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Die Rückkehr des kleinen Kaufhauses

Nobelpreisträger Günter Blobel ist auf dem Neumarkt fast am Ziel. Der Fassaden-Streit ist beendet.

© Sven Ellger

Von Sandro Rahrisch

Für Ballkleider war das Kaufhaus „Au petit bazar“ immer eine gute Adresse. In einem Dunkelcabinet und bei effektvollem Kunstlicht konnten Frauen die edlen Stoffe anprobieren. Die mit Markisen überspannte Schaufensterfront galt Mitte des 19. Jahrhunderts als hochmodern. Über 70 Jahre nach der Zerstörung des Neumarkt-Kaufhauses hat Medizin-Nobelpreisträger Günter Blobel der Stadt Dresden das „Au petit bazar“ zurückgebracht. Der Rohbau an der Ecke Frauenstraße steht, die Fenster sind drin – am Freitag haben Architekten und Handwerker Richtfest gefeiert. Nur einer fehlte auf der Party.

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So soll das Neumarkt-Kaufhaus einmal aussehen.
So soll das Neumarkt-Kaufhaus einmal aussehen. © Visualisierung: Arte4D
Diese Visualisierung zeigt, wie das Gebäude früher einmal aussah.
Diese Visualisierung zeigt, wie das Gebäude früher einmal aussah. © Visualisierung: Arte4D

„Gern wäre ich aus New York zu ihnen gekommen – zu meiner Baustelle, zu meiner Frauenkirche und auf meinen Neumarkt“, ließ der 81-Jährige verlesen. Doch der Zellforscher sei in seinem Labor an der Rockefeller University zu beschäftigt. Als Neunjähriger war Blobel auf seiner Flucht aus Schlesien nach Dresden gekommen. Damals lag der Neumarkt noch nicht in Schutt und Asche. Die Bilder des lebendigen, historischen Dresdens ließen ihn nie wieder los. Als er 1999 den Nobelpreis bekam, spendete er 820 000 Euro vom Preisgeld für den Wiederaufbau der Frauenkirche. Mit dem Bau des neuen „Au petit bazar“ werde eine weitere klaffende Kriegswunde auf dem Neumarkt geschlossen, sagt er. Den Rohbau sehe er klar vor sich. Er sei immer auf dem Laufenden, ließ er die Gäste am Freitag wissen.

So perfekt das alles klingen mag: Bevor die ersten Ziegelsteine aufeinandergesetzt werden konnten, hat es viel Knatsch darüber gegeben, wie das Haus aussehen soll. Blobel wollte sein „Märchenschloss“, wie er es nennt, weder originalgetreu wiederaufbauen, noch etwas gänzlich Neues schaffen. So wird die Schaufensterfront, die sich früher über zwei Geschosse erstreckte, auf das Erdgeschoss reduziert. Die Balkone setzen eine Etage tiefer an. Und die Decken werden höher, die Zimmer größer. Ein weiterer Knackpunkt ist das Staffelgeschoss. Auf das Dach kommt eine Terrasse mit Pavillon. Die gab es nicht, als das Gebäude ab 1850 errichtet wurde.

Zu den größten Kritikern gehörte die Gesellschaft Historischer Neumarkt. Das Zusammenspiel mit den benachbarten Häusern, die derzeit vom Investor „Unser schönes Dresden“ (USD) gebaut werden, sei nicht stimmig, sagte Vereinsvorstand Torsten Kulke im vergangenen Jahr. Die neue Fassade bezeichnete er als historisierend. Dagegen hatte sich Blobel gewehrt. Die Wünsche der Neumarkt-Wächter nannte er fundamentalistisch. „Nach dem Wiederaufbau soll man hier wohnen und nicht nur arbeiten und einkaufen können“, sagte er. „Doch so eng und verwinkelt wie früher will heute keiner mehr wohnen.“

Inzwischen habe er seinen Frieden mit dem Projekt gemacht, erklärte Torsten Kulke am Freitag. „Auch wenn ich nicht in jedem Punkt einverstanden bin.“ Die Paraphrase, wie er den Neubau nennt, sei eine Bereicherung für den Neumarkt. Und eines müsse er dem Bauherrn aus New York und seinem Architekten zugestehen: Die Proportionen wirkten stimmig. „Am Ende haben wir eine Lösung gefunden“, sagte Baubürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne). „Wenngleich es weiterhin unterschiedliche Meinungen geben wird.“ Rekonstruktion, Neuinterpretation oder modern angehauchter Neubau: Ob der Wiederaufbau des Neumarkts an sich richtig gewesen ist, müssten die zukünftigen Generationen bewerten. Der Baubürgermeister dankte Blobel für sein Engagement in Dresden. Der Biochemiker investiert rund acht Millionen Euro in das Haus. Die Stadt wird ab Frühjahr ihren Teil beitragen, den Platz vorm Quartier VI, zu dem das „Au petit bazar“ gehört, zu gestalten. 28 Platanen sollen gepflanzt werden.

Im „Au petit bazar“ machen sich die Handwerker in den kommenden zehn Monaten an den Innenausbau. Im Frühjahr 2019 ziehen die ersten Mieter ein, so der Plan. Neben den acht Wohnungen in den Obergeschossen soll im Erdgeschoss eine Galerie entstehen, in der zeitgenössische Kunst gezeigt und verkauft wird. „Sie wird ein Anziehungspunkt für kunstinteressierte Dresdner und Gäste“, so Blobel. „Zur Eröffnung werde ich da sein, versprochen.“