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Bischofswerda

Die Puppenmacherin von Rammenau

Gabriele Schwager fertigt individuelle Spielgefährten. Dabei hat sie vor allem einen Anspruch.

Gabriele Schwager lässt ihrer Kreativität bei der Herstellung individueller Spielgefährten freien Lauf. Etwa zehn Stunden braucht sie für eine Puppe.
Gabriele Schwager lässt ihrer Kreativität bei der Herstellung individueller Spielgefährten freien Lauf. Etwa zehn Stunden braucht sie für eine Puppe. © Steffen Unger

Rammenau. In Gabriele Schwagers Wohnzimmer erblicken kuschelweiche Stoffpüppchen das Licht der Welt. Sie entstehen in liebevoller und sorgfältiger Handarbeit. Das Zimmer, in dem die Nähmaschine der Rammenauerin steht, ist ein lichtdurchfluteter, großzügig geschnittener Raum. Kein Wunder. Früher war das das Atelier ihres Mannes. In dem lebte der Bildhauer seine Kreativität aus. Ein überdimensional großes, den Raum dominierendes Fenster lässt einen uneingeschränkten Blick aufs angrenzende Feld und die etwas weiter abgelegenen Häuser zu. Seit geraumer Zeit ist das Atelier nun Wohnstube. Und die ist die Geburtsstätte von zahlreichen individuellen Puppenkindern.

Etwa zehn Stunden braucht die 69-Jährige für eine Puppe. Denn alles wird per Hand gemacht. „Ich fange mit einer Schlauchbinde an“, erzählt die sympathische zierliche Frau mit dem graumelierten Kurzhaarschnitt und dem offenen Blick. Die werde gestopft und anschließend abgebunden. Arme und Beine sind beweglich. Und zwar ohne technische Unterstützung. Die Gelenkigkeit komme durchs Abbinden zustande, verrät die kreative Handwerkerin. „Diese Vorgehensweise ist jahrhundertealt.“ Viele Puppenmacher würden sich ihrer bedienen. Dennoch sei die Handschrift bei jedem eine eigene.

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Jede Puppe ist ein Unikat

Der Grundtyp jeder Puppe ist gleich: kleine Nase, zwei kleine, aufgemalte Kulleraugen mit Lichtpunkten und ein schmaler, leicht lächelnder Mund. Trotzdem „gibt es keine identischen Puppen“, verrät die Rammenauerin. Mal sind die Beine etwas länger, mal der Körper etwas runder. Mal sind die Wangen etwas dicker, mal das Gesicht etwas schmaler. Mal sind die Haare kurz, mal lang. Mal glatt, mal gelockt. Selbst Augen und Nase gleichen sich nicht.

Meist arbeitet Gabriele Schwager auf Bestellung. Besonders vor Weihnachten hat sie reichlich zu tun. Denn ihre individuell gearbeiteten Püppchen sind beliebt und oft Begleiter fürs Leben. Eine mit Achtsamkeit, solide genähte Puppe sei nachhaltig und ein Gegenpol zur heutigen Wegwerfgesellschaft, weiß die Seniorin. Dadurch unterscheide sie sich grundlegend von der meist industriell als seelenlose Massenware gefertigten Plastikpuppe.

Bei der Herstellung setzt sie Wünsche oder Ähnlichkeiten, wie beispielsweise Haar- und Augenfarbe oder Frisur um. So gibt es freche, rothaarige, sommersprossige Puppen genauso, wie blonden Engeln gleichende, sanftmütig wirkende. Wichtig ist ihr dabei, dass die kuschelweichen handgefertigten Gefährten auch wirklich als Spielzeug genutzt werden können. Ihre mit Acrylwatte oder Schafwolle gefüllten Puppen sind deshalb auch waschbar. Die schafwollenen sollten aus hygienischen Gründen zudem ab und zu für 24 Stunden ins Tiefkühlfach wandern. Der Bezug ist aus Baumwolle, die Haare sind aus Wolle, Flachs, Seide oder Mohair – der Wolle der Angoraziege. Die Kleidung ist selbstgenäht, Mund und Augen werden aufgemalt. Eine gute Puppe habe Ausstrahlung: „Ich muss die Puppe angucken und sagen: Die ist es“, weiß die 69-Jährige.

Kinder in Königswartha lehrt sie nähen

Zur Puppenmacherei kam Gabriele Schwager über Umwege. Eigentlich ist die gebürtige Dresdnerin nämlich Kindergärtnerin. Nach der Wende absolvierte sie eine Zusatzausbildung als Heilerziehungspflegerin und 1992 noch eine berufsbegleitende heilpädagogische Qualifikation zur Spielzeugmacherin. Dabei habe sie sich ganz bewusst auf Puppen spezialisiert. Denn sie seien Identifikationsfiguren. „Und an der Puppenherstellung bin ich kleben geblieben“, erzählt sie und lacht.

Am liebsten gibt sie ihr Wissen weiter. Zum Beispiel an Fünft- bis Siebtklässler in Königswartha. Dort leitet sie ein Ganztagsangebot, bringt dem Nachwuchs als Erstes die fünf Handnähtechniken bei, die fürs Puppenmachen unerlässlich sind: Heft-, Stepp-, Polster-, Knopfloch- und Überwurfstich. Viele Jahre bildete sie auch Ergotherapeuten aus, arbeitete in Pulsnitz und Bad Gottleuba in den Kliniken für Psychosomatik. Dabei faszinierte sie immer, zu beobachten, welche Emotionen das Herstellen des Lächelns hervorbrachte. „Wir setzen zwei Stiche, ziehen am Faden und plötzlich wird aus dem geraden Mund ein lächelnder. Das ist so entwaffnend. “ Selbst hartgesottene Machos wurden dabei weich.

Kurse gibt die Rammenauerin inzwischen nur noch wenige. Im Winter ist dafür wieder Zeit. Im Sommer fordere das große Grundstück an der Schaudorfstraße seinen Tribut. Wer sich dafür interessiert, sollte am 1. Dezember beim Advent an der Alten Schmiede oder am 8. Dezember bei der Nikolausmanufaktur im Barockschloss vorbeischauen. Da trifft man Gabriele Schwager und ihre Püppchen. Dort hat sie auch Kurs-Termine und -Gutscheine dabei.

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