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Die Spur führt in die Security-Branche

Die „Freie Kameradschaft Dresden“ arbeitete mit der „Gruppe Freital“ zusammen. Ein Prozess zeigt Überraschendes.

© Alexander Schneider

Von Alexander Schneider

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Freital. Wer steht hinter der „Freien Kameradschaft Dresden“ (FKD)? Gibt es Männer, die im Hintergrund Strippen ziehen, während die rechtsextremen Schläger ihnen bereitwillig folgen? Und wie groß war die Verbindung zur „Gruppe Freital“? Das sind Fragen, die sich nach den halbherzigen Geständnissen und umfangreichen Befragungen von zwei Angeklagten in ihrem Prozess am Landgericht Dresden aufdrängen. Robert S. (19) und Florian N. (27) müssen sich seit einem knappen Monat vor der Staatsschutzkammer verantworten. Ihnen werden unter anderem Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, gefährliche Körperverletzung, schwerer Landfriedensbruch und Herbeiführen von Sprengstoffexplosionen vorgeworfen. Die beiden Rechtsextremen sollen Flüchtlinge, Andersdenkende und deren Wohnungen gezielt angegriffen und sich an Krawallen beteiligt haben.

Als die Flüchtlingskrise im Sommer 2015 ihrem Höhepunkt zusteuerte, haben sich einige junge Männer und junge Frauen in einer Dresdner Sportbar im trauten Einvernehmen vom Rechtsstaat verabschiedet. In der Grunaer „Pfefferminze“ gründeten sie die FKD. In ihrer Stammkneipe hätten sie sich schon seit Längerem montags nach Pegida-Demos getroffen, berichteten die Angeklagten. Doch die Spaziergänge reichten ihnen nicht mehr. Sie wollten „mehr“ gegen die als bedrohlich empfundenen Zustände im Land unternehmen – „eigene Aktionen“ planen, Demos veranstalten, „auffallen“, mitmischen, „provozieren“ – auf der Straße und im Internet.

Der frühere NPD-Landtagsabgeordnete René Despang habe der Gründung beigewohnt und Tipps gegeben, berichteten die Angeklagten. Er soll sich über das Engagement der jungen Leute gefreut und von früheren Aktivisten berichtet haben. Ein anderer Teilnehmer war René H., ein mutmaßlicher Komplize, gegen den ebenfalls ermittelt wird. Seine Rolle muss noch bemerkenswerter sein, als die des NPD-Kameraden – jedenfalls den Fragen des Gerichts, des Staatsanwalts und der Nebenklagevertreter nach zu schließen.

Bei mehreren der sieben Tatkomplexe, die den Angeklagten vorgeworfen werden, taucht immer wieder der Name des 31-Jährigen auf, Inhaber einer Security-Firma und Leiter einer Kampfsportgruppe, Boxen. Darüber hinaus sei H. auch als Subunternehmer für eine weitere Sicherheitsfirma tätig, die einem Rechtsanwalt gehöre. Dessen Mitarbeiter würden auch in Flüchtlingsunterkünften eingesetzt – so weit, so schillernd. Auf René H. angesprochen, wurden die Angeklagten auffallend einsilbig. Der Sicherheitsmann soll beim Gründungstreffen der FKD gefragt haben, ob den Teilnehmern „das reiche“, gemeint war friedlicher Protest. Etwa die Hälfte habe sich dafür ausgesprochen, die anderen dagegen. Das berichtete ein Ermittler des Operativen Abwehrzentrums als Zeuge im Prozess. Der Mann hat neben den Angeklagten auch andere Verdächtige vernommen.

Nach der Gründung muss es schnell gegangen sein. Spätestens am 22. August 2015 waren erste FKD-Mitglieder, darunter die beiden Angeklagten, an ersten Gewalttaten beteiligt. Sie mischten mit, bei den nächtlichen Krawallen in Heidenau. Erstmals Seite an Seite mit Timo S. und anderen der „Gruppe Freital“. Noch am selben Wochenende haben Freitaler und FKD-ler eine Flüchtlingsunterkunft in der Dresdner Podemusstraße angegriffen. Scheiben wurden eingeschlagen, Böller hinterhergeworfen. Nur durch Zufall wurde in dem ehemaligen Hotel Lindenhof niemand verletzt. Im Oktober folgen weitere Gewalttaten. Zwei Übergriffe auf Asylbewerber am Dresdner Rummel und der Angriff auf ein alternatives Wohnprojekt, wieder gemeinsam mit der „Gruppe Freital“. René H., der schillernde Sicherheitsmann, soll auch seine Hände im Spiel gehabt haben.

Bei der letzten Tat, dem gezielten Angriff auf Flüchtlinge am Dresdner Stadtfest im August 2016 soll H. sogar Rädelsführer gewesen sein. Er habe zu einer „kleinen Bürgerwehr“ aufgerufen, darunter Leute von der FKD wie einer der Angeklagten. Anlass dafür seien die Silvesterereignisse in Köln gewesen, aber offenbar auch Probleme mit ausländischen Türstehern in der Dresdner Innenstadt. Spätabends zogen die dunkel gekleideten Männer vom Dr.-Külz-Ring bis über die Augustusbrücke zum Elbufer. Dort schlugen und traten rund 20 Täter auf Iraker und Afghanen ein, mehr als zehn wurden zum Teil schwer verletzt. Ein überraschender Angriff, in der Anklage ist von „Jagd“ die Rede, beim Dresdner Stadtfest, das von der Polizei und privaten Sicherheitsunternehmen massiv wie nie zuvor geschützt worden war. Denn die Angst vor einem Terroranschlag war groß im Sommer 2016, wenige Wochen, nachdem in Nizza mehr als 80 Menschen von einem Lasterfahrer ermordet worden waren.

Ende November 2016, eineinviertel Jahre nach der Gründung durchsuchte die Polizei die Wohnungen von 17 Beschuldigten, darunter zwei Frauen. Bis heute sitzen acht Männer in Untersuchungshaft.

Die beiden Angeklagten haben in langatmigen Befragungen inzwischen die Vorwürfe weitgehend gestanden. Da die Männer bereits bei der Polizei umfangreich ausgesagt hatten, schlossen sie mit der Staatsschutzkammer eine Vereinbarung. Beide können mit höchstens vier Jahren Haft rechnen, wenn sie die Vorwürfe gestehen. R. erwartet eine Jugendstrafe, in der eine frühere Verurteilung von eineinhalb Jahren enthalten ist, weil er zur Tatzeit teilweise noch Jugendlicher war.

Doch der Deal wackelt auch nach sieben Verhandlungstagen. Vor allem Florian N. hat seine Rolle recht beschönigend dargestellt, wurde mehrfach vom Vorsitzenden Richter Joachim Kubista an die Vereinbarung erinnert. Zuletzt beantragte N.s Verteidiger Frank Wilhelm Drücke, seinen Mandanten aus der Haft zu entlassen. Das hat die Kammer jedoch vorerst abgelehnt. Möglicherweise hatte sich das Gericht gerade von dem 27-Jährigen etwas mehr Einsicht und Reue erwartet – und Offenheit. Der Prozess wird im August fortgesetzt. Sechs weitere mutmaßliche FKD-Mitglieder im Alter von 22 bis 29 Jahren sind bereits angeklagt. Ihr Prozess könnte ab Herbst beginnen.