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Die schwere Last der Paketfahrer

Die Zusteller arbeiten bis zur Erschöpfung, auch Heiligabend bis Anschlag. Ihr Lohn ist oft erbärmlich.

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Von Michael Rothe

Angeblich hat der Weihnachtsmann einen langen roten Mantel, eine Mütze, und er kommt mit weißem Rauschebart gemütlich zu den Kindern gestapft. Von wegen! Den Weihnachtsmann gibt’s nicht, es sind Zehntausende, nur in Deutschland. Ihre Schlitten haben die Pferdestärken unter der Motorhaube. Die Kluft ist gelb oder rot oder blau oder braun. Und gerade jetzt ist den wenigsten nach Weihnachten zumute.

„Knüppeln bis zum Geht-nicht-mehr, noch kurz vor Bescherung und meist für einen Hungerlohn“, beschreibt Andreas Wiedemann von der Gewerkschaft Verdi die Arbeit jener Paketzusteller. Immerhin gilt es, die Lieferversprechen der Arbeitgeber oder der Arbeitgeber ihrer Arbeitgeber einzuhalten. „Pünktlich zum Heiligabend“, heißt es bei Buch.de, Amazon & Co.

Gerade die Online-Bestellungen bescheren den Logistikern gigantische Zuwächse und den Zustellern entsprechend Arbeit. Die Deutsche Post transportierte in der Vorweihnachtszeit sechs Millionen Pakete, das Doppelte des Üblichen und 17Prozent mehr als 2010. Konkurrent UPS nennt sechs Prozent Zuwachs. FedEx spricht vom „höchsten Versandaufkommen seiner Unternehmensgeschichte“. DPD stellt pro Tag bis zu 2,5 Millionen Pakete zu, in Sachsen gut 140000 – und vor Weihnachten bis zu 75 Prozent mehr. Und GLS meldet 30 Prozent mehr als die sonst 1,1 Millionen Pakete am Tag. Hermes lieferte 35Millionen Pakete und Päckchen – gut das Doppelte des Normalen.

Für die Fahrer liegen da schon mal 200 Pakete und mehr im Laderaum – jedes bis 31,5 Kilo schwer. Dreimal angefasst – Laden, Sortieren, Zustellen –, werden da Tonnen bewegt. Über Kilometer. Treppauf und, wenn der Kunde nicht da ist, wieder treppab. Erneute Anfahrt. Parkplatzsuche. Zeitdruck. Sechs Tage pro Woche. 55 bis 60 Stunden.

Jörg Lubold aus Plauen hat all das hinter sich. Der 42-jährige Familienvater fuhr im Oktober drei Wochen ohne schriftlichen Arbeitsvertrag Hermes-Pakete für die Transkurier Vogtland GmbH Rodewisch, bis er auf einer Treppe stürzte und sich die Hand brach. „Dem Arbeitgeber war das egal, er hat sich nie gemeldet“, sagt Lubold zur SZ. Als Mitte November noch immer Vertrag und Lohn fehlten, habe er gekündigt und Strafanzeige gestellt.

Das Unternehmen, das im Internet „ständige Erreichbarkeit“ vorgibt, war für die SZ nicht ansprechbar. Noch heute wartet Lubold nach eigenen Angaben auf sein Geld: ganze 1300 Euro brutto. „Die Firma bestreitet ein normales Arbeitsverhältnis und behandelt mich wie einen geringfügig Beschäftigten“, erzählt Lubold.

„Das ist ein typisches Muster“, sagt Andreas Wiedemann von der Gewerkschaft Verdi. „Die Firmen spielen mit der Not der Menschen“, so der Post-Experte für Sachsen. Es gebe viele befristete Jobs, bei denen Überstunden geleistet, aber nicht abgerechnet würden – und bei angeheuerten Subunternehmen oft eine sittenwidrige Bezahlung. Das Geld, teilweise weniger als fünf Euro pro Stunde, reiche kaum zum Überleben. Wohl dem, der nach Tarif bei Deutsche Post DHL angestellt ist, Weihnachtsgeld erhält und Mehrarbeit über 38,5 Stunden abrechnen darf: 10900 Zusteller, in Sachsen 460. Hinzu kommen bundesweit 50000 Briefträger, die auf dem Land auch Pakete zustellen. Laut Konzern verdienen die 10,70 bis 17Euro pro Stunde – bis zum Dreifachen dessen, was manch eingesetztes Subunternehmen zahlt.

Alle Großen arbeiten mit Subs

Laut Verdi gibt es gut 50000 Paketzusteller bei den fünf großen Paketdiensten: Neben der Post sind das Hermes, eine Tochter der Otto Group, der deutsche Speditionsverbund DPD und die nationalen Ableger der holländischen GLS und der amerikanischen UPS. Auch Media-Logistik mit der Marke Post Modern bietet kostenfreie Abholung und Paketversand an. „Allerdings sind für uns als größten privaten Briefzusteller im Osten Pakete nur ein Nebengeschäft“, heißt es von der Tochter des SZ-Herausgebers DD+V. „Deshalb bedienen wir uns bei deren Zustellung komplett der Strukturen von DPD.“

Alle Wettbewerber arbeiten mit Subs – Hermes, DPD und GLS zu 100, UPS zu 30 Prozent. Das spart Kosten, schafft Risiken vom Hals. Die Deutsche Post hat 990 ihrer bundesweit 7000 Zustellbezirke abgegeben, in Sachsen sind es 40. „Die Entlohnung ist Sache des Subunternehmers“, heißt es dort auf SZ-Anfrage. „Wir gehen davon aus, dass diese gesetzeskonform ist.“ Der Partner bekomme eine „marktübliche Vergütung“. Ähnlich äußert sich die Konkurrenz. Alle waschen ihre Hände in Unschuld und verweisen auf die unternehmerische Eigenverantwortung der Partner. Es gebe keinen Einblick in deren Beschäftigungsstrukturen, gleichwohl wisse man von der „Bandbreite der Beschäftigungsverhältnisse“ – bis hin zu „Jobs auf 400- und 800-Euro-Basis“, wie Hermes einräumt. Silvia Tito aus Pinneberg, die im Internet die Zustände bei jener Otto-Tochter anprangert, weiß auch von Selbstmorden und Suizidversuchen einiger Fahrer.

Laut Andreas Wiedemann von Verdi „meinen viele Zusteller, sie seien richtige Unternehmer. Doch sie sind nur Scheinselbstständige“, so der Gewerkschafter. Ihr Organisationsgrad gehe gegen Null. „Schade, gerade vor Weihnachten hätte man Druck machen können.“

Und was kommt für die Paketfahrer nach Heiligabend? Aufatmen? Nach einer Umfrage des Hightech-Verbands Bitkom will jeder Dritte ungeliebte Geschenke zurückgeben. 24 Millionen Deutsche haben die im Internet gekauft. Also keine Entwarnung. Und an den Weihnachtsmann glauben die Zusteller sowieso nicht.