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Die Rettung nach der Rettung

Das Prohliser Wand-Mosaik „Familie“ lagerte 14 Jahre unter freiem Himmel. Nun kommt es in eine Expertenwerkstatt.

© Meinig

Von Nora Domschke

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Der kalte Wind pfeift unerbittlich. Kein Baum, kein Strauch, die Schutz bieten hier draußen auf dem Bauhof im Dresdner Westen. Wie zerstörerisch Sonne, Regen und Frost in den letzten 14 Jahren auf das Mosaik eingewirkt haben, wird beim Blick auf die Steine schnell klar. Die eigentliche Größe des Kunstwerks ist auf dem Lagerplatz in Brabschütz bestenfalls etwas zu erahnen. Mehr als 200 000 Mosaiksteinchen, 270 Quadratmeter, 30 Betonplatten, 190 Tonnen – das sind die Eckdaten eines seltenen Reliktes aus DDR-Zeiten. Als eines der wenigen Kunstwerke der 1970er-Jahre hat das Mosaik „Familie“ die vergangenen Jahrzehnte überstanden.

Von 1979 bis 2004 zierte es die Fassade eines Prohliser Wohnhauses.
Von 1979 bis 2004 zierte es die Fassade eines Prohliser Wohnhauses. © Stadtverwaltung

Nicht unbeschadet, aber in Sicherheit. Gerettet in letzter Sekunde, als es kurz vor dem Abriss des Prohliser Plattenbaus unter Denkmalschutz gestellt wurde. Gut, in Vergessenheit ist es inzwischen vielleicht geraten. Nach jahrelangem Schulterzucken im Dresdner Denkmalschutzamt keimt jetzt aber Hoffnung auf. Denn das XXL-Bild soll zurückkehren in die Öffentlichkeit. An einen Platz, an dem es die Dresdner und Besucher wahrnehmen. So wie 1979, als es an der Fassade des Zehngeschossers in der Elsterwerdaer Straße angebracht wurde. Wie genau, das wollen Anna Dyroff und ihr Vater Klaus-Peter nun herausfinden. Dyroff senior ist seit 30 Jahren im Einsatz, um alte Mosaiken in ganz Dresden vor dem Verfall zu bewahren, sie zu restaurieren. Nun also ein Kunstwerk aus der etwas jüngeren Vergangenheit der Stadt.

„Es ist ein schönes Beispiel dafür, dass nicht jede Kunst von sozialistischen Inhalten geprägt sein musste“, sagt Anna Dyroff. Die 34-Jährige ist Expertin, wenn es um jene Kunst geht, bei der Tausende kleine Steine zusammengesetzt ein Bildmotiv ergeben. Wie ein Puzzle. Die junge Frau ist Mosaizistin, ein Beruf, der hier in Deutschland nicht erlernt werden kann. Anna Dyroff ging dafür nach Italien, ein Land mit langer Kunsthandwerkstradition und Heimat der besten Werkstätten. Das etwa zehn Meter mal 26 Meter große Prohliser Wandbild des Künstlers Siegfried Schade zeigt – von Ferne betrachtet – eine Familie; es ist zugleich der schlichte Titel für die abstrakte Darstellung. Als sich die Kunstverantwortlichen in der DDR der 1970er-Jahre abstrakten Motiven öffneten, tauchten diese auch in Dresden auf. Die beiden Neubaugebiete in Prohlis und Gorbitz wurden zu Vierteln, in denen Kunstwerke auf Straßen und Gehwegen, an Häusern, in Parks von Beginn an mit geplant wurden und zur Gestaltung des öffentlichen Raums gehörten. Einiges ist bis heute erhalten geblieben, vieles lagert irgendwo im Verborgenen, manches ist ganz verschwunden.

Für das Prohliser Mosaik folgt nun die Rettung nach der Rettung. Familie Dyroff bringt es von seinem zugigen Standort auf der Anhöhe im Dresdner Westen in ihre Werkstatt nach Schmiedeberg, einem Örtchen bei Dippoldiswalde. Ein Jahr wird es wohl dauern, bis diese Rettung beendet sein wird, schätzt Klaus-Peter Dyroff. Die erste Aufgabe hat es in sich: Auf dem windigen Lagerplatz müssen 200 000 gebrannte und farbig glasierte Keramikplättchen von den Betonplatten abgemacht werden. Ganz vorsichtig arbeiten sich die zwei Experten mit einer Diamantsäge Steinchen für Steinchen vorwärts.

Damit die vielen kleinen Einzelteile nicht zu Boden fallen und einzeln transportiert werden müssen, wird auf kleine Ausschnitte des Mosaiks vorher eine Art Stoff, ein Gewebe auf das Mosaik geklebt. „Der Klebstoff kann danach einfach wieder entfernt werden“, erklärt Anna Dyroff. Um die einzelnen Platten zu stabilisieren, wird zunächst der Mörtel auf der Rückseite abgeschliffen und neuer aufgebracht. So kann das XXL-Mosaik praktisch gestapelt und im Lapidarium in der Zionskirche eingelagert werden. Die Ruine des Kirchenbaus beherbergt rund 7 000 Fragmente Dresdner Architektur.

Das soll aber nur eine Zwischenstation sein. Wo es künftig zu sehen sein wird, ist derzeit noch unklar. 2015 hatte die Stadt einen Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem Künstler und Architekten 49 Ideen eingereicht haben. Dass das Mosaik wieder an eine Hauswand kommt, wurde in der Ausschreibung ausgeschlossen. Das hat sich offenbar geändert: „Ziel ist, für das Wandbild eine zukunftsfähige Wiederverwendung, im Idealfall an einem geeigneten Gebäude, zu finden“, teilt ein Stadtsprecher mit.