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Die Mutmacher

Seit 20 Jahren gibt ein Tharandter Verein Jugendlichen eine neue Perspektive. Erfolgserlebnisse haben beide Seiten.

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© Andreas Weihs

Von Verena Schulenburg

Tharandt. Offen stehen die Türen hier immer. Am Freitag aber war etwas mehr Begängnis als üblich. An diesem Tag gaben die Jugendlichen auf der Roßmäßlerstraße in Tharandt einen Einblick in ihr Leben. Der Verein zur Förderung benachteiligter Jugendlicher lud zum Tag der offenen Tür in die Hausnummer 38.

1997 wurde das alte Fachwerkhaus komplett saniert.
1997 wurde das alte Fachwerkhaus komplett saniert. © Foto: privat

Seit 20 Jahren finden junge Menschen aus der Region hier eine neue Perspektive. Jugendliche, die es bisher nicht einfach hatten im Leben. Vielen jungen Leuten, die hier sind, fehlt es nicht nur am Schulabschluss und einer Idee, wie die eigene berufliche Zukunft aussieht. Mitunter mangelt es an einfachen Dingen, am Rückhalt in der Familie, auch an der Kraft der Eltern, ihren Kindern einen Weg aufzuzeigen.

In Tharandt erhalten sie diese Perspektive. Von montags bis freitags sind die Jugendlichen hier, üben einen ganz normalen Alltag. Mittags wird gekocht und gemeinsam gegessen. Auch das müssen einige erst lernen. „Es ist eine sehr familiäre Atmosphäre hier“, sagt Claudia Werner. Die 38-Jährige ist seit vier Jahren im Verein als Sozialpädagogin tätig. Gemeinsam mit Kollegin Stefanie Seifert versucht sie, den Jungen und Mädchen einen strukturierten Tagesablauf zu vermitteln, sie so in die Spur zu bringen. Kooperierende Firmen aus der Region helfen dabei, vergeben Praktika an die jungen Leute. Manchmal klappt es mit einer Lehrstelle. Darauf spekuliert auch Linda. Die 18-Jährige hat den Tischlerberuf für sich entdeckt. „Eine Ausbildung wäre toll“, sagt sie. Auch Olga ist auf Lehrstellensuche. Bei dem Tharandter Verein findet die 23-Jährige derzeit auch Unterstützung beim Schreiben von Bewerbungen.

In der Gesellschaft anzukommen, wieder eine Perspektive zu haben, das wollen alle jungen Leute hier. 14 Jugendliche leben derzeit in dem alten Fachwerkhaus. Bald kommen zwei weitere dazu. „Dann sind wir rappelvoll“, sagt Werner. Vor 20 Jahren, als der Verein erstmals aktiv wurde, sah das anders aus. „Wir sind mit acht Jugendlichen gestartet“, erinnert sich Vereinschefin Hella Müller. Die 67-Jährige hat den Verein im November 1997 gegründet. Warum? Darauf hat sie eine deutliche Antwort: „Nachdem 1994 der Kultur- und Kunstverein und der Jugendklub die Tharandter Kuppelhalle eröffnet hatten, haben wir festgestellt, dass relativ viele Jugendliche ohne Perspektive sind.“ Ihnen wollte sie helfen. Die Idee ließ die Tharandterin nicht mehr los. Mit der Vereinsgründung zogen die Akteure in das alte Fachwerkhaus, das noch als alter Milchladen bekannt ist. Nach und nach wurde das mehr als 200 Jahre alte Gebäude saniert, auch mit Unterstützung der Jugendlichen.

Ihrem Tatendrang und der Geduld der Vereinschefin ist es zu verdanken, dass seither viele junge Menschen wieder in die Spur gekommen sind. „Sie macht einfach eine tolle Arbeit“, lobt der 53-jährige Ole Vogt seine Kollegin. Eine Arbeit, die allerdings nicht immer einfach ist. Den Geburtenknick Anfang der 90er-Jahre bekam auch der Verein zu spüren. Nur mit Mühe konnten genug junge Menschen gewonnen werden, damit dieser im Sinne der Benachteiligten weiterbestehen kann.

Existenzängste müssen die Vereinsmitglieder mittlerweile nicht mehr ausstehen. Die Vereinsarbeit ist anerkannt, wird vom Europäischen Sozialfonds und dem Jugendamt des Landkreises finanziell unterstützt. Auch an jungen Leuten mangelt es nicht. Eine Tatsache, welche die Vereinsmitglieder auch nachdenklich stimmt.

Mehr als der Hälfte der sozial schwachen oder verhaltensauffälligen Jugendlichen konnte bisher geholfen werden, sei es zum Schulabschluss, zur Lehrstelle oder einfach, selbstständig zu sein und neuen Mut zu fassen. Künftig könnte sich die Erfolgsquote noch erhöhen. Während die jungen Leute bisher laut Gesetzgebung nicht länger als ein Jahr vom Verein unterstützt werden dürfen, wird sich dieser Zeitraum ab 2018 auf immerhin 18 Monate erhöhen. „Das kann bei einigen Jugendlichen viel bewirken“, erklärt Claudia Werner.

Erfolgserlebnisse brauchen aber nicht nur die jungen Leute. „Auch für uns ist es eine Motivation, wenn wir erfahren, dass Jugendliche, die bei uns waren, im Leben angekommen sind“, erzählt Vereinsmitglied Ole Vogt. Er erinnert sich an einen Jungen, der einst wegen Diebstahls und anderer Delikte aus der Justizvollzugsanstalt zu ihnen kam und in Tharandt neuen Lebensmut fand. Später schrieb der angehende Konstruktionsmechaniker aus Rostock an das Fachwerkhaus in Tharandt: „Als keiner an mich glaubte und mich jeglicher Mut verlassen hat, nochmals eine Lehre zu beginnen, habt Ihr mich immer unterstützt und mir Mut gemacht.“