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„Die MS muss auch mit mir leben“

Katja Scholtyschik macht aus ihrer Krankheit kein Geheimnis und Jann Kessler einen Film über ein rätselhaftes Leiden.

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© Christian Juppe

Von Nadja Laske

Dieses Lachen kommt aus einer heilen Welt. Hell und ein bisschen heiser. Wie sie da so sitzt und spricht und ihr Kichern im Raum verteilt, als werfe ein Blumenmädchen Blüten, sind die Zuhörer gefangen. Doch Katja Scholtyschik erzählt nicht von ihrer Hochzeit. Sondern von der Krankheit, die sie in den Rollstuhl zwingt. Seit etwa sechs Jahren lebt die 33-Jährige mit Multipler Sklerose. Drei Jahre hat es gedauert, bis Experten die Diagnose stellten. Das Leiden hat viele Gesichter, in denen Betroffene und Mediziner falsch lesen können. Bis der Horror im Hirn bewiesen ist, hat die Krankheit oft schon irreparable Schäden verursacht.

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Der 20-jährige Regisseur Jann Kessler stellt seinen Dokumentarfilm über Multiple Sklerose vor. Am 19. September ist er 16.30 Uhr im Programmkino Ost zu sehen.
Der 20-jährige Regisseur Jann Kessler stellt seinen Dokumentarfilm über Multiple Sklerose vor. Am 19. September ist er 16.30 Uhr im Programmkino Ost zu sehen. © Christian Juppe

Mit einem Kribbeln in den Beinen fing es an, sie fühlten sich taub an, und Katja begann zu humpeln. Irgendwas stimmte auch mit ihrem Auge nicht. Als fast schlimmer aber empfand sie diese Schlappheit, diese unergründliche Stimmung, die ihr die Freude am Leben nahm. Depressiv sei sie, hieß es. Sie leide unter psychosomatischen Symptomen. Das sitze im Kopf. Wie sehr wirklich, ahnte noch niemand.

Kraft und Liebe

Meine Mutter hat immer gesagt: Du bist überhaupt kein Typ für Depressionen, das passt gar nicht zu dir“, erinnert sich die gelernte Krankenschwester. Was sollte denn auch nicht stimmen? Sie hatte doch alles: mit Mitte 20 einen Mann, der sie liebt, eine starke Familie, gute Freunde, ihren Traumjob auf einer Intensivstation.

Nach dem zweiten Untersuchungsmarathon am Universitätsklinikum Dresden wusste sie: MS, therapierbar, unheilbar. Als „Immunsystem außer Rand und Band“ beschreiben Spezialisten die chronisch-entzündliche Erkrankung im zentralen Nervensystem, bei der körpereigene Abwehrzellen gesundes Gewebe angreifen. „Zunächst war ich irgendwie erleichtert. Worunter ich so lange gelitten habe, das war alles nicht nur eingebildet, sondern mein Problem hat einen Namen.“ Erinnert sich Katja Scholtyschik an die Gedanken der ersten Zeit nach der Diagnose, sagt sie Sätze wie: „Oh Gott, mit 40 Jahren im Rollstuhl.“ Oder „Ich habe vier Wochen lang nur geweint.“ Die folgenden Monate, ihr Wesen und alle Menschen, die sie stützen, lassen sie heute sagen: „Jeder bekommt das, was er tragen kann“ und „Ich habe ja nur das eine Leben.“

Für dieses eine Leben braucht Katja enorme Kraft, ständig Hilfe, medizinische Betreuung am MS-Zentrum der Uniklinik und reichlich Optimismus. Ihrem Mann stellte sie nach der Krankheitsverkündung frei zu gehen. Er hat gefragt: Warum? Nur weil du nicht laufen kannst? Er blieb. Das Paar ist jetzt 16 Jahre zusammen. Katja Scholtyschik arbeitet voll, inzwischen als Ausbilderin. Mit dem Auto fährt sie zur Arbeit, parkt auf dem Behindertenparkplatz, schiebt ihre Beine aus dem Wagen, zerrt den Rollator auf die Straße und läuft zum Dienst. Für längere Strecken braucht sie den Rollstuhl. Um das Gerät haben sie und ihr Mann drei Jahre gekämpft. Schwer krank sein und trotzdem 40 Stunden arbeiten, das passt in keinen Behördenordner. Da ist viel Rechtfertigung nötig. Das zermürbt. „Als ich endlich den Rollstuhl hatte, konnte ich wieder spazieren fahren und shoppen.“ Vier Räder für ein Stück Normalität. Für Katjas heile Welt, in der sie sich auch mal ein Glas Wein erlaubt, auch wenn Ärzte abraten. „Die MS muss auch mit mir leben. Nicht nur ich mit ihr.“

Ohne Pardon erzählt sie davon, was in dieser Welt kaputtgegangen und neu gewachsen ist. „Ich spreche mit jedem darüber, ob er will oder nicht“, sagt sie und lacht wieder hell und ein bisschen heiser. Das ist der große Unterschied.

Jann Kesslers Mutter hat nicht geredet. „Als ich fünf Jahre alt war, begann etwas nicht zu stimmen mit Mama“, sagt er. Seine ganze Kindheit hindurch habe er nicht gewusst, warum sie sich so verändert. Warum es ihr zuweilen so unsagbar schlecht geht. „Sie beschloss, über ihre Krankheit zu schweigen“, sagt der schweizer Regisseur. Gerade mal 20 Jahre alt, hat er eine Dokumentation über Multiple Sklerose und Menschen, die damit leben und damit sterben, gedreht.

„Multiple Schicksale“ kommt am Donnerstag ins Kino. Ein paar Tage vorher stellt Jann seinen Film mit einer Premiere im Programmkino Ost vor. Dabei lernt er Katja kennen. Sie ist so alt wie seine Mutter es war, als dieser seltsame Nebel über die ganze Familie zog. Viele Betroffene hat Jann Kessler im Laufe der vergangenen drei Jahre bewusst getroffen. Mit 14 habe er begonnen, seiner Mutter nachzuspüren, erzählt er. Davor lagen Jahre, in denen der Junge so oft es ging zu seinen Großeltern floh. „Ich habe mich daheim einsam gefühlt“, erinnert er sich. Als Jann gezielt zu fragen begann, was mit der Mutter geschieht, konnte sie schon nichts mehr formulieren. Dass er vorübergehend Besuche bei ihr vermied und wie er sich ihr wieder angenähert hat, beschreibt er im Film. Der Weg führte über die großen Fragen: Was ist MS? Was tut sie dem Menschen an? Wie leben andere damit? Sprechen sie darüber?

Mut und Schmerz

„Ich habe den Film mit 17 Jahren begonnen und als Matura-Arbeit geplant“, erzählt er, Matura, das schweizerische Abitur. Eine Art komplexe Leistung, wie es hierzulande heißt. Über Theater- und Filmzirkel an seiner Schule war er zu dieser Ausdrucksform gelangt. Über Institutionen, die sich mit der Krankheit beschäftigen, erhielt er Kontakte zu MS-Patienten – zu Melanie, deren Diagnose erst ein Jahr her ist. Zu Oliver, dem die Multiple Sklerose nicht anzusehen ist und ihn trotzdem schwer belastet. Zu Bernadette, die nach vielen Jahren mit MS noch so lacht wie früher, aber gepflegt werden muss. Und zu Rainer, dem ehemaligen Marathonläufer, der sich am Ende seines Leidensweges für Sterbehilfe entscheidet.

Der eine redet mehr, der andere weniger über das Leben mit der Krankheit. Zum Schicksal seiner Mutter spricht Jann Kessler selbst, sucht die Nähe, die ihm als Kind verwehrt blieb. Ein ehrlicher Film. Schmerzlich, feinfühlig und mutig.