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Die neue Mutter Oberin

© Rafael Sampedro

Schwester Elisabeth leitet als 56. Äbtissin nun das Kloster St. Marienthal. Überraschend ist ihre Wahl nicht.

Von Jan Lange

Ostritz. Ein bisschen hatte Schwester Elisabeth gehofft, dass der „Kelch“ an ihr vorbeigeht. Doch das Votum der 15 Zisterzienserinnen vom Kloster St. Marienthal war mehr als eindeutig: Sie wollten die bisherige Priorin und Cellerarin als neue Äbtissin. Und so ist Schwester Elisabeth nun die Vorsteherin der Marienthaler Abtei, immerhin die 56. Äbtissin in der langen Geschichte des Klosters an der Neiße. Sie folgt der bisherigen Äbtissin Regina Wollmann nach, die mit 75 Jahren zurückgetreten war.

Lange sei Schwester Elisabeth der Meinung gewesen, die Wahl, sofern sie denn auf sie fallen würde, abzulehnen, erzählt Elisabeth Vaterodt. Doch das hätte ihrer Berufung widersprochen. Wenn man im Kloster lebe, müsse man auch zu allem bereit sein, findet die neue Mutter Oberin. In einem großen Konvent mit vielen Schwestern sehe das anders aus als in einem kleinen mit einer überschaubaren Anzahl von Ordensfrauen. Und Marienthal gehört zu den kleineren Konventen. Von den 15 Schwestern ist der Großteil im Rentenalter, einige benötigen inzwischen sogar regelmäßige Pflege. So verringert sich die Zahl derer, die kräftemäßig überhaupt in der Lage wären, die Aufgabe als Äbtissin zu übernehmen. Deshalb war es auch für Außenstehende keine große Überraschung, dass die Wahl auf Schwester Elisabeth fiel.

Sie habe sich aber keinesfalls „in Stellung gebracht“, betont die 60-Jährige, die zuletzt neben der Äbtissin die beiden wichtigsten Ämter im Kloster innehatte. Dass sie die Wahl trotz früherer Bedenken am Ende angenommen hat, sei der Verantwortung gegenüber Gott, dem Kloster und ihren Mitschwestern geschuldet. Es war eine ganz besondere Stunde, meint die neue Äbtissin mit Blick auf den Wahlprozess. Alles verlief reibungslos, still und eindeutig – das sei für ein Kloster wichtig, fügt Mutter Elisabeth hinzu.

Wer künftig als Priorin die Äbtissin vertritt oder sich als Cellerarin um die wirtschaftlichen und finanziellen Belange des Klosters kümmert, ist noch nicht entschieden, erklärt die 60-Jährige. Sie werde mit jeder einzelnen Schwester sprechen. Die neue Mutter Oberin rechnet damit, dass die beiden Ämter in den nächsten zwei bis drei Wochen neu besetzt sind. Schließlich muss noch die bevorstehende Benediktion, also die feierliche Amtseinsetzungsfeier, vorbereitet werden. Diese erfolgt am 21. Mai, um 14 Uhr, in der Klosterkirche in Marienthal. In der Benediktionsfeier werden der neuen Äbtissin die Ordensregel und die Amtszeichen wie Stab und Ring überreicht. Das Brustkreuz erhielt sie schon direkt nach ihrer Wahl. Die ersten Entscheidungen hat Mutter Elisabeth schon getroffen. So wurden die erste und zweite Kantorin bestimmt. Beschlossen ist auch, dass Schwester Anna weiterhin Novizenmeisterin bleiben wird. Sie ist damit auch künftig für die Ausbildung der neuen Ordensfrauen zuständig. Und Anfragen, ins Kloster einzutreten, gebe es immer wieder.

Die neue Äbtissin ist selbst 1985 nach Marienthal gekommen. Noch gut erinnert sie sich an den 11. Juli 1984. Das Kloster an der deutsch-polnischen Grenze feierte in jenem Jahr sein 750-jähriges Bestehen. Elisabeth Vaterodt verbrachte, wie in den Jahren zuvor, ihren Urlaub in Marienthal. Am Abend des besagtem 11. Juli saß sie mit einer Freundin auf dem Stationsberg und blickte hinab auf das Kloster. In dieser Situation habe sie eine innere Stimme gehört, die sagte: „Wenn du wirklich Gott suchst, dann findest du ihn hier in Marienthal.“ Sie war damals 29 und von Beruf Altenpflegerin in Jena. Gleich am nächsten Tag sei sie zur damaligen Äbtissin Pia Walter gegangen und habe sich angemeldet.

Dass bis zu ihrem tatsächlichen Eintritt im September 1985 noch einige Monate vergingen, hatte zwei Gründe. Zum einen hatte sie die Äbtissin gebeten, noch ein wenig zu warten, da im März 1985 auch zwei Ostritzerinnen eintreten wollten. Diese seien am Ende aber nicht gekommen. Dafür aber Elisabeth Vaterodt – wenn auch erst ein halbes Jahr später. Denn im Frühjahr 1985 musste sie erst mal ihre kranke Mutter pflegen. Ihr Vater habe dann einige Zeit später zu ihr gesagt, dass sie jetzt gehen solle, wenn sie noch ins Kloster wolle. „Ich habe das Kloster erst von innen kennengelernt, als ich eingetreten bin“, sagt die aus dem Eichsfeld, aber der thüringischen Seite, stammende Ordensschwester.

In St. Marienthal war sie zuerst als Kantorin tätig und übernahm auch die Pflege älterer Schwestern. Schließlich bestimmte man die freundliche und engagierte Schwester zur Cellerarin – das war 1994, als ihre Vorgängerin, Schwester Hildegard, zur Priorin ernannt wurde. 2009 folgte sie dann Schwester Hildegard auch ins Amt der Priorin, kümmerte sich aber weiter ebenfalls ums Wirtschaftliche. Die Funktionen der Priorin und der Cellerarin sollen nun personell wieder getrennt werden.

Nach ihrer Wahl zur Äbtissin wird Mutter Elisabeth, die mittlerweile das 31. Jahr in Marienthal lebt, nicht in die Abtei umziehen. Sie will ihre Zelle im Konvent behalten. Alt-Äbtissin Regina Wollmann bleibe in ihren bisherigen Räumen wohnen. In der Abtei werde sie sich allerdings ein kleines Büro einrichten, kündigt die neue Mutter Oberin an.