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„Die Russen waren besser“

Im Vergleich mit den Nato-Truppen verklärt sich bei vielen Afghanen die Erinnerung an die Zeit der sowjetischen Besatzung.

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Von Can Merey undFarhad Peikar, Kabul

Die stummen Zeugen der sowjetischen Niederlage sind noch vielerorts zu sehen: Am Rand afghanischer Straßen rosten Panzerwracks der Roten Armee vor sich hin, manche dienen Kindern als Spielplatz. Der sowjetische Einmarsch vor 30 Jahren war Auftakt eines Krieges, der in unterschiedlicher Intensität und mit wechselnden Gegnern bis heute anhält.

Etwas mehr als neun Jahre dauerte es, bis die Soldaten der damaligen Weltmacht geschlagen abzogen. Etwa 1,2 Millionen Afghanen starben während der Besatzung. Trotzdem verklären heute immer mehr Afghanen die Sowjet-Zeit – während die Kritik an den ausländischen Truppen, die seit acht Jahren im Land sind, zunimmt.

Noorul Haq Ulomi aus dem südafghanischen Kandahar ist Vorsitzender des Sicherheitskomitees des Parlaments, unter den Sowjets diente er in der afghanischen Armee als General. Die ausländischen Truppen heute, sagt der Abgeordnete, gäben nur vor, Terrorismus zu bekämpfen. „Sie wollen ihren Einfluss auf unsere Nachbarländer ausdehnen, ob in Richtung Norden zu den zentralasiatischen Staaten, oder in Richtung Iran.“ Die Lage unter den Sowjets sei besser gewesen als die heute, meint Ulomi. Und nicht nur der Ex-General äußert sich positiv über die Sowjets.

Mehr Truppen als die Russen

Selbst bei manchem früheren Mudschaheddin schneidet die Rote Armee besser ab als die Nato, die im kommenden Jahr erstmals mehr Truppen in Afghanistan stationiert haben wird als die Sowjets: Nach den geplanten Verstärkungen werden knapp 150000 ausländische Soldaten im Land sein, die Rote Armee brachte es russischen Quellen zufolge auf bis zu 120000. Anfang 2011 schließlich werden die internationalen Truppen länger in Afghanistan sein, als die sowjetische Besatzung dauerte.

Der Analyst und Autor Waheed Muzhda kämpfte gegen die Rote Armee, später war er unter den Taliban Abteilungsleiter im Außenministerium. „Das Verhalten der Russen“, sagt er, „war besser als das Verhalten der Amerikaner und anderer Westler“.

Respekt vor den Alten

So könne sich niemand daran erinnern, dass sowjetische Soldaten während des Dschihads, des Heiligen Krieges, Frauen durchsucht hätten, sagt Muzhda. „Selbst wenn die russischen Panzer zum Kampf in ein Dorf fuhren, verteilten die Soldaten Süßigkeiten an die Kinder.“ Die Sowjets hätten die Alten respektiert. „Heute sehen wir davon nichts.“ Die Russen hätten mehr mit Muslimen kommuniziert als die Truppen heute. „Der Mangel an Respekt vor der Kultur des afghanischen Volkes hat dazu geführt, dass die Unterstützung für die Taliban im Land wieder zugenommen hat.“

Immer mehr in Vergessenheit scheint zu geraten, wie brutal die Rote Armee einst vorging. Muzhda beklagt, dass heute Kinder und Frauen bei Militäroperationen getötet würden, und tatsächlich sorgen die zivilen Opfer für zunehmende Wut im Land. Doch unter der sowjetischen Besatzung wurden weitaus mehr Unschuldige getötet. Mit welcher Härte der Konflikt damals ausgetragen wurde, beweisen die Opferzahlen. Mehr als eine Million Afghanen ließen damals ihr Leben, knapp 15000 getötete Soldaten hatte die Rote Armee zu beklagen.

Muzhda sieht trotz der gewaltigen Unterschiede bei den Opferzahlen Parallelen. „Die Russen sahen sich damals einem nationalen Aufstand in den ländlichen Gegenden gegenüber, und das ist, was jetzt wieder passiert.“ Die ausländischen Truppen hätten versäumt zu erkennen, dass sie mit der Landbevölkerung zusammenarbeiten müssten. Die Aufständischen heute profitierten zudem von der Erfahrung aus dem Widerstand gegen die Sowjets.

Hilfe für die Armen

Der Ex-Soldat und jetzige Bauarbeiter Munir Ahmad aus Kabul ist nicht gut auf die Sowjets zu sprechen. „Die Kommunisten und Russen“, sagt er, seien dafür verantwortlich, dass das Land heute zerstört und ruiniert sei. Doch immerhin hätten die Sowjets – anders als heute die Amerikaner – den Armen geholfen. „Verglichen mit den Amerikanern“, sagt Ahmad, „waren die Russen immer noch besser“. (dpa)