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Makrele neben Toilettenpapier

Fisch-Aue versetzt seine Ware in eisige Schockzustände und wundert sich manchmal über Verbraucher.

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© Claudia Hübschmann

Von Dominique Bielmeier

Nossen. Schön warm ist es im Büro von Regina Seifert, dabei dämmert hinter dem Fenster neben dem Schreibtisch gerade erst der Morgen. Der Lärm der Lkw, die über die Autobahn 14 direkt nebenan donnern, dringt nicht bis hierher. Es ist 7.30 Uhr am Autohof 4 in Nossen und das ewige Eis scheint sehr weit weg zu sein.

„Aber bei uns gibt es viel Kaltes“, verspricht die Chefin. An der Wand hinter ihr hängt ein Bild der Mayflower, des berühmten Schiffes, mit dem die Pilger einst Amerika erreichten, daneben eine Holztafel, die verschiedene Segelknoten zeigt. Und dann entrollt Betriebsstättenleiter Uwe Baldauf noch stolz ein riesiges Plakat mit den unterschiedlichsten Fischarten darauf. „Aber nicht alles davon handeln wir“, erklärt Seifert. Die Gotteslachse und auch den Meeraal zum Beispiel nicht, weil die Nachfrage einfach nicht da sei. Was aber gefragt ist, das landet bei Regina Seifert oft im Eis. Minus 20 Grad ist dieses kalt und zu fast 90 Prozent friert es: Fisch.

Die 59-jährige Seifert ist Geschäftsführerin der Fisch-Aue GmbH in Glauchau; in Nossen hat der Fischgroßhandel eine zweite Halle. Rund 50 Arten werden von hier aus sachsenweit und in Teile von Thüringen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt geliefert. „Hier in der Region sind wir richtig stark – und über die Grenzen hinaus muss uns keiner kennen, weil wir auch nicht die Kapazität hätten, dorthin zu liefern“, sagt Seifert. „Unsere Nähe ist unsere Stärke“ ist nicht umsonst der Slogan von Fisch-Aue.

Fisch wird besser – und teurer

Das Unternehmen mit rund 40 Mitarbeitern, eine Tochter der Firma Roland Zaumseil aus dem Vogtland, beliefert Theken von Märkten wie Edeka oder Globus, Catering-Kunden, die wiederum Betriebskantinen oder Justizvollzugsanstalten bedienen, und sogar Tante-Emma-Läden im Erzgebirge. „Dort steht dann die Makrele neben dem Toilettenpapier und dem Aufwaschmittel“, sagt Seifert und lacht.

Was Fisch-Aue von bundesweit tätigen Großhändlern unterscheidet, ist die Nähe zum Kunden. „Wir haben keine Werbeabteilung und nicht so schöne Kisten und tolles Equipment“, sagt Seifert. Aber bei Fisch-Aue bekommt der Kunde frischen Fisch schon ab einem Kilo, wo der große Wettbewerber eine Mindestabnahmemenge von 2,5 Kilo fordert. Und wenn eine Theke mal überraschend schnell leergekauft wird, ist die Chance groß, dass Fisch-Aue noch einmal einen Kleintransporter mit Nachschub losschickt. „Der Kunde hält in umsatzschwachen Zeiten zu uns, da müssen wir ihm auch in umsatzstarken Zeiten einmal helfen“, erklärt die Geschäftsführerin.

Denn schlechten Fisch könne heute niemand mehr liefern. „Die Qualität ist überall topp“, sagt Seifert. Vorbei sind die Zeiten, als Gammelfisch im Umlauf war, die Kunden seien ohnehin viel qualitätsbewusster geworden, weiß die Chefin. „Trotzdem will keiner viel dafür bezahlen. Vielleicht ist das die deutsche Mentalität.“

Fisch im Allgemeinen sei sehr teuer geworden, der Lachs koste seit dem vergangenen Jahr das Doppelte. Chilenische Farmen seien wegen einer Krankheit ausgefallen und Norwegen habe einerseits die Produktionsmengen beschränkt, sage andererseits aber auch ganz klar: „Wenn du Lachs haben willst – dann musst du bezahlen.“

Für den Kunden sei der Zuchtlachs aus Norwegen aber ein absolutes Muss. „Den Zander von der Karte zu nehmen, ist für den Gastronomen wahrscheinlich fünfmal einfacher, als den Lachs zu streichen“, so Seifert.

Hering, Kabeljau, Lachs, Forelle – es sind nicht die Exoten, die bei den Kunden ankommen, sondern die Fische, die viele schon aus ihrer Kindheit kennen. Vielleicht ist so auch ein Phänomen zu erklären, dass Chefin Seifert ehrlich wundert: Obwohl der Umsatz von Karpfenfilets um das Hundertfache gestiegen ist, sind ganze Karpfen noch immer stark nachgefragt, pro Saison verkauft Fisch-Aue rund 30 Tonnen. „Wer macht denn heute noch einen ganzen Karpfen?“, fragt Seifert.

15 Kilo Fisch pro Kopf und Jahr

Denn allgemein sei der Geschmack der Deutschen, was Fisch angeht, eher im Wandel. „Vor zehn Jahren haben wir zum Beispiel keinen Garnelensalat verkauft“, sagt Seifert. Vor zwanzig Jahren habe sie kaum gewusst, was eine Dorade ist, „heute brauchen wir in der Woche 150 Kilo.“

Durch Urlaube hätten die Leute gelernt, dass Fisch auch im Sommer schmeckt, zum Beispiel auf dem Grill. „So holen sie sich Urlaubsfeeling nach Hause – und siehe da, der Umsatz steigt und steigt.“

Der Jahresumsatz des Unternehmens liege aber seit Jahren bei knapp unter zwölf Millionen Euro. „Eine Aktiengesellschaft könnten wir nicht gründen“, sagt Seifert. Seit 2003 führt sie das Unternehmen und ist stolz, ihre Leute „prinzipiell pünktlich“ zu bezahlen – auch wenn der Lohn nur wenig höher ist als der Mindestlohn.

Rund 15 Kilo Fisch esse jeder Deutsche pro Jahr, erklärt Uwe Baldauf. „Aber das reicht bei mir nicht, auf keinen Fall“, sagt der 57-Jährige. „Wir zwei könnten wirklich früh, mittags und abends Fisch essen“, bestätigt seine Chefin. Dabei habe sie als Kind zum Beispiel keinen marinierten Hering essen wollen, die Soße, in der der Fisch liegt, aber schon. „Das ist Kopfsache“, so Seifert. Baldauf ergänzt: „Es gibt auch Leute, die sagen, ich esse gar keinen Fisch. Außer Fischstäbchen.“ Denn viele hätten zwar noch immer Appetit auf Fisch. Nur Gräten dürfe er bitte nicht haben.