merken

Schleichende Enteignung der Sparer

Chris-Oliver Schickentanz, Chefanlagestratege der Commerzbank AG spricht über die Börsenentwicklungen 2017. Ererwartet keine Zinswende trotz höherer Inflation.

Herr Schickentanz, brauchen Kleinanleger und Sparer 2017 noch stärkere Nerven als voriges Jahr?

Anzeige
Symbolbild Anzeige

Smarter Leben mit diesen Technik-Trends 

Erfahren Sie als Erster von den neuesten Trends, Tipps und Produkten in der Technikwelt und lernen Sie Innovationen kennen, die Ihr Leben garantiert leichter machen.

Worauf die Börsen 2017 reagieren: Der künftige US-Präsident Trump wird für Wirbel sorgen. © Reuters
Genauso die Brexit-Entwicklung ... © picture alliance / dpa
... und die Entscheidungen der Ölstaaten. © dpa
Auch die Wahl in Deutschland ... © dpa/dpaweb
und der Immobilienboom hinterlässt Spuren. © dpa

Noch stärkere nicht, aber genauso gute.

Was wird an den Nerven zerren?

Viele politische Prozesse, die 2016 begannen, prägen auch dieses Jahr – angefangen bei der Brexit-Entscheidung in Großbritannien über die Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten bis zum Ausgang des Referendums in Italien. Dies alles sorgt für große Unsicherheit. Zudem ist die politische Agenda in 2017 prall gefüllt mit den Wahlen in Deutschland und Frankreich. Und die Nachwehen der Wirtschafts- und Finanzkrise sind noch nicht komplett vorbei.

Am 20. Januar wird Donald Trump Präsident – wird er die Weltkonjunktur anschieben oder abbremsen?

Kurzfristig könnte es durchaus positive Effekte geben. Trump hat ein massives Infrastrukturprogramm angekündigt und Steuersenkungen für private Haushalte und Unternehmen. Das könnte die US-Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte 2017 und 2018 beleben. Mittel- und langfristig bin ich jedoch skeptisch, ob uns diese Impulse wirklich weiterbringen. Zum einen ist es unüblich, ein Konjunkturprogramm anzukündigen, wenn die Wirtschaft gut läuft. Die Gefahr einer Überhitzung besteht. Außerdem werden die geplanten protektionistischen Maßnahmen den Welthandel mittelfristig abbremsen.

Was bedeutet das für die deutschen Exporteure?

Grundsätzlich ist Protektionismus Gift für die deutsche Wirtschaft. Allerdings sollte man das nicht dramatisieren. Die Dollaraufwertung in den letzten zwei Jahren hat den deutschen Unternehmen bei den Preisen einen Wettbewerbsvorteil von gut 30 Prozent gebracht gegenüber ihren US-Konkurrenten. Etwas mehr Protektionismus in den USA wäre also nicht so dramatisch, dass die deutsche Exportwirtschaft damit nicht zurecht kommen würde.

Wie sehen Ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum aus?

Wir gehen davon aus, dass das globale Wirtschaftswachstum leicht zulegen wird von 2,8 Prozent im vergangenen Jahr auf 3,2 Prozent. Getrieben wird es im Wesentlichen durch die wirtschaftliche Erholung in den Schwellenländern. Brasilien und Russland lassen die Rezession hinter sich. In den USA wird die Lage im ersten Halbjahr besser aussehen, nicht wegen Trump, sondern weil die Lager leer geräumt sind. Und hier in Europa wird sich dieses „Auf ohne Schwung“ weiter fortsetzen. In Deutschland wird das Wachstum leicht rückläufig sein, weil es unter anderem wegen des Reformationsjahres mehr Feiertage gibt. Rechnet man das heraus, würden wir auf dem gleichen Niveau wie 2016 landen.

Wo wird der Dax am Jahresende stehen, was ist Ihre Prognose?

Wir haben uns von diesen Punktprognosen verabschiedet, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass viele Privatkunden sich dann gar keine Gedanken mehr darüber machen, wie diese Zahl zustande kommt, sondern blindlings darauf vertrauen. Unsere Aussage ist: Wir erwarten in diesem Jahr einen Dax-Anstieg von fünf bis sieben Prozent, das allerdings mit relativ erheblichen Schwankungen. Es wird notwendig sein, im Jahresverlauf häufiger an der Depotaufstellung zu drehen.

Die Inflation hat zum Jahresanfang kräftig angezogen. Wird die EZB den Ausstieg aus ihrer ultralockeren Geldpolitik beschleunigen?

Die EZB wird nicht jetzt schon über Ausstiegsszenarien beraten. Die ultraniedrigen Leitzinsen werden nicht nur 2017 unverändert bleiben, sondern auch mindestens 2018, wenn nicht sogar 2019, da bleiben, wo sie aktuell sind. Man darf sich jetzt nicht kirre machen lassen.

Warum nicht?

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob die EZB ihr Inflationsziel von zwei Prozent langsam erreicht. Aber der jetzige Anstieg ist vor allem durch die Ölpreise getrieben. Wir hatten im vergangenen Jahr den dramatischen Ölpreiseinbruch. Heute liegt er 100 Prozent höher, hat sich also verdoppelt. Das führt zu inflationären Tendenzen, die sich aber im April schon wieder erledigt haben werden. Wir gehen davon aus, dass die Inflationsrate im Jahresverlauf wieder zurückgeht. Bei der für die EZB wichtigen Kernrate der Inflation, wo der Preisanstieg von Lebensmitteln und Energie herausgerechnet wird, sehen wir keine Veränderung. Sie liegt stabil bei einem Prozent. Konkret heißt das, die EZB wird ihr Anleihekaufprogramm dieses Jahr durchziehen. Die Leitzinswende in der Euro-Zone steht nicht bevor.

Die Sparer müssen als nicht befürchten, dass ihr Vermögen durch die Inflation noch stärker entwertet wird als ohnehin schon?

Die schleichende Enteignung der Sparer ist seit fünf Jahren Realität. Der Zins, den ich für Sparbuch und Tagesgeld bekomme, reicht nicht aus, um meine Kaufkraft zu erhöhen. Das wird sich 2017 nicht ändern. Die Jahresinflationsrate wird vermutlich auf 1,3 Prozent hinauslaufen. Das bedeutet, Sparer müssen damit rechnen, ein gutes Prozent Kaufkraft zu verlieren, wenn sie ihr Geld auf Sparbüchern und Tageskonten lassen. Jeder muss sich selbst die Frage stellen: Akzeptiere ich das oder bin ich bereit, in Wertpapiere zu investieren?

Wie können risikoscheue Sparer ihre Ersparnisse vor Entwertung schützen?

Ohne Risiko werde ich Vermögenserhalt nicht schaffen! Diese Botschaft muss auch in den Köpfen konservativer Sparer ankommen. Wie sollten sie ihr Geld aufteilen? Zum einen glauben wir, dass kurzfristig laufende Unternehmensanleihen eine vernünftige Alternative sind, denn da gibt es noch eine minimale positive Verzinsung. Bei Devisenanlagen ist der US-Dollar interessant, aber auch die Schweden-Krone ist wieder lukrativ, weil die Notenbank über eine Zinswende nachdenkt. Und wir würden auch einen Akzent setzen, in Immobilien zu investieren. Da sind offene Immobilienfonds mit einer Jahresrendite von 2,5 Prozent und das bei sehr geringen Wertschwankungen für Kleinanleger interessant. Eine kleine Aktienbeimischung ist auch für den konservativen Anleger durchaus sinnvoll und das mit Substanzwerten, sprich Aktien mit relativ hoher Dividendenausschüttung und einem soliden Geschäftsmodell.

Viele Deutsche haben ihr Geld vor allem in Beton angelegt. Bleiben Immobilienanlagen attraktiv?

Grundsätzlich spricht nichts dafür, dass wir in Deutschland eine Immobilienpreisblase haben. Es wird mit den Preisen an den Märkten weiter aufwärts gehen. Aber das Bild ist differenziert zu betrachten. Die Immobilienpreise steigen vor allem in Großstädten und in Universitätsstädten, wo die Bevölkerungsentwicklung positiv ist. Dagegen fallen die Preise in vielen ländlichen Regionen. Diese Spreizung wird sich weiter beschleunigen, weil in den Großstädten einfach zu wenig gebaut wird, um die vorhandene Nachfrage zu decken. Anleger sollten also sehr differenziert hinschauen, worin sie investieren. Nicht jede Immobilie wird 2017 an Wert zulegen.

Das Gespräch führte Nora Miethke.