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Die Schrillen und die Wirren

Kritiker werfen den AfD-Vorsitzenden Petry und Meuthen vor, sie dienten Radikalen als bürgerliche Fassade. Zum Teil findet man bei der AfD in der zweiten Reihe aber auch Menschen, die einfach nur schräg sind.

© dpa

Anne-Beatrice Clasmann

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Berlin. Ein dubioser Adelstitel, ein frisierter Lebenslauf und krasse Sprüche, wie man sie kaum bei einer anderen Partei zu hören bekommt: Wer in der AfD auf Dauer bestehen will, muss nicht nur schrille Typen und extreme Meinungen aushalten, sondern auch Anfeindungen, die sich gewaschen haben. Das zeigt sich in diesen Tagen, in denen die Parteimitglieder um die aussichtsreichen Plätze auf den Kandidatenlisten für die Bundestagswahl kämpfen, besonders deutlich.

„Wenn diese Frau Macht bekommt, würde sie mich vielleicht ins Lager stecken“, sagt der AfD-Fraktionsvorsitzende im Stadtrat von Freital, Norbert Mayer, beim sächsischen Landesparteitag über Parteichefin Petry. Zwar setzt sie sich in der Abstimmung über Listenplatz eins am Schluss gegen Mayer und einen zweiten Gegenkandidaten durch. Doch der schwangeren Parteichefin ist anzusehen, dass sie die Anwürfe aus dem Lager der Unterstützer von Rechtsaußen Björn Höcke nicht kaltlassen.

Ruppig geht es nach Angaben aus Parteikreisen auch im saarländischen Landesverband zu. Während des Schiedsgerichtsverfahrens über die vom Bundesvorstand angeordnete Auflösung des Landesverbandes soll es zwischen den Kontrahenten außerhalb des Saales zu unfreundlichen Szenen gekommen sein. Der Landesvorsitzende Josef Dörr (78) kann sich gleich auf mehrere Verwandte stützen, die der Partei beigetreten sind. Sein Sohn Michel könnte am nächsten Wochenende auf Platz eins der Liste der Saar-AfD für den Bundestag gewählt werden.

Aufregung herrscht aktuell auch im bayerischen Landesverband, wo ein Überraschungskandidat dem Landesvorsitzenden Petr Bystron am vergangenen Wochenende den ersten Platz streitig gemacht hat. In Bayern will auch ein älterer Mann mit Siegelring kandidieren, der sich Constantin Leopold Prinz von Anhalt Dessau nennt. Eduard Prinz von Anhalt ließ den „Münchener Merkur“ unlängst wissen, er sei diesem Herrn nie begegnet. Der Name „Anhalt-Dessau“ sei zudem 1863 nach der Vereinigung aller anhaltischen Herzogtümer abgeschafft worden.

Sicher, abweichende Meinungen und schrille Persönlichkeiten findet man auch in anderen Parteien - vor allen Dingen in der Frühphase. Doch in der AfD mit inzwischen rund 26 000 Mitgliedern konnten einige schnell aufsteigen und sich zumindest einen Platz in der zweiten oder dritten Reihe sichern. Vor allem einige Landesverbände im Osten haben in kurzer Zeit so viele Protestwähler angezogen, dass der Bedarf an Kandidaten und Mitarbeitern schnell wuchs.

Das eröffnete auch einigen Menschen mit nicht durchweg erfolgreicher Erwerbsbiografie neue Möglichkeiten. AfD-Mitglied Jan Zwerg, der auf dem sächsischen Landesparteitag in Weinböhla den von einem Parteiausschlussverfahren bedrohten Richter Jens Maier in Schutz nimmt, formuliert es so: Maier „strebt kein Mandat an, um überhaupt erst einmal eine wirtschaftliche Existenzgrundlage zu haben, im Gegensatz zu manch anderem in der Partei“.

Maier war im vergangenen Januar auf der gleichen Veranstaltung der Jungen Alternative in Dresden aufgetreten, auf der sich der Thüringer AfD-Landesvorsitzende Björn Höcke mit seinem Ruf nach einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ in die Nesseln gesetzt hatte. Maier ist Richter am Dresdner Landgericht. Er hatte damals von einem deutschen „Schuldkult“ und der „Herstellung von Mischvölkern“ gesprochen.

Besonders viele anstrengende Quertreiber findet man aus Sicht der AfD-Spitze in der Kategorie der „Parteihopper“. Zwar waren auch die Partei-Vize Alexander Gauland und Albrecht Glaser früher bei der CDU. Doch einige Parteikollegen haben noch viel wechselvollere Polit-Biografien. Saar-Landeschef Dörr war zum Beispiel erst lange bei der CDU und dann bei den Grünen. Jens Diederichs, Landtagsabgeordneter in Sachsen-Anhalt, gehörte bis 1990 der SED an, später wurde er SPD-Mitglied. Groß war der ideologische Sprung auch bei Beate Prömm, Mitglied im Berliner AfD-Landesverband. Sie war früher Mitglied der Piraten. (dpa)