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Die Lücke hinter Pechstein

Eine 41-Jährige ist bei Olympia die aussichtsreichste Medaillen-Anwärterin. Aber wo bleiben die Nachfolgerinnen?

© AFP

Von Maik Schwert

Eine Hundertstelsekunde fehlte Claudia Pechstein in Salt Lake City zum zweiten Weltcup-Sieg in dieser Saison. Es blieb die einzige Podestplatzierung für die deutschen Eisschnellläufer an diesem Wochenende. Eine 41-Jährige als Hoffnungsträgerin. Wer soll bei den Winterspielen die Medaillen gewinnen, wenn nicht Pechstein? Die 34-jährige Jenny Wolf sprintet zwar weiter, ist aber längst nicht mehr unangefochten. Und Stephanie Beckert kämpft wieder einmal mit Rückenbeschwerden und lässt sich von einer Dauerfehde mit Pechstein beeindrucken. In Salt Lake City wurde sie Zehnte der B-Gruppe und muss nun sogar um ihr Olympia-Ticket bangen. Ohne die Erfurterin in Top-Form fehlt auch für das Team eine treibende Kraft.

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Sollten die Frauen in Sotschi leer ausgehen, drohen dem Verband massive Einschnitte. Die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) bekommt derzeit 1,8 Millionen Euro pro Jahr vom Bundesinnenministerium. Mindestens zwei Podestplätze sind Pflicht, um die Fördermittel weiter zu erhalten. DESG-Präsident Gerd Heinze sagt ohne Umschweife: „Ohne das Geld können wir nicht überleben.“ Aber wie konnte ein Verband, der 1992 in Albertville noch fünf Olympiasiege feierte, in solche Schwierigkeiten kommen?

Der Verband sichtet Talente zu spät

Die DESG konnte jahrelang aus dem Reservoir an Athletinnen schöpfen, die in der DDR groß geworden sind – wie Pechstein. Dabei ruhte sich der Verband auf den Triumphen von Gunda Niemann-Stirnemann, Pechstein und Anni Friesinger-Postma aus und versäumte es, Nachwuchs zu suchen und zu entwickeln. Erst seit der ersten Einzelstrecken-Weltmeisterschaft ohne Goldmedaille im März 2012 sichtet der Verband wieder Talente – zu spät, um die jetzt bereits vorhandene Lücke hinter Pechstein zeitnah mit Weltklasse-Nachfolgerinnen zu schließen.

Der Geburtenknick wirkt sich aus

DESG-Präsident Gerd Heinze führt die Probleme auch auf den demografischen Faktor zurück: „Weniger Kinder bedeuten weniger Nachwuchs für den Sport. Da gehören wir zu einer Reihe von Verbänden mit ähnlichen Schwierigkeiten auf der Suche nach Talenten.“ Hinzu kommen andere Interessen. Für die Mädchen liegen in aktuellen Statistiken andere Themen vor dem Sport: Freundschaft, Musik, Beruf, Internet, Handy und Mode. Außerdem gehört Eisschnelllauf nicht zu den Sportarten mit lukrativen Perspektiven.

Die Attraktivität der Sportart leidet

Eisschnelllauf wirkt altbacken. Die Sportart tut sich schwer mit dem Modernisieren. Dabei gibt es Möglichkeiten. Aber 100-Meter-Sprints wie in der Leichtathletik, Teamsprints wie beim Skilanglauf sowie Jagdrennen und Massenstarts wie beim Biathlon fehlen im Olympia- und WM-Programm. Lange Strecken verbreiten zunehmend Langeweile. Die Zuschauer bleiben deshalb weg – außer in den Niederlanden.

Das Fernsehen zieht sich zurück

Erst sanken die Einschaltquoten, dann klinkten sich die Fernsehsender aus. Es gibt keine Bilder von den Weltcups. Nicht mal bei EM und WM bieten ARD und ZDF längere Live-Schalten an wie vom Bob, Rodeln oder Skeleton. Von Biathlon nicht zu reden. Das hat etwas damit zu tun, dass die Erfolge ausbleiben und neben Pechstein die Stars fehlen. Außerdem bieten neue Wintersportarten wie Freestyle und Snowboard deutlich mehr Spektakel.

Sportstätten lassen zu wünschen übrig

Heinze fordert attraktivere Sportstätten sowie einen besser funktionierenden Trainings- und Wettkampfbetrieb in den Klubs. „Beides hält dem erforderlichen Niveau nicht stand. Schließlich wollen wir doch damit auch für unsere Sportart werben.“ Die sächsischen Vereine und Zentren nimmt er von seiner Kritik aus: „Da klappt die Nachwuchsarbeit ausgezeichnet.“ Die 22-jährige Dresdnerin Jennifer Bay lief in Calgary und Salt Lake City über 3.000 Meter sogar jeweils schneller als die Olympiasiegerin Beckert. Ein Lichtblick – immerhin.

Die DESG wechselt Trainingskonzepte

Die erste Methode nach der Jahrtausendwende hieß dezentrales Stützpunkttraining von Frauen und Männern vor Ort. Davon profitierten Pechstein, Wolf und andere. 2006 übernahm Bart Schouten die Verantwortung und verordnete das Gegenteil: Der Niederländer trennte Frauen und Männer. Erfolgreicher machte das beide nicht. 2010 rollte der Verband alles zurück. Seitdem trainieren Frauen und Männer in Berlin und Erfurt wieder zusammen. Zumindest Pechstein profitiert erneut davon.

Die Olympiasiegerin tüftelt am Material

Seit 2011 optimiert Pechstein ihre Kufen. Ein Lasertechnik-Betrieb verbesserte die Gleitfähigkeit. Sie absolvierte viele Tests, bis das neue Schleifverfahren, dem Studien aus den USA zugrunde liegen, ausgereift war. Dafür entwickelte und baute die Firma eine Maschine, mit der sie den Schliff und die Laserpolitur jederzeit wieder exakt reproduzieren kann. Seit der nationalen Meisterschaft vor drei Wochen in Inzell läuft die fünffache Olympiasiegerin mit den Stahlkufen. Der Erfolg gibt ihr recht.

Der Doping-Verdacht erwies sich bisher als haltlos. Pechstein verlangt Schadensersatz und Schmerzensgeld in Höhe von 3,5 Millionen Euro für die zweijährige Sperre, die ihr der Weltverband ISU 2009 wegen erhöhter Blutwerte aufgebrummt hatte.