und Koffern stand, da habe ich es einfach nicht geschafft, weiterzugehen. Birkenau wäre zu viel gewesen.“ Denn Birkenau, das war der Ort, an dem sie ihren Vater zum letzten Mal sah. Der Ort, an dem sie in der Holzbaracke mit anderen Kindern fror und immer wieder in den weißgekachelten Raum gebracht wurde, in dem der berüchtigte Lagerarzt Josef Mengele Häftlinge für seine pseudomedizinischen Experimente missbrauchte.

Die Frau mit den weißen Locken kann sich an diesen Teil des Lagerlebens nicht erinnern, nur an die Schmerzen, mit denen sie wieder in ihrer Baracke aufwachte. Viele Jahre stand Birkenau für die Albträume, die ihr ein Leben lang den Schlaf raubten.

Mit ihrer Tochter Adrienne besuchte Ziegler vor wenigen Tagen Birkenau – und ist froh, dass sie dort war, trotz des Schnees, der Kälte, des eisigen Windes, der über das riesige Gelände des einstigen Lagers pfeift, das zum Friedhof ohne Gräber für mehr als 1,1 Millionen Menschen geworden ist. „Da waren so viele Leute und so viele junge Menschen“, sagt sie. „Ich habe alle möglichen Sprachen gehört – Polnisch, Englisch, Deutsch, Hebräisch. Ich habe das Interesse dieser Jugendlichen an unserer Vergangenheit gesehen und ihre Betroffenheit und ihre Tränen.“

„Das tut schon weh, hierher zurückzukommen“, sagt Eva Umlauf nachdenklich. Die 72-Jährige hat keine bewussten Erinnerungen an die Zeit im Lager, in das sie mit 23 Monaten aus der Slowakei kam, mit ihrer schwangeren Mutter. Als Psychoanalytikerin befasst sich Umlauf, die in München lebt, von Berufs wegen mit dem, was im Unterbewusstsein von Menschen brodelt. Für sie ist eine Rückkehr nach Auschwitz auch ein bisschen ein Heilungsprozess, ein Annehmen der Vergangenheit.

Vor einigen Jahren hat Umlauf bei der Gedenkveranstaltung am Jahrestag der Befreiung in Auschwitz gesprochen, mit ihren Kindern und Enkeln redete sie über ihre Vergangenheit. „Das ist schon eine innere Verpflichtung, denn in absehbarer Zeit werden die letzten Überlebenden verstummen und können kein Zeugnis mehr abgeben“, betont sie. „Wenn man unter diesem Stern geboren ist, ist der Schmerz groß. Aber wenn man den Schmerz bewusst annimmt, dann kann man weiterleben, scheinbar normal.“ Sie hält inne. „Manchmal fragt man sich wirklich: Wie kann man weiterleben?“

Der 27. Januar in Auschwitz, das sei ein besonderer Tag an einem besonderen Ort für sie, betont Eva Umlauf. „Hier wird einem bewusst, was passiert ist“, sagt sie. Hier seien die überlebenden Häftlinge ins Leben zurückgeworfen worden.

Umlauf hat die Diskussion um das Fehlen des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf der Gedenkfeier aufmerksam verfolgt. In Russland, aber auch anderswo gab es kritische Stimmen, dass es keine spezielle Einladung an ihn gab, als Ehrengast, der die Nation der Befreier repräsentiert. Die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, die die Feier am 70. Jahrestag organisierte, hatte keine Staats- und Regierungschefs eingeladen. Dennoch waren viele Länder mit Staatsoberhäuptern vertreten, darunter Bundespräsident Joachim Gauck und der französische Präsident François Hollande.

Eva und Miriam Kor sind auf dem berühmten Kinderfoto zu sehen, das ein russischer Fotograf wenige Tage nach der Befreiung von Auschwitz gemacht hat. „Die kamen wenige Tage nach der Befreiung mit einer großen Kamera und sagten uns, wir sollten alle die gestreiften Anzüge anziehen. Aber einige Kinder haben sich geweigert, die fanden es entwürdigend, noch einmal die Häftlingskleidung zu tragen.“

Die wahre Geschichte zu erzählen – das war für Auschwitz-Überlebende schon immer wichtig. Und nun, da ihre Zahl von Jahr zu Jahr sinkt, ist es für viele wichtiger denn je, die Erinnerung zu bewahren. „Man kann verzeihen“, sagt Eva Umlauf. „Aber man kann nicht vergessen.“ (dpa)

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