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„Die richtige Balance zwischen Vergnügen und Ernsthaftigkeit“

In Selbsthilfegruppen geht es um mehr als nur Krankheiten. Und es wird sogar gelacht.

© Symbolfoto: dpa

Dippoldiswalde/ Pirna. Selbsthilfegruppen: Manche rümpfen die Nase, andere schwören auf sie. Was ihre Chancen und Grenzen sind, sagt Jana Nöckel, Leiterin der Kontakt- und Infostelle.

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Jana Nöckel ist 42, wohnt in Lauenstein, ist verheiratet und Mutter zweier Söhne. Sie leitet seit Januar die Kontakt- und Infostelle. © Daniel Schäfer

Würden Sie mit einem Problem in eine Selbsthilfegruppe gehen, Frau Nöckel?

Ja.

Selbsthilfegruppen

76 Gruppen gibt es derzeit im Kreis.

1957 wurde die älteste, die Kreisorganisation des Blinden- und Sehbehinderten-Verbandes, gegründet.

Die jüngste Gruppe sind seit Dezember die Betroffenen Bipolarer Störung

Die größte (67 Mitglieder) ist die Krebs-Frauenselbsthilfegruppe Freital.

Kontakt: www.selbsthilfegruppen-pirna.de

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Mit welchem?

Das kommt darauf an. Bin ich selbst erkrankt und an welcher Krankheit, oder brauche ich Rat und Unterstützung als Angehöriger eines Erkrankten.

Warum wäre eine Selbsthilfegruppe für Sie eine Option?

Es ist immer gut, sich auszutauschen und einmal eine andere Blickweise zu sehen. In einer Gruppe kann man Kraft schöpfen, sich gegenseitig stützen, Erfahrungen und Informationen austauschen, Freunde finden bzw. Leute, denen es ähnlich geht und die Verständnis für meine Lage aufbringen.

Aber irgendwann dreht man sich doch im Kreis, wenn alle immer nur von ihrer Krankheit erzählen…

In einer Gruppe ist es nicht immer so, dass sich ständig nur über die Probleme und Sorgen jedes einzelnen ausgetauscht wird. So ernst das Problem ist, es sollte auch gelacht werden können. Die Gruppen planen oft gesellige Aktivitäten wie Basteln, Sport, Ausflüge, Sommerfeste oder Weihnachtsfeiern. Das stärkt die Gruppe und gibt jedem Halt und macht Mut. Genauso kann es Lebensqualität zurückbringen, die man schon verloren geglaubt hat. Die Gruppen müssen also die richtige Balance zwischen Vergnügen und Ernsthaftigkeit finden.

Gibt es denn Kontakt zur Welt außerhalb der Leidensgemeinschaft?

Sicher. Die Gruppen sind meist bekannt, werden in unserer Kontaktstelle erfasst, man findet sie auf unserer Internetseite. Wir arbeiten mit anderen Institutionen zusammen, wie dem sozial-psychiatrischen Dienst und der Diakonie. Oft erstellen die Gruppen Flyer, die in Arztpraxen, Kliniken und anderen Stellen ausliegen. Neue Mitglieder werden über Annoncen gesucht. Jeder Einzelne entscheidet, ob er sich outet und anderen erzählt, dass er bzw. sie Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe sucht.

Wo sind die Grenzen einer Gruppe?

Die Gruppen können keine medizinische oder therapeutische Behandlung ersetzen. Sie sind nicht geeignet, Menschen aus akuten Krisen herauszuholen. Allenfalls dienen sie zur Unterstützung der Behandlung.

Wie lange bleiben Leute in der Gruppe?

Manche bleiben bis ihr Problem weg oder der Leidensdruck nicht mehr so hoch ist. Es kommt auch vor, dass es Konflikte in einer Gruppe gibt. Oder es gibt nicht mehr genug Mitglieder. Dann wird eine Gruppe auch wieder aufgelöst. Ansonsten bleibt man so lange, wie es einem guttut oder wie die Gesundheit oder Krankheit es zulässt. (SZ/sab)