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„Die Leute zu erreichen, ist das größte Geschenk“

Museumschefin Ingrid Möbius geht in den Ruhestand. Spuren hat sie in Moritzburg nicht nur im Schloss hinterlassen.

© Norbert Millauer

Von Sven Görner

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Die Preise fallen wie die Blätter

Der Sommer ist vorbei und für so manchen steht ein Wechsel des Kleiderschranks an. Aber  warum denn nur den Inhalt wechseln, wenn doch der ganze Schrank ausgetauscht werden kann?

Die Auswahl ist groß. Rund 200 Zimmer hat das einstige Jagdschloss der Wettiner. Für ihr Abschiedsfoto gibt Ingrid Möbius aber weder dem prächtigen Speisesaal, noch dem einzigartigen Federzimmer oder dem Porzellanquartier direkt unter ihrem Arbeitszimmer den Vorzug. „Ich liebe den Monströsensaal“, gesteht die 63-Jährige. „Er hat so eine weiche, warme Atmosphäre.“ Und die Lederbespannungen an den Wänden erzählen die Geschichte der Göttin der Jagd Diana, „der die Anlage gewidmet ist“.

Sofort fallen der Schlosschefin auch Episoden ein, die sich hier zugetragen haben. Etwa das Konzert mit Startrompeter Ludwig Güttler. „Minuten vor dem Konzert mussten noch einmal alle Stühle umgeräumt werden, weil er für den besseren Klang nicht vor den Spiegeln, sondern von der Längsseite spielen wollte.“

Jetzt hat Ingrid Möbius ein letztes Mal die große schwere Tür des Personaleingangs im Jägerturm hinter sich zugezogen. Nach über 40 Jahren. Seit Donnerstag ist die Leiterin von Schloss Moritzburg und Fasanenschlösschen im Ruhestand.

Die letzten Tage in „ihrem“ Schloss waren dabei nach all den vielen Erlebnissen, Erfolgen und auch manchen Rückschlägen der vergangenen Jahrzehnte für sie noch einmal besonders spannend. Was nicht daran lag, dass sie zu den wenigen Auserwählten gehörte, die hautnah den Hollywood-Dreh in den alten Gemäuern miterleben konnte. „Mich hat vor allem beeindruckt, wie gerade in dieser Zeit Menschen aus verschiedenen Ländern zusammengearbeitet haben, die nicht einmal die Sprache des anderen sprechen. Wir sind uns mit Herz und Verstand näher gekommen. Ein tolles internationales Projekt“, ergänzt sie.

Dafür hatte die Radebeulerin extra den zum Ende ihrer Amtszeit geplanten Urlaub vorverlegt. Und so brannte dann Nacht für Nacht das Licht in ihrem Büro in der zweiten Etage des Jägerturms.

Begonnen hat die Moritzburger Zeit der gebürtigen Berlinerin im Juni 1978. Mit ihrem Abschluss der Leipziger Uni in der Tasche betreute die junge Frau damals als wissenschaftliche Mitarbeiterin die historischen Sammlungen des Schlosses. Drei Jahre später zog sie dann mit Mann und Baby sogar dorthin. In eine Dienstwohnung in einem der Teichhäuser.

Im Nachwendejahr 1990 übernahm die Diplom-Kulturwissenschaftlerin schließlich die Leitung des Schlossbetriebs. Umfassende Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten fanden seitdem statt. Neben dem, was die Besucher nicht sehen, etwa dem Einbau neuer Elektro-, Brandschutz- und Sicherungstechnik oder eines Blockheizwerks wurden die Schlossküche, der Speisesaal und viel andere Räume hergerichtet. Nicht zu vergessen die Fortschritte bei der Restaurierung der Ledertapeten, einem der großen Schätze des Schlosses, die nach umfangreichen Forschungen erreicht wurden und die derzeit in einem weiteren Zimmer fortgesetzt werden.

Manches davon gleicht für Ingrid Möbius noch immer einem Wunder. Etwa, dass das Federzimmer fast komplett gefunden wurde und zwei Restauratorinnen es schafften, dieses wiederherzustellen. Oder das Fasanenschlösschen. Initialzündung für dessen akribische Restaurierung war eine private Spende von 600 000 D-Mark, verteilt auf drei Jahre, die an die Bedingung geknüpft war, dass der Freistaat jeweils 300 000 D-Mark dazugab. „Am Ende wurden über fünf Millionen Euro investiert, entstanden Feder-, Seiden- und Strohtapeten neu, wurden Möbel gekauft, sodass die Besucher das Schlösschen nun fast wieder wie im 18. Jahrhundert erleben können“, sagt Ingrid Möbius.

Daneben wurden durch Ankäufe beständig die Sammlungen im Schloss ergänzt. Während die neue Ausstellung zur Fest- und Tafelkultur 2020 im Backturm eröffnet werden soll, können Stücke des Moritzburger Schatzfundes bereits besichtigt werden. „Dass wir Teile davon ausgerechnet an meinem Geburtstag ersteigern konnten, bleibt ein unvergessliches Erlebnis“, sagt die scheidende Schlosschefin.

Dazu, dass sich das Schloss in den vergangenen Jahrzehnten zu einem attraktiven Ausflugsziel mit seit 1990 über sechs Millionen Besuchern entwickelt hat, haben aber auch die zahlreichen Veranstaltungen im Park und im Haus beigtragen. Wie etwa das legendäre Spektakel August der Schwache oder die Nacht der Nymphen. Nicht zu vergessen – das renommierte Moritzburg-Festival. Womit Ingrid Möbius wieder beim Monströsensaal ist. Denn die Kammermusikkonzerte in diesem waren für sie immer heimeliger als die im großen Speisesaal.

Wenn das Gespräch darauf kommt, dass sich das Schloss mit Ausnahme der Baukosten seit Jahren zuverlässig selbst finanziert und mit einem Überschuss sogar noch den Gesamtbetrieb unterstützt, „worüber ich sehr glücklich bin“, wie Ingrid Möbius bekennt, ist man sehr schnell bei einem weiteren Moritzburger Wunder – den Aschenbrödelausstellungen. Ohne das enge und kreative Miteinander der kleinen Schlossmannschaft, so betont die langjährige Chefin, wäre dieses wie viele andere Projekte nicht möglich gewesen. Hoffte man bei der ersten Ausstellung auf 25 000 Besucher, waren es am Ende sogar 150 000 und bei der zweiten Schau in vier Monaten sogar 180 000. „Die Leute so zu erreichen, ist das größte Geschenk“, sagt Ingrid Möbius. Dass inzwischen viele Moritzburger unser Schloss sagen, sei ebenfalls ein gutes Gefühl und zugleich Ausdruck der engen Zusammenarbeit mit der Gemeinde.

Neben dem Schloss hat Ingrid Möbius zudem Spuren im Kollwitz-Haus hinterlassen. Dass es diesen Erinnerungsort an die große Malerin und Grafikerin überhaupt gibt, ist auch ihr zu verdanken. Gemeinsam mit anderen sehr engagierten Kollwitz-Freunden hatte sie seit den 1980ern beharrlich darauf hingearbeitet. Die feierliche Eröffnung fand schließlich am 22. April 1995 im Monströsensaal statt. Als Beiratsvorsitzende der Kollwitz-Stiftung begleitete die Schlosschefin dann 20 Jahre die Arbeit des Hauses.

Gibt es bei all den Erfolgen und schönen Erlebnissen auch solche, die schmerzen? „Dass die alten Bäume auf dem Dammweg bei dessen Sanierung gefällt wurden, bedaure ich noch heute. Leider stand ich damals mit meiner Meinung allein da.“ Und auch dass so mancher Baumriese im Wald am Schloss und vor ihrer Zeit als Leiterin der alte Baumbestand im Park geopfert wurden, schmerzt Ingrid Möbius. Der Freundeskreis des Schlosses hat den Park als eine seiner ersten Aktionen bereits vor Jahren wiederbepflanzt. „Auch auf andere Weise tut der Verein wie auch die Muse im Fasanengarten viel für das Schloss und die Moritzburger Kulturlandschaft.“

Wann Ingrid Möbius mal wieder im Schloss vorbeischaut, dann natürlich durch den Besuchereingang, weiß sie noch nicht. „Ich will erst mal ein bisschen ausruhen und Abstand gewinnen.“ Und dann ist da ja auch ihr Klangheilungsstudio, mit dem sie in den vergangenen Jahren bereits privat begonnen hatte. Zu tun gibt es also genug. Zeit für einen Besuch im Monströsensaal wird aber sicher dann und wann bleiben. „Vielleicht am dritten Advent zum Weihnachtsmarkt am Schloss.“