Merken

Die Schule ohne Hausaufgaben

Den Lernstoff zu Hause nacharbeiten zu lassen, zementiert soziale Ungleichheit, sagt eine Bildungsexpertin.

Teilen
Folgen
© dpa

Als Lutmir Krasniqi vor sieben Jahren aus dem Kosovo ins Ruhrgebiet kam, sprach er kein Wort Deutsch. Vor ein paar Wochen hat der 18-Jährige Abitur gemacht – mit einem Durchschnitt von 1,4. Einer seiner beiden Leistungskurse war Deutsch, die Sprache, in der er bei seiner Ankunft noch nicht mal bis zehn zählen konnte. Es gibt durchaus solche Erfolgsgeschichten im deutschen Schulsystem. Es sind nur zu wenige.

Immer wieder zeigen Studien: Der Bildungserfolg in Deutschland hängt stark vom Elternhaus ab. Seit vielen Jahren diskutieren Bildungspolitiker darüber, wie man das ändern kann. Die Lehrer bauen auf die Eltern. Sie gehen davon aus, dass der Stoff zu Hause nachgearbeitet wird. Das richtige Pauken soll seit den Tagen Bismarcks am heimischen Schreibtisch erledigt werden – auch bei vielen Ganztagsschulen ist das so. Eine repräsentative Umfrage der Universität Bielefeld hat ergeben, dass 77 Prozent der Eltern ihren Kindern bei der Vorbereitung von Klassenarbeiten und Referaten helfen. 63 Prozent erarbeiten sogar „grundsätzlich gemeinsam mit ihrem Nachwuchs den Lernstoff“.

Nach Ansicht der Bildungsexpertin Jutta Allmendinger sollten Hausaufgaben abgeschafft werden. Es sei viel besser, den Lernstoff im Unterricht selbst in kleinen Gruppen zusammen mit dem Lehrer noch einmal durchzuarbeiten, sagt Allmendinger.

„Hausaufgaben alten Stils zementieren soziale Ungleichheit“, sagt die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Studien hätten gezeigt, dass viele Eltern den gesamten Lernstoff mit ihren Kindern durcharbeiteten. Kinder, deren Eltern das nicht leisten könnten, gerieten ins Hintertreffen.

Das mehrfach ausgezeichnete Oberhausener Elsa-Brändström-Gymnasium, an dem Lutmir Krasniqi lernte, hat die Hausaufgaben schon vor Längerem abgeschafft. Was anfangs für einige Aufregung sorgte: „Irgendwo ist das bei allen im Kopf drin: Zur Schule gehören auch Hausaufgaben“, sagt Schulleiterin Brigitte Fontein. Viele Eltern seien keineswegs dankbar, wenn ihnen die Paukerei abgenommen werde. „Sie befürchten Kontrollverlust.“ An dem Oberhausener Gymnasium wird die Übungsphase in den Unterricht eingebaut – Hausaufgabenstunden gibt es nicht, dafür gezielte Förderung. Dann übt ein Fachlehrer mit höchstens vier Schülern. Spätestens um 16 Uhr gehen alle nach Hause – und haben dann auch nichts mehr auf. (dpa)