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Die Schlüsseldienst-Abzocke vom Bauernhof

Ein verlassenes Anwesen in Glauchau dient einem dubiosen Unternehmen als Scheinadresse.

© dpa (Symbolfoto)

Von Michael Stellner, Glauchau

Die Geschichte beginnt im bayerischen Palling, einer 3 000-Seelen-Gemeinde zwischen Chiemsee und der österreichischen Grenze. Dort hat sich Klaus Frühauf nachts aus seiner Wohnung ausgesperrt. Er sucht im Internet nach einem Schlüsseldienst aus seiner Region. Fündig wird er auf der Webseite schlossfachmann.de von Daniel Hauser. Die Firma gibt vor, aus Hassmoning zu stammen, einem Ort in der Nähe. Die Internetseite zeigt einen seriösen, rundlichen Mann Ende 50 in seiner Werkstatt, daneben eine Telefonnummer mit lokaler Vorwahl und dem Text: „Mit meiner Ausbildung und ständig laufender Fortbildung und Praxis in Hassmoning biete ich Ihnen als Schlossfachmann beste Beratung und Hilfe an.“

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Eine Stunde nach dem Anruf kommt ein Monteur, der dem Mann vom Foto überhaupt nicht ähnlich sieht. Wie viel das Öffnen kosten wird, will der Monteur vorab nicht sagen. Nach wenigen Sekunden ist das Schloss offen. Die Rechnung hat es dann in sich: 159 Euro Einsatzpauschale, 159 Euro Nachtzuschlag, 30 Euro Anfahrtskosten – mit Mehrwertsteuer 414 Euro und 12 Cent. Zu bezahlen bar oder per Karte. Am nächsten Tag dämmert ihm, dass er zu viel bezahlt hat. Frühauf geht zur Polizei.

Er muss feststellen, dass sich Daniel Hauser überall in Deutschland als „langjähriger Monteur“ ausgibt, egal, ob in Köln, Berlin oder Hamburg. Eine Telefonnummer mit Vorwahl gibt es meistens gleich mit dazu. Im Impressum aber steht immer dieselbe Adresse: Niederlungwitz. Dort ist der Schlossfachmann aber nicht anzutreffen. Wie auch. Das Foto auf der Webseite zeigt nicht Daniel Hauser, sondern ist von einer Bildagentur eingekauft.

Der Bauernhof in Niederlungwitz ist heruntergekommen, der Briefkasten quillt über. Einen Daniel Hauser gibt es hier nicht. Dafür kennen Nachbarn einen Daniel K., der seit August 2014 in dem Gehöft wohnte. Vor drei Wochen sei er verreist. „Er geht jetzt nach Spanien, hat er gesagt“, erzählt eine Nachbarin.

Der Freien Presse berichtet Daniel K., er arbeite zurzeit auf einer Baustelle in Nordrhein-Westfalen. Mit dem Schlüsseldienst will er nichts zu tun haben. Ein Anruf bei der im Netz angegebenen Nummer des Glauchauer Unternehmens: Ein „Herr Grüntjes“ meldet sich. Ob der Schlüsseldienst Daniel Hauser dran ist? Nach kurzem Zögern bejaht er, sagt: „Der Chef ist auf Außendienst.“ Wie es kommt, dass Daniel Hauser in jeder Stadt der Republik als langjähriger Monteur für sich wirbt? Dafür hat er eine abenteuerliche Begründung parat. „Er hat eben eine große Familie.“

Dabei wird die Masche schnell klar. Im Impressum der Seite steht, dass die lokalen Telefonnummern von „ortsansässigen Kooperationspartnern/Mitarbeitern zur Verfügung gestellt“ werden. Mitarbeiter sitzen in allen Ecken des Landes, führen Aufträge aus und schreiben zu hohe Rechnungen. Ohne richtige Adresse besteht kaum eine Chance, sich das Geld zurückzuholen. (fp)