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Die Reichskristallnacht miterlebt

Hildegard Müller war 1938 in Lüneburg und wurde Zeugin des Pogroms gegen jüdische Bürger. Noch heute schämt sie sich dafür.

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Wer den Pfennig nicht ehrt

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Die gebürtige Baudaerin war 16, als sie zu ihrer größeren Schwester nach Lüneburg zu Besuch fuhr. Man schrieb das Jahr 1938. Der Schwager von Hildegard Müller fuhr nachts Post aus und kam an diesem 9. November nach Hause mit der Ansage: „Das müsst ihr euch anschauen.“ Hildegard und ihre Schwester liefen los in die Petersstraße, eine vornehme jüdische Geschäftsstraße, an deren Ende ein Kino lag.

Die beiden Frauen fanden bestätigt, was der Schwager angekündigt hatte: Tausende Dinge waren auf die Straße geworfen, Fensterscheiben kaputt, Türen aufgerissen. „Von den Geschäftsleuten fehlte jede Spur“, erinnert sich die heute 98-Jährige. Aufpasser schauten kritisch, damit niemand etwas von dem mitnimmt, was da auf der Straße lag. „Auch Lebensmittel lagen da herum und Dinge, die ich mir damals nicht leisten konnte“, erinnert sich Hildegard Müller. Sie sei empört gewesen, wie man so etwas machen kann.

Ihre heile Welt war plötzlich total gestört. Was den Juden in jener Reichskristallnacht wirklich angetan wurde, fühlte die 16-Jährige an der Synagoge, die sie auch mit ihrer Schwester passierte. „Die war angezündet, die Vorhänge brannten, es war schrecklich“, hat die Seniorin noch deutlich vor Augen. Als Landmädchen, das an penible Ordnung gewöhnt war, konnte sie diesen Pogrom nicht begreifen. Das haben Deutsche gemacht, die angeblich die besten Menschen der Welt sein sollen! Hildegard Müller zweifelte an der Propaganda. „Ich habe schon mitbekommen, dass das Unrecht war“ sagt sie. Doch von den Juden wurde damals „närrisches Zeug“ erzählt. Sie selbst hatte andere Erfahrungen mit jüdischen Menschen gemacht. „Bei einem Kaufmann in Lüneburg habe ich mir Pantoffeln geholt, der hat sie sogar noch billiger gemacht“, erinnert sie sich. Auch in Großenhain hätte es „gute Händler“ gegeben.

Zum Beispiel Emilie Korsetz vom Spiel- und Korbwarengeschäft in der Siegelgasse. Nach dem Tod ihres christlichen Mannes 1939 verlor die Jüdin den Schutz der „Mischehe“ und wurde 1942 – 77-jährig – mit der Soldatenkapelle durch Großenhain getrieben. Sie musste ein Schild um den Hals tragen mit der Aufschrift „Ich bin Jüdin“. Noch heute hat Hildegard Müller eine Puppe, die sie damals in der Inflationszeit aus diesem Geschäft bekam.

Die 98-Jährige schämt sich für die damaligen Ereignisse, für die Furcht, die viele Menschen sich zurückhalten ließ. „Nazis waren ja überall“, sagt sie. Emilie Korsetz kam ins KZ Theresienstadt und starb 1943. Sie war längst nicht die Einzige aus Großenhain. Dass es Menschen gibt, die heute die Judenvernichtung leugnen, ist ihr unbegreiflich. „Was ich gesehen habe, das ist wahr“, sagt die heutige Großenhainerin.

Die Pogrome wurden systematisch über Jahre hinweg vorbereitet, hat Heimatforscher Klaus Hammerlik herausgefunden. So wurden bereits 1933 Geschäftsleute aufgefordert, bei der NSDAP einen Plakatstreifen für eine Reichsmark zu erwerben, auf dem stand: „Anerkannt deutsch-christliches Unternehmen! Kauft vor Ort!“ Weiter hieß es in der Anzeige: „Wer ab Montag, dem 3. April 1933, den Plakatstreifen nicht an seinem Fenster hat, beweist damit, dass er im Abwehrkampf der Nation auf der Seite der Juden steht. Er soll der öffentlichen Verachtung verfallen! Mittelständler helft Euch und der Nation!“ Als Begründung diente laut Hammerlik der Reichsleitung der NSDAP die Behauptung von „jüdischer Gräuelpropaganda“, die durch „schärfsten Boykott“ abzuwehren sei. Während 1933 in Großenhain nachweislich noch 14 Juden lebten, war zum Kriegsbeginn 1939 nur noch ein Mitbürger amtlich registriert.

„Wir haben Grund genug, die Menschen und ihre persönliche Geschichte nicht zu vergessen, denn das Unrecht und der Völkermord an jüdischen Menschen geschahen hier und unter unseren Vorfahren erst vor 80 Jahren“, unterstreicht Hammerlik. Ähnliches hat Volker Thomas für Riesa notiert: „Als Max Martin Lenczynski mit seiner Frau Berta und den Kindern Rita und Joachim von Posen nach Riesa übersiedeln, können sie nicht ahnen, dass 12 Jahre später die Menschen aus ihrer Nachbarschaft sie das erste Mal beschimpfen und bedrohen. Max Lenczynski ist Kaufmann und führt das bekannte „Kaufhaus Troplowitz“ weiter. In der Stadt werden die Kaufleute Lenczynski geachtet. Sonderrabatte laden ein, bummeln zu gehen. Der jüdische Kaufmann unterstützt Familien, in dem er Kindern Kleidung für Kommunion und Konfirmation leiht oder sogar kostenlos zur Verfügung stellt, deren Eltern sich sonst neue Kleidung für den Anlass nicht leisten könnten. Die 27 Angestellten fühlen sich in der von einem Juden geleiteten Firma wohl.

Im Mai 1935 sind Transparente über die Hauptstraße gespannt, auf denen zu lesen ist „Deutsche kauft nicht bei Juden“ und „Die Juden sind unser Unglück“. Im November 1938 zieht eine grölende, gewaltbereite Menschengruppe durch die gleiche Straße und bedroht die inzwischen verwitwete Bertha Lenczynski und ihren Sohn Fritz. Ihr Mann hat die hasserfüllte Stimmung und die Judenfeindlichkeit nicht überlebt. Er starb schon im Februar. Die beiden erwachsenen Kinder emigrieren nach Südafrika und Palästina. Der Hass, geboren aus der Rassenideologie der Nationalsozialisten, tötet die Mutter und den Sohn 1943 im Arbeitslager Monowitz, einem Außenlager vom Vernichtungslager Auschwitz.