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Die mörderische Grippe

Immer wieder ist Dresden von Epidemien heimgesucht worden. Aber nie war es so schlimm wie 1918.

© Sammlung Holger Naumann

Von Ralf Hübner

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Dorothee Oberlinger zeigt mit Liebe und Leidenschaft, wie wandlungsfähig die unscheinbare Blockflöte ist. 

Die Grippewelle beschert dem Dresdner Uni-Klinikum Hochbetrieb. Täglich treffen bis zu 20 Patienten mit den grippetypischen Symptomen wie Fieber, Gliederschmerzen und Atemnot in der Ambulanz ein. Einige werden vom Rettungsdienst eingewiesen, andere vom Hausarzt geschickt. Vier Sachsen sind in den vergangenen Wochen an den Folgen der Influenza gestorben. Insgesamt gab es seit Oktober im Freistaat neun Grippetote. Vor 100 Jahren rollte eine Grippewelle durch Europa, der mehr Menschen zum Opfer fielen als im gesamten Ersten Weltkrieg.

Eine Abteilung im Krankenhaus Johannstadt, aus dem später das Universitätsklinikum hervorgegangen ist. © Sammlung Holger Naumann

Die Spanische Grippe von 1918/1919 gilt als die bisher schwerste Pandemie in der Geschichte. Sie war vermutlich im US-Staat Kansas ausgebrochen, von wo aus sie sich in wenigen Monaten und mehreren Wellen über die ganze Welt ausbreitete. Damals erkrankten weltweit etwa 500 Millionen Menschen. Die Zahl der Influenza-Opfer wurde auf 21 Millionen geschätzt. Die nächste verheerende Pandemie war 1957 die Asiatische Grippe. Die Hongkong-Grippe forderte 1968/1969 zusammen mit der Russischen Grippe von 1977 etwa 1,5 Millionen Tote. Die Namen der Pandemien geben deren Ausgangspunkt oder den Ort des Bekanntwerdens an.

In Dresden wurden während der Epidemie von 1918 unter anderem Theater und Kinos geschlossen. Es gebe deswegen eine Flut von Protesten, berichtete im Oktober des Jahres bei einer Sitzung der Dresdner Gesellschaft für Natur- und Heilkunde einer der anwesenden Experten. Viele Menschen hielten diese Maßnahmen für nicht notwendig. Aus deren Sicht werde nur das Erwerbsleben geschädigt. Tatsächlich sei es außerordentlich schwer festzustellen, wie weit sich die Grippe ausgebreitet habe, denn es gebe keine Meldepflicht, sagte der Experte weiter. Und auf Grundlage von so unzuverlässigen Mitteilungen solch schwerwiegende Entscheidungen zu treffen, das sei bedenklich.

Bei den eingelieferten Patienten sei die Sterblichkeit ziemlich hoch, berichtete in derselben Sitzung laut Protokoll ein anderer Teilnehmer über Erfahrungen im Krankenhaus. Oft setze schon am zweiten Tag eine Lungenentzündung ein, die dann schnell zum Tod führe, manchmal auch erst nach einigen Tagen, in einigen Fällen sogar erst, nachdem das Fieber schon wieder abgeklungen sei. Es sei die mörderischste Epidemie seit Menschengedenken, hieß es. Diese bevorzuge vor allem junge, kräftige und gesunde Leute – kein Vergleich zur Grippe-Epidemie von 1889/90.

Tatsächlich rätseln die Wissenschaftler noch immer, warum damals gerade Menschen, deren Immunsystem ja eigentlich geschwächt war, von der Grippe weniger betroffen waren als die Kräftigen, Menschen im Alter zwischen 25 bis 35 Jahren.

In Dresden hatte schon im 19. Jahrhundert immer wieder die Grippe gewütet. Auch jene Epidemie von 1890 ist in den Jahresberichten der Gesellschaft für Natur- und Heilkunde erwähnt. Sie sei schnell gekommen, habe sich über ganz Europa ausgebreitet und alle Schichten der Bevölkerung erfasst, hieß es dort. „Die Stadt war am 22. Dezember 1889 allenthalben infiziert.“ Etwa jeder dritte Dresdner sei Schätzungen zufolge von der Krankheit befallen worden. Nach dem Höhepunkt Anfang Januar sei die Epidemie ab 12. Januar rapide abgeklungen. Ab dem 19. Januar seien nur noch wenige Fälle ins Krankenhaus gekommen. Leute aus den „besseren Ständen“ seien eher erkrankt als die der arbeitenden Klassen.

Doch nur wenige Jahre später, von Februar bis Juni 1895, das gleiche Schauspiel. Wegen fehlender Unterlagen sei er außerstande, die Anzahl der an Influenza Verstorbenen auch nur annähernd richtig wiederzugeben, berichtete Obermedizinalrat Anton Louis Buschbeck damals in einem Vortrag, der im Jahresbericht Dresden veröffentlicht wurde. „Nur so viel kann mit Bestimmtheit gesagt werden, dass die Verluste wieder recht beträchtlich gewesen sind.“ Das ergebe sich aus der verglichen mit anderen Jahren erhöhten Zahl von Todesfällen bei akuten Lungenkrankheiten.

Entdeckt wurde das Grippevirus erst 1933. Deshalb standen bei der Behandlung zunächst vor allem Hausmittel hoch im Kurs wie etwa das Gurgeln mit Salzwasser oder formalinhaltigen Lösungen. Rote Rüben wurden in Zeitungen angepriesen, Alkohol wie etwa alter Sherry galt als Stärkungsmittel und sollte helfen. Viele Ärzte plädierten aber auch einfach nur für einige Tage Bettruhe und fiebersenkende Mittel. Gelegentlich wurde auch mit damals neuen Medikamenten experimentiert.

Zu den prominenten Dresdnern, die an den Folgen einer Grippe starben, gehörte ausgerechnet der Arzt Heinrich Lahmann, der Gründer des Lahmann-Sanatoriums auf dem Weißen Hirsch. Er war im Februar 1905 nach Sizilien in den Urlaub gefahren. Dort herrschte kühles Wetter. Er erkrankte und fuhr über Bosnien und Ungarn wieder zurück und starb im Alter von nur 45 Jahren am 1. Juni 1905 an einer Herzmuskelentzündung.