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Die Nischenfinder

Viel Service, kleine Fernseher: Gunter Ende kann trotz starker Konkurrenz mit seinem Elektronik-Geschäft in Görlitz überleben.

© Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Von Ingo Kramer

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Gunter Ende kann sich noch gut an die Anfänge erinnern. Im Jahr 1992 – sein eigener Laden bestand da seit einem Jahr – gab es in Görlitz 14 Geschäfte für Unterhaltungselektronik. „Da hieß es oft, dass es nirgendwo so viele sind wie in Görlitz“, sagt der heute 56-Jährige. Dass nicht alle überleben würden, war bald klar. Ende besuchte irgendwann ein Seminar mit dem sperrigen Titel „Engpass konzentrierte Strategie“. Dessen Fazit war für ihn wichtig: Wer am Markt eine Chance haben will, sollte sich eine Nische suchen, in der er stark ist und sich präsentieren kann.

Ende suchte sich gleich vier Nischen – und ist heute einer von fünf verbliebenen Elektronikhändlern, darunter zwei Große und neben ihm noch zwei kleine, inhabergeführte Läden. Leicht war der Weg aber nicht: Zu Spitzenzeiten beschäftigte er fünf Mitarbeiter, heute nur noch zwei. „Weniger geht nun nicht mehr“, sagt er. Doch die schwerste Zeit ist überstanden: „Von 2005 bis 2008 wurde den Leuten die Geiz-ist-geil-Mentalität regelrecht geimpft.“ Danach habe sich die Lage für ihn aber stabilisiert – trotz der scheinbar übermächtigen Konkurrenz durch das Internet und große Ketten wie Media Markt. Reich werde er mit dem Laden zwar nicht, aber die Leute wissen seine vier Nischen zu schätzen.

Die Wichtigste heißt: Produkt gepaart mit Dienstleistung. Etwa 95 Prozent der Fernseher werden zum Kunden geliefert und dort installiert, sagt Ende: „Wir gehen erst, wenn der Kunde zufrieden ist.“ Dieser Service komme bei den Leuten an. Eine zweite Nische sind die kleinen 32-Zoll-Fernseher. „Die großen Anbieter führen oft gar keine kleinen Geräte mehr“, sagt Ende. In Görlitz gebe es aber viele Kunden, die nicht so viel Platz haben oder den Fernseher in die Schrankwand integrieren möchten. Ihnen können Ende und sein Kollege Frank Völker helfen. Der andere Mitarbeiter, Bernd-Uwe Kabst, ist als Mechaniker für die dritte Nische da: Die Reparaturen. Er macht alles ganz, was reparabel und den Kunden ans Herz gewachsen ist, auch Radios und Plattenspieler aus DDR-Zeiten sowie alte Videorekorder. Dass die Werkstatt direkt im Haus ist, ist ein großer Vorteil gegenüber der Konkurrenz: Die Fehlerdiagnose ist in vielen Fällen recht kurzfristig möglich, die Reparatur auch.

Und dann ist da noch eine vierte Nische: Kunden können sich bei Gunter Ende ihre alten Schallplatten, Musik- und Videokassetten digitalisieren lassen. Das wird stoßweise genutzt. Mal kommen ganz viele Kunden, sodass die Wartezeit eine Woche betragen kann, dann herrscht mal wieder eine Flaute. Schnelligkeit zahle sich aber auch noch bei ganz anderen Dingen aus, sagt Völker: „Wenn schriftliche Anfragen reinkommen, antworten wir sofort.“

Einmal so richtig viel Lehrgeld bezahlt hat Ende nicht. Nur immer mal im Kleinen: „Es kommt schon vor, dass wir Geräte bestellen, die dann nicht gefragt sind.“ Schwierig seien vor allem Design-Geräte: „Die werden entweder sofort gekauft oder bleiben ewig stehen.“ Die meisten Görlitzer mögen es aber eher klassisch, lassen sich auf Design-Geräte nicht ein. Andere Themen haben sich im Laufe der Zeit erledigt: Der Walkman und der Videorekorder sind ausgestorben, die letzten Videokassetten hat Ende kurz vor Weihnachten verkauft. Immerhin ein paar leere Musikkassetten führt er noch. Videokameras wollen nur noch Spezialisten, alle anderen filmen heute mit dem Mobiltelefon. Fotoarbeiten hat Gunter Ende nur ganz am Anfang erledigt, dann übernahmen das die Drogeriemärkte. Auch Mobiltelefone verkauft er schon lange nicht mehr, steckt stattdessen alle Kraft in Fernseher und Hifi-Anlagen.

Im März 2016 ist Ende in die Hospitalstraße 5 umgezogen, nach 25 Jahren im alten Geschäft auf der Berliner Straße. Hier gibt es zwar weniger Laufkundschaft und die Miete ist nicht bedeutend geringer. Das war auch nicht der Grund für den Umzug: „Stattdessen haben wir jetzt viel bessere Arbeitsbedingungen.“ Die Werkstatt ist direkt im Haus statt über den Hof. Laden, Lager und Werkstatt befinden sich jetzt stufenlos auf einer Ebene. Zudem sei das Haus auf der Berliner Straße ziemlich marode gewesen. Die Umsatzentwicklung am neuen Standort stimmt Ende positiv. So ist er guter Hoffnung, auch die nächsten zehn Jahre mit seinen Nischen durchzuhalten.