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Die Pratzschwitzer Vietnamesen und ihr Retter

Im flutgebeutelten Gasthaus „An der alten Mühle“ gibt es noch immer nichts zu essen. Aber einen neuen Freund.

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© Norbert Millauer

Von Jörg Stock

Pirna. In Vietnam gibt es keinen Christstollen. Überhaupt: Kuchen essen dort nur die reichen Leute, sagt Van. Sie hat heute Stollen aufgetischt. Van Le thi hong und ihr Mann Binh Le thanh leben von Hartz IV. Reich sind sie trotzdem, irgendwie zumindest. Das liegt an Eckhard Rothe, der auf der anderen Seite des Tisches sitzt. Er hat den beiden nicht nur das Stollenessen nahe gebracht. Er hat ihnen ihren Lebensmut zurückgegeben. Vielleicht, sagt Binh, war es eine Fügung Gottes, der das Elend von oben mit angesehen hat. Er knetet die Hände vor der Brust und sucht nach Worten. Die schlechte Zeit ist vorbei, sagt er schließlich. „Wir sind wieder glücklich.“

Tage ohne Hoffnung: So berichtete die SZ am 14.Juni 2013 über die geplatzten Zukunftspläne von Binh und Van.
Tage ohne Hoffnung: So berichtete die SZ am 14.Juni 2013 über die geplatzten Zukunftspläne von Binh und Van.

Die kleine Kaffeegesellschaft mit dem verfrühten Weihnachtsgebäck auf den Tellern sitzt im Wohnzimmer des Hauses Nummer 101 an der Pratzschwitzer Ortsdurchfahrt. Dieses Haus war einmal das Lokal „An der alten Mühle“ und das Wohnzimmer war die Gaststube. Wäre es nach Binh und Van gegangen, hätten sie hier im Oktober 2013 ihr Bistro aufgemacht mit Gerichten aus der alten Heimat. Jahrelang hatten sie dafür gespart. Doch das Schicksal wollte es anders. Wenige Wochen zuvor rauschten Elbe und Wesenitz mit vereinigter Gewalt heran und ersäuften den Zukunftstraum des Paares. Aus den Gasträumen und der noch verpackten Einrichtung wurde ein schlammiges Trümmerfeld.

Mehr als drei Jahre liegt die Katastrophe nun zurück. Drei Jahre, in denen Zukunftsängste die Gedanken von Binh und Van beherrschten. Drei Jahre aber auch, in denen sie die Hilfsbereitschaft von Freunden und Bekannten spürten und auch von Leuten, die sie zuvor nie gesehen hatten. Van legt beide Hände auf ihr Herz, wenn sie davon erzählt. „So viele nette Menschen“, sagt sie. Auch die Leser der Sächsischen Zeitung halfen, via Stiftung Lichtblick. Eintausend Euro überreichte die Pirnaer SZ damals als Starthilfe für den Wiederaufbau.

Das Zeitungsbild mit den beiden Vietnamesen, die traurig vor den Trümmern ihres Traumes hocken, bewegte damals die ganze Region. Auch der Dresdner Vermessungsingenieur Eckhard Rothe hat das Foto gesehen. Als er wenige Tage darauf mit dem Rad durch Pratzschwitz fuhr, erkannte er die Szene wieder, erkannte Binh, der auf dem Dach des Gaststuben-Anbaus herumkraxelte. Spontan fragte Rothe, ob er helfen könne. Zwei Wochen lang packte er beim Aufräumen mit an.

Der Mann für den Papierkram

Anders als die meisten Spontanhelfer ging Eckhard Rothe nicht einfach wieder heim. Fängt er etwas an, so sagt er, bleibt er dran, bis es fertig ist. Binh und Van wussten damals weder aus noch ein. Obwohl bereits seit 1988 im Land, sprechen die beiden nur mit Mühe deutsch. Fünfzehn Jahre standen sie in einer Imbissbude vor dem Heidenauer Praktiker. Einige Allerweltsphrasen und die Nummern der Gerichte reichten, um durchzukommen. Im Behördendschungel auf dem Weg zum Fördergeld für den Wiederaufbau würde es nicht reichen, das war Eckhard Rothe klar. So wurde er Binhs und Vans Mann für den „Papierkram“.

Als Vermesser kennt Eckhard Rothe viele „Baumenschen“. Er fand einen Ingenieur, der das Schadensgutachten schrieb. Er überzeugte die Aufbaubank „mit Geduld und Spucke“, wie er sagt, 300 000 Euro locker zu machen. Der Eigenanteil kam als Spendengeld von der Caritas. Ein Bauleiter wurde engagiert, unter dessen Führung aus dem zerstörten Erdgeschoss – vieles davon Billigbau aus Holzständern und Gipskarton – solide Wohnräume wurden. Mit dem Ergebnis ist Rothe sehr zufrieden. Die Wände sind mit Spezialputz geschützt, die Fußböden gefliest. Sollte neues Hochwasser kommen, sagt er, wird man hier nach ein paar Wochen wieder einziehen können.

Wird der Traum vom Bistro also doch noch wahr? Es sieht so aus, denn vor dem Haus stehen Kühlschränke, Geschirrspüler und eine Bierzapfanlage. Aber hinterm Manometerglas am Zapfhahn schwappt eine braune Pfütze. Die Geräte sind damals mit untergegangen. Binh und Van haben sie aufgehoben, haben gehofft, dass sie noch funktionieren würden. Doch umsonst. Die Technik ist kaputt, die Reparatur zu teuer.

Schlechtes Deutsch, keine Ausbildung

Was von der Küche des einstigen Lokals überlebt hat, nutzen die beiden nur privat. Um zum zweiten Mal eine Gaststätte einzurichten, fehlt ihnen das Geld, ganz abgesehen von der Erlaubnis der Behörden. Eckhard Rothe sagt, dass er für die Erledigung des „Papierkrams“ wieder zur Verfügung stünde. Er würde dem Paar sogar etwas Geld borgen, damit sie als Wirtsleute endlich ihr Auskommen finden. Von Sozialhilfe zu leben, dürfe doch nicht die Lösung sein. „Etwas tun muss der Mensch.“

Die beiden würden gern etwas tun, wieder eigenes Geld verdienen, etwas fürs Bistro auf die hohe Kante legen. Aber wie? Richtige Berufe haben Binh und Van nicht. Als Vertragsarbeiter wurden sie in der DDR nur angelernt. Inzwischen sind sie nicht mehr die Jüngsten. Van ist 51 und Binh fast 60. Dazu kommt das schlechte Deutsch. Bei deutschen Wirten nach einer Anstellung zu fragen, sei sinnlos, sagt Binh. Van hat einen Job als Küchenhilfe in einem Asia-Imbiss gefunden. Immerhin ein Anfang.

Wohin ihr Weg die Pratzschwitzer Vietnamesen noch führt, weiß auch Eckhard Rothe nicht. Jedenfalls wird er mitgehen. Ist er ein Gutmensch? Das Wort mag er nicht besonders. Braucht jemand Hilfe, so muss man ihm helfen, sagt er. „Fertig!“