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Die Odyssee zum Kinderarzt

Mit ihrem kranken Sohn ist eine Mutter in Meißen mehrere Stunden unterwegs, bis der Junge mit 40 Grad Fieber endlich behandelt wird – in Coswig.

© dpa

Von Marcus Herrmann

Die gesunde Drittelstunde

Impfen lassen? Neue Therapien? Was zahlen Kassen? Fragen rund um das Thema Gesundheit: hier gibt es Antworten. Redakteur Jens Fritzsche im Gespräch mit Experten.

Die Wartezimmer beim Hausarzt sind rappelvoll. Erst recht jetzt zur Erkältungs- und Grippezeit. Nervig lange Wartezeiten sind da eher die Regel als die Ausnahme. Was jetzt eine junge Mutter, die ihren fiebrigen Sohn untersuchen lassen wollte, erlebt hat, ist jedoch nicht nur nervig, sondern ein Unding. Am Ende braucht es vier Anläufe, viele Kilometer mit dem Auto, und es vergeht ein ganzer Tag, bis dem Jungen in Coswig geholfen wird.

Doch der Reihe nach. In der Nacht zu Montag klagt der fünfjährige Sohn der zweifachen Mutter aus Scharfenberg über Hals- und Kopfschmerzen. Das Fieberthermometer zeigt 39,5 Grad. Gleich morgens macht sich die 39-Jährige mit ihrem Kind deshalb auf den Weg nach Meißen. Hier, am Robert-Koch-Platz, befindet sich der Kinderarzt des Jungen. Die Praxis ist in dieser Woche wegen Urlaubs geschlossen, also fährt sie weiter zur Gemeinschaftspraxis Boudriot/Augustin an der Kerstingstraße.

„Als ich gegen 9.30 Uhr mit meinem Kind hier ankam, war das Wartezimmer aber dermaßen voll, dass ich entschied, am frühen Nachmittag wiederzukommen“, sagt die junge Frau. Nach einer Mittagspause hat die Praxis montags bis donnerstags normalerweise ab 14 Uhr wieder geöffnet. Doch gerade an diesem Tag bleibt die Tür zur Praxis zu, ein Schild verrät: Es ist ab 12 Uhr geschlossen.

Dass keiner der beiden Ärzte mehr da ist, findet die Scharfenbergerin kurios. Doch es nützt nichts. Der nächste Kinderarzt befindet sich 20 Kilometer weit weg in Nossen. Aber der hat auch geschlossen, weil der behandelnde Arzt krank ist, hatte die Mutter schon zuvor gehört. Also fährt sie 15 Kilometer nach Lommatzsch, wo es auch einen Kinderarzt gibt. Ihr Sohn ist unruhig, klagt über Schmerzen. Doch auch in Lommatzsch ist der Kinderarzt am Marktplatz nicht anzutreffen. „Wegen Urlaub geschlossen“ steht an der Eingangstür.

Telefonisch bekommt sie die Empfehlung, es in Coswig bei Dr. Christa Rüdiger zu probieren. „Dort bin ich dann mit meinem Jungen um 15 Uhr angekommen. Die Praxis war so voll wie die erste am Morgen in Meißen. Aber es half ja nichts.“

Gegen 17 Uhr kommt der Fünfjährige schließlich dran. Wie sich herausstellt, hat er eine eitrige Angina, inzwischen fast 40 Grad Fieber. Er bekommt ein Antibiotikum verschrieben.

Die SZ fragte bei der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS) nach. Natürlich seien Ärzte verpflichtet, für ihre Sprechstunden in der Umgebung eine Vertretung zu organisieren, und angehalten, sich mit umliegenden Ärzten wegen Urlaubszeiten abzusprechen, sagt Katharina Bachmann-Bux von der Landesgeschäftsstelle. Auch in der Notaufnahme eines Krankenhauses wäre die Mutter mit einem so stark fiebernden Kind sicher nicht abgewiesen worden.

Im Zweifelsfall lohnt es sich, als Erstes den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der zentralen kostenlosen Notrufnummer 116117 anzurufen. Dort erhalten Patienten Hilfe durch die örtlichen Bereitschaftsärzte, die akute Erkrankungen auch außerhalb der Sprechzeiten behandeln oder geöffnete Praxen nennen können.