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Die Rückkehr des Prunks

Im Residenzschloss werden die Paradesäle rekonstruiert. Feinste, 300 Jahre alte Materialien werden dafür aufgearbeitet.

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© dpa

Von Lars Kühl

Behandschuhte Finger wickeln Seidenpapier auseinander und prüfen überaus kostbare, handgewebte Seidenstoffe, in die vergoldete Silberfäden eingewirkt sind. Auf Sachsens teuerster Kulturbaustelle wird es 2017 filigran, damit der alte Prunk seine Wirkung voll entfalten kann. Seit den 1980er-Jahren ist das Residenzschloss ein Sanierungsfall. Über 300 Millionen Euro sind bereits geflossen, weitere werden folgen, vor allem in den Innenausbau.

Eines der nächsten großen Ziele ist es, die berühmten Paradesäle bis 2019 so originalgetreu zu rekonstruieren, dass ihr genau 300 Jahre alter Glamour für die Besucher wieder erlebbar wird. Denn 1719 war es, als der sächsische Kurprinz Friedrich August II. mit allem Pomp seine Maria Josepha, eine kaiserliche Habsburgertochter, heiratete. Nie glänzte Sachsen mehr als in diesen Septembertagen. August der Starke, der Vater des Bräutigams, ließ alles auffahren. Er zauberte einen prächtigen, spätbarocken Rahmen für die Ewigkeit: Seht her, ich spiele im Orchester der ganz Großen Europas mit. Dazu zählten ebenjene fünf Paradeapartments im zweiten Obergeschoss des Westflügels im Herrschaftssitz: der Tafel- und zwei Vorräume, ein Audienzzimmer sowie das Schlafgemach.

Deren Ausbau und Gestaltung als museales Gesamtkunstwerk ist die Aufgabe. Dafür sind 34,4 Millionen Euro veranschlagt, erklärt Stephan Gößl, Sprecher des sächsischen Finanzministeriums. Der Bund beteilige sich mit sechs Millionen Euro.

Wie genau die Säle aussahen, ist auf erhaltenen Kupferstichen, überlieferten Zeichnungen und Fotos oder Dias vorm Brand durch den Bombenhagel im Februar 1945 zu erahnen. Ähnlich einem riesigen Puzzle werden die Teile zusammengesetzt und ergänzt. Frei nach dem Prinzip: Original lassen, was original ist, und Neues so herstellen wie früher, erklärt Ludwig Coulin, der Leiter der Dresdner Niederlassung des Staatsbetriebes Sächsisches Immobilien- und Baumanagement. Was noch vorhanden ist, liegt zurzeit in großen Kartons im Schlossnordflügel: Marmor aus Belgien, Versailler Tafelparkett, Gold, Seide und Samt. Spezialisierte Textilrestauratoren untersuchen die Reste von Wandbespannungen, Bettumrandungen oder Polstern.

Aller Protz soll wieder in den Paradezimmern ausgestellt werden. Auch die historischen Möbel, zum Teil mit Schildplattfurnier, vergoldeter Bronze oder aus Silber, wie vom Augsburger Goldschmied Albrecht Biller, gehören dazu. Berühmt ist der große Stuhl, auf dem August der Starke seine Audienzen abhielt. Den ließ er extra zur Hochzeit aus Lindenholz schnitzen und mit rotem Samt beziehen. Die Verzierungen sind aus vergoldeten Silberfäden gewebt. Weil der 1,90 Meter hohe und 90 Zentimeter breite Sitz aber in der Vergangenheit sehr oft ausgestellt worden war, hat er etwas gelitten. Zudem wurde er bereits mehrfach aufgearbeitet. Seine Überholung wird deshalb zur Herausforderung. „Wir wollen möglichst die originale Fassung präsentieren“, sagt Restauratorin Katharina Hummitzsch.

Das beeindruckende Imperialbett des Schlafgemachs ist allerdings nicht mehr im Besitz des Freistaates. Das hatten bereits 1924 die Wettiner-Nachfahren bei der „Fürstenabfindung“ bekommen. Deshalb soll das über vier Meter hohe Nachtlager jetzt original nachgebaut werden.

Ansonsten kehrt das, was vor den Luftangriffen auf Dresden und aus den Kriegstrümmern geborgen worden ist, an seinen angestammten Platz zurück: Kronleuchter, Spiegel und die Gemälde von Louis de Silvestre, Jean Baptiste Gayot Dubuisson und Antoine Coypel, aber auch die zwei Toilettenkoffer der kaiserlichen Braut. Fehlende Materialien werden von Künstlern anhand der vorhandenen Aufnahmen nachempfunden. „Ein Originalknopf ist dabei wie eine DNA, da kann das ganze Zimmer geklont werden“, erzählt Schlossherr Dirk Syndram. Auch die textilen Muster werden mithilfe der erhaltenen Fragmente in Handarbeit Faden für Faden nachgestaltet.

Goldstoffe sind in Europa einzigartig

Als ein optischer Höhepunkt sind die glänzenden Goldstoffe, die zwischen 1709 und 1711 in Pariser Werkstätten gefertigt wurden, in gut zwei Jahren wieder an den Wänden des Audienzzimmers zu sehen. Sie wurden einst gerettet und gelten heute in Europa als einzigartig. „Die Paradetextilien, die jetzt neu entstehen, gehörten zu den größten Kostbarkeiten, die man damals erwerben konnte“, sagt der Direktor.

Die umfangreichen Rekonstruktionen sollen bis zum September 2019, wenn sich jene glamouröse Hochzeit zum 300. Mal jährt, abgeschlossen sein. Vor der Wiedereröffnung des Paradegeschosses werden zunächst weitere Teile des Ost- und Nordflügels zugänglich. Es ist wohl kaum Zufall, dass pünktlich zum 500. Reformationsjubiläums im ersten Obergeschoss ab April zum ersten Mal der weltweit größte Prunkwaffenschatz präsentiert wird. Auch Fürstenmode der Renaissance und des Frühbarocks wird in der Ausstellung gezeigt. Zu sehen sind originale Gewänder aus der Rüstkammer, wie sie zwischen 1550 und 1650 getragen wurden und heute fast nur auf Bildern dargestellt sind. (mit dpa)