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Die „Puddingschule“ stellte hohe Ziele

In Görlitz wurde vor 110 Jahren eine Haushaltungs- und Gewerbeschule gegründet.

Von Hans Schulz

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Am 31. Oktober sah die Städtische Haushaltungs- und Gewerbeschule auf ihr 110-jähriges Bestehen zurück –- wenn es sie noch gäbe. 1933 freilich gab es sie noch. Damals wurde der 25. Geburtstag gefeiert, und die Gratulanten notierten im „Neuen Görlitzer Anzeiger“: „Die verflossene Zeit zeigt, wie stark die Entwicklung der Anstalt von den jeweiligen Forderungen des Tages, von den lebendigen Antrieben von draußen bestimmt wurde.“

Als wichtigen Bestandteil der Bildung vermittelte die vor 110 Jahren eingeweihte Haushaltungsschule den jungen Frauen vor allem Kenntnisse der Hauswirtschaft und betonte den Platz in der Küche. Repro: Städtische Sammlungen Görlitz
Als wichtigen Bestandteil der Bildung vermittelte die vor 110 Jahren eingeweihte Haushaltungsschule den jungen Frauen vor allem Kenntnisse der Hauswirtschaft und betonte den Platz in der Küche. Repro: Städtische Sammlungen Görlitz

Die Vorläuferin besagter Haushaltungs- und Gewerbeschule, die zunächst in Räumen der Mädchen-Mittelschule Annengasse (heutiges Gymnasium) untergebracht wurde, war die von Mittelschulrektor Kleinschmidt 1895 aus eigenen Mitteln gegründete Industrieschule. Die Einsicht, dass „die Frau infolge des Eindringens der Naturwissenschaften ins Haus mit dem überlieferten Wissen und Können nicht mehr auskommt“, hatte zur Gründung der Industrieschule geführt. Sie bedingte später den Ausbau zur Haushaltungs- und Gewerbeschule. Am 31. Oktober 1908 wurde sie durch Oberbürgermeister Snay, ihrem Begründer und Förderer, offiziell eröffnet.

Die vielfache Berufstätigkeit der Mütter machte die Einführung des hauswirtschaftlichen Unterrichts für Schulpflichtige und damit die Ausbildung von technischen Lehrerinnen notwendig. 1909 wurden die Seminare zur Ausbildung von Nadelarbeits- und Haushaltungslehrerinnen angegliedert. Sie bestanden bis 1932. Zu diesem Zeitpunkt wurde seitens der Behörden für ganz Preußen der Abbau der technischen Seminare verfügt. Im Lauf von 23 Jahren waren in den Görlitzer Seminaren zur Ausbildung von technischen Lehrerinnen 752 Schülerinnen zur Prüfung geführt worden. 1913 wurde eine Abteilung für kinderpflegerische Ausbildung angegliedert.

„Die Erkenntnis, dass für einen Teil der jungen Mädchen der rein wissenschaftliche Berufszweig über das Abitur weder geeignet noch befriedigend ist, ließ die Behörde zur Gründung von Frauenoberschulen und von Höheren Fachschulen kommen“, war 1933 der Presse zu entnehmen. Die stets zunehmende Nachfrage nach gebildeten, gut geschulten hauswirtschaftlichen Kräften brachte die Ausbildung der Haushaltspflegerin zur Entwicklung. Schließlich umfasste die Anstalt außer der Haushaltungsschule und den gewerblichen Klassen die Höhere Fachschule, das Kindergärtnerinnen- und Hortnerinnenseminar mit dem Seminarkindergarten, die Ausbildung der Haushaltspflegerinnen, die der Kinderpflege- und Haushaltsgehilfinnen sowie praktische Abendkurse verschiedener Fachrichtungen. 4 486 Schülerinnen hatten im Lauf des ersten Vierteljahrhunderts diese Schule besucht, davon zum Zweck der hauswirtschaftlichen, mütterlichen Ausbildung 2 960, zur Vorbereitung für die spätere Berufstätigkeit 1 526. Die wachsende Schülerinnenzahl machte eine Umschau nach neuen Räumen notwendig. Diese wurden im Filialgebäude der Luisenschule, Konsulstraße 23, gefunden. Dennoch wurden immer auch Außenstellen gesucht und gefunden. Für die Praxisnähe arbeiteten die Schülerinnen in Heimen, in Kindergärten, in der Krippe, in privaten Haushalten. Längere Freizeiten in Jugendherbergen oder in der seit Jahren mit der Anstalt befreundeten Grenzlandschule in Reichenbach gaben Gelegenheit zu praktischer Wirtschaftsführung.

Aus heutiger Sicht befremdlich freilich klingt das Ziel, das damals für die Ausbildung der jungen Damen insgesamt formuliert wurde: „Es gilt, die schlichte deutsche Frau und Mutter oder die für echt weibliche Berufe erzogene Frau heranzubilden und sie mit Verantwortungsbewusstsein gegenüber Familie, Volk und Vaterland zu erfüllen.“ Der Volksmund war – wie immer – von einem ganz anderen Ziel geprägt. Er nannte die auch das Kochen lehrende Bildungsstätte auf der Görlitzer Konsulstraße schlicht, einfach und respektlos immer nur die „Puddingschule“.