merken

Die Spree bekommt ihr altes Bett zurück

Nördlich von Bautzen wird der einst begradigte Fluss renaturiert. Das Projekt ist einmalig in Sachsen.

Von Jana Ulbrich

Viel Leben ist nicht in diesem fauligen Schlamm mit der Entengrütze obendrauf. „Dabei hat es hier drin mal reichlich Fisch gegeben“, weiß Daniel Steinmüller. „Als dieser tote Tümpel hier noch die Spree war.“ Keine 100 Jahre ist das her. Steinmüller, Bauingenieur bei der Landestalsperrenverwaltung in Bautzen, hat den alten Flusslauf in seinen Karten verzeichnet: Hier im Oberlausitzer Heide- und Teichland nördlich von Bautzen hat die Spree sich einst in unzähligen Mäandern durch den Auwald geschlängelt, ist munter über Sand- und Kiesbänke geplätschert, hat sich tief in steile Uferhänge eingeschnitten, war Lebensraum für eine reiche Tier- und Pflanzenwelt.

Anzeige
Berufsakademie Sachsen wird 30
Berufsakademie Sachsen wird 30

Die Staatliche Studienakademie Bautzen ist eine von sieben Einrichtungen der Berufsakademie. In Bautzen wird noch 70 Jahre Ingenieurstudium gefeiert.

Bis ihr ein gigantisches Großprojekt Anfang der 1920er Jahre ihr natürliches Flussbett nahm. Hunderte Arbeiter schaufelten dem Fluss damals einen neuen, geradlinigen Kanal. Ihr Ziel war es, die Auenwiesen in Ackerland zu verwandeln und die sächsischen Dörfer vor Überschwemmungen zu schützen. „Das Wasser sollte möglichst schnell nach Preußen abfließen“, erzählt Daniel Steinmüller. Hochwasser bei den Preußen war den Sachsen egal.

Das Projekt erwies sich schnell als Fehler. „Mit der Begradigung hat sich die Hochwassergefahr für die Anlieger der Spree nicht verringert, sondern vielmehr noch erhöht“, weiß Steinmüller. Auch deswegen steht der Ingenieur jetzt hier in diesem Erlenbruch, an diesem toten Altarm: Es gibt wieder ein neues gewaltiges Projekt für die Spree. Vor einigen Wochen hat die Sächsische Landesdirektion es genehmigt. Daniel Steinmüller wird es leiten.

Ein knappes Jahrhundert nach ihrer Begradigung bekommt die Spree ihren alten Lauf zurück. Zwischen den Orten Lömischau und Neudorf wird der Fluss auf einer Länge von rund fünf Kilometern wieder naturnah ausgebaut. Die abgetrennten Altwasser werden wieder angebunden, Wehre werden zurückgebaut, damit es wieder reichlich Fisch geben kann. Und der von Hochwassern gebeutelte Ort Halbendorf bekommt einen neuen, viel besseren Schutzdamm.

Das Projekt ist sachsenweit einmalig. Und es ist ein Modellprojekt: „Wir wollen zeigen, wie die Renaturierung einer Flusslandschaft überhaupt gelingen kann“, sagt Daniel Steinmüller. Ein paar Jahre wird das dauern, und fast dreieinhalb Millionen Euro wird das kosten.

Hier an diesem Altwasser bei Lömischau wird es losgehen. Vor kurzem begannen die Detailplanungen. Spätestens im Januar sollen die Ausschreibungen raus. Steinmüller rechnet damit, dass im kommenden Frühjahr die ersten Bagger anrücken können. Sie werden zuerst die dicke Schicht aus Faulschlamm ausgraben, die sich hier in den letzten 90 Jahren angesammelt hat. Das ausgegrabene Material übrigens wird gleich für den neuen Schutzdeich in Halbendorf verwendet – auch der wird nach allerneuestem Erkenntnisstand geplant und gebaut. Es seien auch gute Kompromisse gefunden worden, erzählt Daniel Steinmüller. So wird beispielsweise die historische Halbendorfer Mühle in den Hochwasserschutz einbezogen. Und der von den Kindern so geliebte Rodelberg wird gleich in den neuen Damm integriert.

Weil bei diesem Projekt alle Beteiligten an einem Strang ziehen – Landestalsperrenverwaltung, Biosphärenreservatsleitung und Gemeinden – habe es im Planfeststellungsverfahren auch so gut wie keine Einwände gegeben. Es sei eines der schnellsten Genehmigungsverfahren gewesen, die er je erlebt habe, erzählt der 44-Jährige. Günstige Voraussetzung sei es auch, dass die Auwälder hier zu DDR-Zeiten ein Truppenübungsplatz waren. Die Flächen gehören dem Bund und müssen nicht erst in aufwendigen Verfahren erworben werden,

Daniel Steinmüller blickt auf den toten Tümpel und lächelt. „Ende 2019 wir es hier wieder fließen“, sagt er. „Und in ein paar Jahren werden hier, wo ich jetzt stehe, vielleicht auch wieder die Angler stehen.“ Die zwei größten Altwasser hier bei Lömischau und weiter nördlich bei Neudorf werden wieder direkt in den Flusslauf eingebunden. Die Spree wird dann knappe anderthalb Kilometer länger sein. Drei andere Altarme werden so weit hergerichtet, dass sie im Hochwasserfall als Überläufe dienen können. Die alten Auwälder werden wieder zu Überschwemmungsgebieten. Die Natur wird das freuen. Deswegen unterstützt auch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt das Projekt.

Pläne für die Renaturierung des Gewässerlaufs in diesem Gebiet gibt es schon lange. Gleich in den ersten Jahren nach der Wende hatten sich Mitarbeiter der Landestalsperrenverwaltung und des Biosphärenreservats erste Gedanken gemacht. Aber weil das Vorhaben ein so großer Aufwand ist, wurden sie immer wieder zurückgestellt. Vor allem die Hochwasser in den Sommern 2010 und 2013 haben der Idee wieder Nachdruck verschafft. Seit 2013 wurden die Pläne konkret. „Insofern hatten die Hochwasser auch ihr Gutes“, sagt Daniel Steinmüller. „Wir konnten genau sehen, wo und wie die Wassermassen sich ausgebreitet haben.“ Die Erkenntnisse sind in die Planungen eingeflossen.

Mit der Renaturierung der Spree wird im Biosphärenreservat auch ein neuer Lebensraum erschlossen. Für den Eisvogel zum Beispiel, der steile Uferböschungen für seine Bruthöhlen braucht. Oder für Flussfische, die über die Wehre im begradigten Wasserlauf nicht mehr flussaufwärts gelangen konnten. „Wo, wenn nicht hier im Biosphärenreservat“, sagt Steinmüller – und freut sich auf die viele Arbeit.