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Die Ruhe vor dem Turm

Vor der Stadtratswahl schnellte die Zahl der Rettungspläne für den Fernsehturm in die Höhe. Inzwischen herrscht Funkstille. Doch der Förderverein gibt nicht auf.

© dpa

Von Tobias Hoeflich

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Der letzte Eintrag ist fast ein halbes Jahr her. Seit April herrscht Funkstille auf der Facebook-Präsenz des Fördervereins Fernsehturm Dresden. Zuvor konnten die Mitglieder beinahe täglich neu verkünden, wie Politiker den Wachwitzer Telespargel beleben wollen. Ein Rettungsplan für den funkenden Riesen schien möglich. Nach Jahren des Stillstands hatte der Verein Höhenluft geschnuppert. Nicht oben, auf der 1991 geschlossenen Besucherplattform samt Restaurant, die es wieder zu öffnen gilt. Zumindest aber symbolisch.

Inzwischen ist der Optimismus Ernüchterung gewichen. „Seit zehn Jahren investiere ich meine Freizeit in den Fernsehturm. Es ist frustrierend, wenn am Ende alles eine Luftnummer ist“, beklagt Eberhard Mittag, Vorsitzender des Fördervereins. Eine Petition mit fast 12.000 Unterzeichnern, die die Wiederöffnung der Plattform zum Ziel hat, brachte Anfang des Jahres eine Debatte um die Zukunft des DDR-Wahrzeichens ins Rollen, die auch den Stadtrats-Wahlkampf bestimmte. In höchsten Tönen sprachen Politiker fast aller Parteiencouleur über die Bedeutung des Turmes. Für Eberhard Mittag am Ende vor allem Wahlkampfgetöse: „Die FDP und Zastrow haben das als letzten Strohhalm genommen, um noch ein paar Prozente zu retten.“

Seit Jahren wird erfolglos ein Investor gesucht, der den maroden Turm saniert und so die Basis schafft, die Besucherplattform wieder zu öffnen. Mindestens acht Millionen Euro müsste dieser auf der hohen Kante haben. Vor allem am Brandschutz mangelt es. Der Besitzer des Turmes, die Telekom, hat stets ausgeschlossen, sich an Kosten zu beteiligen. Für Gespräche sei der Konzern offen, erklärt Sprecher Georg von Wagner. „Ein tragfähiges Konzept hat bis heute niemand vorgelegt.“

So sendet der Turm zwar weiterhin Fernseh- und Radiosignale ins Umland, bleibt jedoch eine einsame Spitze, die sich aus dem Dresdner Elbtal erhebt. Der Antrag der Bürgerfraktion im Juli, eine Stiftung zu gründen, fiel im Stadtrat durch. Zu einer eigenen Vorlage der Verwaltung, im Doppelhaushalt 2015/16 Geld einzuplanen, kam es erst gar nicht. Dabei hatte dies FDP-Bürgermeister Dirk Hilbert noch vollmundig angekündigt. Offizielle Rückzugsbegründung: Freie Bürger und FDP hätten schon eigene Vorlagen erarbeitet.

Nur den vagen Antrag der Liberalen hat der Stadtrat vor der Sommerpause verabschiedet. Demnach soll Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) das Gespräch mit der Telekom suchen, Chancen für eine Sanierung prüfen. Die ursprüngliche Forderung, auch Geld für mögliche Gutachten einzuplanen, wurde jedoch gestrichen. Dennoch sehen die Liberalen, die inzwischen eine gemeinsame Fraktion mit den Freien Bürgern bilden, den abgespeckten Antrag als Erfolg: „Wir werden weiter Druck machen“, kündigt Fraktionschef Holger Zastrow an. Über Jahre habe es die Stadt versäumt, mit der Telekom über eine Sanierung zu verhandeln. „Für uns hat der Fernsehturm den gleichen Stellenwert wie für andere die Staatsoperette.“

100.000 Unterschriften für Tillich?

Die Stadtspitze scheint das indes kaum zu beeindrucken. „Ob der Fernsehturm in den anstehenden Haushaltsdiskussionen eine Rolle spielen wird, bleibt abzuwarten“, heißt es aus Bürgermeister Hilberts Büro zur aktuellen Situation des Bauwerks. Die Fragen, ob Gespräche mit der Telekom anstehen oder Kontakt zu möglichen Investoren besteht, bleiben gänzlich unbeantwortet. Vor einem halben Jahr nahm Hilbert noch medienwirksam die Petition vom Förderverein am Fuße des Turmes entgegen.

Immerhin: Im Haushalt 2015/16 fordert der FDP-Bürgermeister 19 Millionen Euro mehr für sein Wirtschaftsdezernat, zehn Millionen sollen bis 2018 für den Turm parat stehen. Stadtsprecher Kai Schulz scheint Turmträumer schon vorsorglich erden zu wollen: „Im Rahmen der Haushaltsberatungen haben alle Geschäftsbereiche mehr angemeldet als über das Gesamtbudget abzudecken ist. Dies ist völlig normal.“

Eberhard Mittag will unabhängig davon weiter für den Turm kämpfen. „Wir als Förderverein unternehmen auch künftig das uns Mögliche, um die Plattform wieder öffentlich zu machen.“ Auf Stadtebene sieht er inzwischen kaum noch Chancen. Alles haben wollen, ohne dass es etwas kostet – das sei Credo im Rathaus und in Parteizentralen. „Dabei sind Tausende Bürger doch eine Sprache, die die Politik oder auch die Telekom verstehen müssten!“

Bei der Jahreshauptversammlung im November werden die etwa 30 Mitglieder des Fördervereins beraten, wie es mit dem Fernsehturm weitergeht. Vermutlich eine Ebene höher: Mittag schwebt eine neue Petition vor, die sich an den CDU-Ministerpräsidenten wenden soll. „Wenn 100.000 Leute dort unterschreiben, kann ein Herr Tillich das nicht einfach ignorieren.“ Aufgeben, sagt Mittag, sei jedenfalls das Letzte, was infrage kommt. Doch die Resignation, die in den kämpferischen Worten mitschwingt, kann er nicht verbergen.