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Die Schlossbesetzer

In Promnitz bei Riesa verfällt seit Jahrzehnten das alte Rittergut. Doch ein paar Männer kämpfen für den Erhalt und gegen den Regen. Ihre Pläne reichen schon bis ins Jahr 2030.

© ronaldbonss.com

Von Thomas Schade

Die Männer brauchen ihre Hüte. Gerade kehren sie von einem ihrer Feuerwehreinsätze zurück. Über der Elbe bei Riesa hatte der Himmel seine Schleusen geöffnet. Minutenlang goss es. Kaum kündigte sich das Ende an, rannten Bodo Hauser, Roderick von Wolffersdorff und andere Helfer los. Jeder von ihnen weiß, wo die Wannen, Schüsseln und Eimer stehen unter den maroden Dächern von Schloss Promnitz.

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Für Hautbedürfnisse gilt dasselbe wie für Beziehungen oder Arbeitssituationen: Die richtige Balance sorgt für langfristiges Wohlbefinden. Charlotte Meentzen hat schon damals verstanden, dass schöne Haut am erfolgreichsten zusammen mit dem Geist gepflegt wird.

Größte Baustelle im Schloss: der Festsaal, wo Könige standen.
Größte Baustelle im Schloss: der Festsaal, wo Könige standen. © ronaldbonss.com
Morbider Charme der 60iger: das Jagdzimmer im Schloss.
Morbider Charme der 60iger: das Jagdzimmer im Schloss. © ronaldbonss.com

Das war nicht immer so. Vor zwei, drei Jahren wäre niemand gelaufen. Da klafften noch mehr Löcher in den Dächern. „Aber da gab es niemanden, der mit Eimer oder Wannen versucht hätte, noch größere Wasserschäden zu verhindern“, sagt Rico Käseberg. Er trägt keinen Hut, gehört aber genauso zu den guten Geistern, die Schloss Promnitz vor dem endgültigen Verfall retten wollen. Der gelernte Gärtner aus Zeithain war einer der Ersten, die vor vier Jahren begonnen haben, im völlig verwilderten Schlossgarten Tabula rasa zu machen. „Wochenlang haben wir Wildwuchs beseitigt, damit die alten Strukturen des Anwesens wieder sichtbar wurden.“

Damals begann die unkonventionelle Inbesitznahme des geschützten Denkmals. Es steht Nachbarschlössern in Strehla oder Seußlitz in seiner historischen Bedeutung nicht nach. Die Wurzeln von Schloss Promnitz gehen zurück bis ins späte Mittelalter. Ende des 12. Jahrhunderts lebten hier Fischer am Elbkilometer 107. Es gab zwei Vorwerke. Eines gehörte zum Benediktinerkloster Riesa. Das zweite Vorwerk gehörte der Adelsfamilie von Promnitz, die dem Ort den Namen gab. Der Familie entstammt der Musiker Franns Wilfried Promnitz von Promnitzau, ein ehemaliger Kruzianer aus Dresden, der in Leipzig lebt, ab und an im Schloss musiziert und sich so für die Rettung des Anwesens engagiert.

Vom Riesaer Elbufer lassen sich Schloss und Rittergut Promnitz kaum erfassen. Zu sehr versteckt sich der einstige Herrensitz hinter der mächtigen Mauer, die über die Jahrhunderte immer wieder Schutz bot vor den Hochwassern der Elbe. Das dreiflügelige Schloss mit nur einem Obergeschoss ist lediglich Teil eines viel größeren Vierseitenhofes, dessen architektonischer Blickfang das Inspektorenhaus mit seinem barocken Vorbau ist. „So ein Ensemble müssen sie erst mal finden in Europa“, sagt Bodo Hauser, ein studierter Holzbildhauer aus dem Erzgebirge.

Vor drei Jahren hatte ihn eine Freundin auf das Schloss aufmerksam gemacht. „Ich bin dann hergefahren, seitdem komme ich nicht mehr los von Promnitz“, sagt Hauser. So einen alten Kasten zu erhalten, sei eine Lebensaufgabe. Der 54-Jährige will sich der Aufgabe stellen, er ist seit einigen Monaten der erste Dauerbewohner auf dem Anwesen, hat ein Zimmer im Inspektorenhaus bewohnbar gemacht und jobbt hier als überqualifizierter Hausmeister – ausgestattet mit Sachkunde in Baugeschichte und handwerklichen Fertigkeiten.

Auch Rico Käseberg ist täglich vor Ort. Er koordiniert einen kleinen Trupp freiwilliger Helfer, der sich zu einer Bürgerinitiative formiert hat, um dringende Arbeiten an den Gebäuden zu erledigen, um sie notzusichern und zu erhalten. Der Mittfünfziger steht auf dem weitläufigen Gutshof und erzählt, dass die drei Flügel des Schlosses auch drei Bauepochen repräsentieren: späte Gotik, Renaissance und Barock. Äußerlich ist das den schmucklosen und vom Wetter gezeichneten Fassaden nicht anzusehen. Auf spätgotisches Baugeschehen lassen nur noch die Kreuzgewölbe des alten Refektoriums schließen, dem Speisesaal der Benediktinermönche.

Ab 1603 baute zunächst die Familie Köckeritz auf den Mauern des klösterlichen Vorwerks ein Renaissanceschloss. Später ergänzte eine verwandte Adelsfamilie das Ensemble und ließ unmittelbar nebenan ein Herrenhaus im gleichen Stil errichten. 1717 kam ein Spross der vogtländischen Adelsfamilie Wolffersdorff nach Promnitz – Friedrich Albert von Wolffersdorff, ein Militär, der es bis zum kursächsischen Generalmajor brachte. Angeblich auf Geheiß August des Starken ließ der Kavallerieoffizier Promnitz im Stile des Barock umbauen. Er verband die beiden Renaissancebauten durch einen nach Süden gerichteten Mittelbau, von dem man durch acht Fenster auf die Elbe und hinüber nach Riesa schauen konnte. Vier der Fenster gehörten zum größten Raum im neuen Schloss, dem Festsaal.

Der Festsaal ist derzeit die größte Baustelle im Schloss. Gerüste tragen die neu eingezogenen Deckenbalken. Darüber ist es taghell auf dem Dachboden. Auf mehreren Quadratmetern fehlen die Ziegel. Hier können keine Schüsseln das Wasser eines Wolkenbruches aufhalten. Auf die Sparren sind schon neue Dachlatten genagelt. Der Festsaal sei die erste große Notsicherungsmaßnahme, für die auch der Denkmalschutz Geld zur Verfügung gestellt habe, sagt Roderick von Wolffersdorff. Seine Familie gehört zu den Nachkommen des kurfürstlichen Kavalleriegenerals, der vor 280 Jahren das Barockschloss in seiner heutigen Form baute und so die Voraussetzungen schuf für das wichtigste Ereignis in der Geschichte des Promnitzer Herrensitzes.

Denn am Abend des 24. Juni 1730 standen drei Könige an den weit geöffneten Fenstern des Festsaales: Preußenkönig Friedrich Wilhelm I., sein Sohn Kronprinz Friedrich II., später als König Friedrich der Große bekannt, und August der Starke.

Seit Tagen schon beherbergten die Wollfersdorffs königliche Gäste. Wer in den Schlössern der Umgebung keine Herberge fand, der kampierte in osmanischen Staatszelten, von denen zwei noch heute in der „Türckischen Cammer“ der Dresdner Kunstsammlungen zu sehen sind. Die Fürsten und Militärs beobachteten die größte Militärschau, die Europa im 18. Jahrhundert zu sehen bekommen sollte – dem Zeithainer Lustlager. Fast vier Wochen lang präsentierte August der Welt seine höfische Pracht. Im Sommer ließ er einen fast zwei Tonnen schweren Christstollen servieren. Und nachdem die 27 000 Soldaten ihre täglichen Exerzierübungen beendet hatten, feierte er mit seinen Gästen abends üppige Partys, die zum Inbegriff barocker Lebensart wurden.

Promnitz war der wichtigste Nebenschauplatz dieses Jahrhundertereignisses, hier ereignete sich in jenen Tagen sogar ein tragisches Kapitel preußischer Familiengeschichte. Denn während der Manöver gerieten der preußische Soldatenkönig und sein Sohn so heftig in Streit, dass Kronprinz Friedrich II. beschloss, vor dem strengen Regiment des Vaters nach Frankreich zu flüchten. Auf Schloss Promnitz soll er seinen Jugendfreund Hans Hermann von Katte in diese Pläne eingeweiht haben. Danach reiste der Kronprinz Hals über Kopf ab und türmte am 5. August 1730 tatsächlich mit einem Pagen in Richtung Frankreich. Soldaten des Vaters setzten ihn wenig später wieder fest. Sein Freund Katte bezahlte als Mitwisser die Flucht mit dem Leben.

Seine Familie habe zwar nur eine Epoche Promnitzer Geschichte geprägt, sagt Roderick von Wolffersdorff. „Dennoch ist uns das Schicksal dieses Anwesens nicht egal.“ Seit die Familie den beklagenswerten Zustand des Schlosses und des Rittergutes kenne, engagiere sie sich für die Rettung – mit Geld, durch Verhandlungen und Aufrufe, etwas für Promnitz zu tun, wie Roderick von Wolffersdorff sagt.

Beim Leeren der übergelaufenen Schüsseln führt sein Weg im Inspektorhaus auch am „Büro“ vorbei, einem notdürftig hergerichteten Zimmer mit einem Kachelofen für den Winter. Auf einem alten Tisch stehen mehrere Bildschirme und PCs und eine Stehlampe aus den 1960er-Jahren. Im Nebenraum liegen eine Matratze, ein Dederon-Schlafsack und Klamotten zum Wechseln. Der 43-Jährige ist selbstständiger Versicherungs- und Finanzberater, lebt in Hamburg, ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Eigentlich ist die Musik sein Hobby. Er hat eine eigene Rockband, die Madnoks, und hat auch zwei Kinderhörspiele auf Platte gebracht. Dennoch kommt er fünf oder sechsmal im Jahr nach Promnitz, um bei den Erhaltungsarbeiten mit Hand anzulegen. „Ich erledige dann die dringendsten Dinge des Jobs am Computer.“ Zum Glück würden die Kunden nicht sehen, unter welchen Umständen er sie manchmal berät. „Merkt doch einer etwas, sage ich immer: Wir retten hier gerade ein Schloss.“

Von Wolffersdorff zeigt auf die feuchten Wände und sagt: „Dahinter stehen die Schüsseln.“ So wie er haben sich auch sein älterer Bruder Wolf-Nicol und andere Familienmitglieder im Schloss ein Zimmer notdürftig hergerichtet, wo sie das Plumpsklo erwartet und die Dusche fehlt. Die möblierten Zimmer im Schloss mit dem maroden Charme der 50er- und 60er-Jahre sind nichts anderes als eine Hausbesetzung. Keiner der drei Herren ist Eigentümer des arg lädierten Rittergutes.

Die Eigentumsverhältnisse der fast 800 Jahre alten Immobilie sind alles andere als klar. Zu DDR-Zeiten waren die LPG, der Konsum und Wohnungen im Rittergut. Das große Hochwasser 2002 vertrieb die letzten Bewohner im Schloss. Da gehörte es schon einem alten Herrn namens Willi Hummel aus Ludwigsburg. Der hatte es 1996 von der Treuhand erworben, um Strauße zu züchten. „Der alte Herr kletterte höchst selbst auf den Gerüsten rum und versuchte, die notwendigsten Reparaturen zu erledigen“, erinnert sich Rico Käseberg. Den Verfall konnte er nicht aufhalten, und Strauße gab es hier nie.

Als Familie Wolffersdorff 2013 das Schloss kaufen wollte, überraschte Hummel beim Notar mit der Nachricht, dass er schon einen andern Käufer habe – eine ERE Zweite Real Estate Projektgesellschaft. Die Kommanditgesellschaft war erst Monate zuvor in Hamburg gegründet worden. Als Geschäftsführer steht der 36-jähriger Pavlos Vartziotis im Handelsregister. Name und Geburtsdatum stimmen mit dem griechischen Fußballspieler Pavlos Vartziotis überein, dessen Marktwert sein Verein AO Velissariou 2013 mit 50 000 Euro bezifferte. Der Innenverteidiger ward in Promnitz nie gesehen, andere Firmenvertreter antworteten auf Anfragen und beschrieben schillernde Pläne für edle Rosenzüchterei und Filmkulissen. Getan hat sich nichts. Mittlerweile heißt es, der Verkauf sei rückabgewickelt. Willi Hummel kann keine Auskunft geben, er starb 2015.

Angesichts der unklaren Situation sei sein älterer Bruder ständig am Verhandeln, sagt Roderick von Wolffersdorff. Das Ergebnis könne man nicht abwarten. „Wir werden getrieben vom Zustand des Hauses. So haben wir das Schloss einfach besetzt.“

Rico Käseberg zählt die dringendsten Notsicherungen auf: Der Giebel des östlichen Schlossflügels droht herabzustürzen, er würde das Dach des angrenzenden Wirtschaftsgebäudes zerschlagen. Am Westflügel neigt sich die Holzspitze des Turmes bedenklich. „Die stürzt eines Tages ab“, mahnt er. Alles Aufgaben, für die die Männer auf Unterstützung vom Denkmalschutz hoffen. Um geordnete Strukturen zu schaffen, gibt es für die Schlossrettung nun drei Standbeine: Die Wolffersdorffs gründen eine GmbH, die Schloss Promnitz erwerben wird. Rico Käseberg koordiniert die Bürgerinitiative mit einem Dutzend Männer, die täglich im Schloss und am Rittergut arbeiten, meist ehrenamtlich. Der Musiker Franns Promnitz von Promnitzau steht an der Spitze des Kultur- und Schlossvereins, der Konzerte, Lesungen und Weihnachtsmärkte veranstaltet. Unlängst standen tausend Leute nach der Riesaer Mondscheinführung im Schlosshof.

Pläne für die Zukunft haben die Hausbesetzer viele. Hausmeister Hauser betätigt sich schon als Bio-Bauer, hält Ziegen, Hühner und Enten. „Demnächst nehme ich einen Gnadenhund auf, der nachts hier Wache hält.“ Er sieht in den weitläufigen Scheunen und Ställen schon Werkstätten für historisches Handwerk, eine Herberge für Radler und Pilger, die hier auf dem Jakobsweg vorbeikommen. Schloss Promnitz habe zwei Weltkriege und den Sozialismus überlebt, sagt Hauser. „Nunmehr lassen wir es nicht mehr kaputt gehen.“ Und Rico Käseberg fügt hinzu: „2030 werden wir hoffentlich ein großes Stück weiter sein.“ Dann jährt sich das Zeithainer Lustlager zum 300. Mal. Das sei ein Termin, für den es sich lohne, Hand anzulegen. „Das müssen nur noch einige erkennen.“