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Die Spur führt nach Sachsen

Die rund 1.500 Kunstwerkes, die vom Zoll in einem Münchner Apartment gefunden wurden, stammen aus dem Nachlass des Dresdner Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt.

© [M] SLUB Dresden/szo/fsc

Karin Großmann und Ulrich Wolf

Dresden/München. Der sensationelle Fund von rund 1.500 Bildern „entarteter Kunst“ aus Nazi-Deutschland in München geht auf das Erbe eines Dresdner Kunsthändlers zurück. Bei dem 79 Jahre alten Mann, in dessen Wohnung im Münchner Stadtteil Schwabing die Kunstwerke entdeckt worden waren, handelt es sich um Rolf Cornelius Gurlitt, den Sohn des Dresdner Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt. Bislang hatte es geheißen, seine Sammlung sei beim Dresdner Feuersturm im Februar 1945 verbrannt. Das Haus in der Kaitzer Straße in der Dresdner Südvorstadt, in dem die Familie damals lebte, wurde tatsächlich ausgebombt und steht nicht mehr.

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Teile eines Sensationsfunds

Henri Matisse: Die Frauenbilder des Franzosen Henri Matisse füllen Bände. Lange bevorzugte er die Dunkelhaarigen, wie die Balletttänzerin Henriette Darricarrère. Sie war sieben Jahre lang sein Modell in Nizza. Dort könnte um 1920 das Porträt einer sitzenden Frau entstanden sein, darauf verweist die ornamentale Ausschmückung des Raums. Das Bild, das nicht im Werkverzeichnis enthalten ist, stammt von einem der Beutezüge, die Hitlers Chefideologe Alfred Rosenberg in ganz Europa unternahm, allein in Frankreich wurden Kunstobjekte in über 50 Orten konfisziert. Das Frauenporträt beschlagnahmte Rosenbergs Einsatzstab 1942 aus einem Banktresor im französischen Libourne. Kunsthändler Hildebrand Gurlitt war selbst mehrfach in Frankreich, er arbeitete dem Stab zu und sammelte Werke für das geplante "Führermuseum" in Linz.
Henri Matisse: Die Frauenbilder des Franzosen Henri Matisse füllen Bände. Lange bevorzugte er die Dunkelhaarigen, wie die Balletttänzerin Henriette Darricarrère. Sie war sieben Jahre lang sein Modell in Nizza. Dort könnte um 1920 das Porträt einer sitzenden Frau entstanden sein, darauf verweist die ornamentale Ausschmückung des Raums. Das Bild, das nicht im Werkverzeichnis enthalten ist, stammt von einem der Beutezüge, die Hitlers Chefideologe Alfred Rosenberg in ganz Europa unternahm, allein in Frankreich wurden Kunstobjekte in über 50 Orten konfisziert. Das Frauenporträt beschlagnahmte Rosenbergs Einsatzstab 1942 aus einem Banktresor im französischen Libourne. Kunsthändler Hildebrand Gurlitt war selbst mehrfach in Frankreich, er arbeitete dem Stab zu und sammelte Werke für das geplante "Führermuseum" in Linz.
Ernst Ludwig Kirchner: Gehört der Holzschnitt "Melancholisches Mädchen" von Ernst Ludwig Kirchner der Kunsthalle Mannheim? So ein Farbholzschnitt war dort von den Nazis 1937 als „entartete Kunst“ beschlagnahmt worden. Doch Grafik wird meist in mehreren Exemplaren gedruckt. Zu beweisen, dass genau dieses Blatt aus Mannheim in die Gurlitt-Sammlung kam, wird schwierig.
Ernst Ludwig Kirchner: Gehört der Holzschnitt "Melancholisches Mädchen" von Ernst Ludwig Kirchner der Kunsthalle Mannheim? So ein Farbholzschnitt war dort von den Nazis 1937 als „entartete Kunst“ beschlagnahmt worden. Doch Grafik wird meist in mehreren Exemplaren gedruckt. Zu beweisen, dass genau dieses Blatt aus Mannheim in die Gurlitt-Sammlung kam, wird schwierig.
Otto Dix: Der junge Otto Dix mit Pagenpony, Strubbelfrisur und langer Zigarette gibt den Kunsthistorikern eine Nuss zu knacken. Das Gemälde ist im Werkverzeichnis nicht zu finden. Dass es 1919 entstanden sein soll, zweifelt der Geraer Dix-Experte Holger Peter Saupe an: "Ich vermute, es entstand um 1913/14. Das jugendliche Selbstporträt passt in seine Arbeitsweise jener Zeit. Nach dem Ersten Weltkrieg malte er anders und bevorzugte andere Motive."
Otto Dix: Der junge Otto Dix mit Pagenpony, Strubbelfrisur und langer Zigarette gibt den Kunsthistorikern eine Nuss zu knacken. Das Gemälde ist im Werkverzeichnis nicht zu finden. Dass es 1919 entstanden sein soll, zweifelt der Geraer Dix-Experte Holger Peter Saupe an: "Ich vermute, es entstand um 1913/14. Das jugendliche Selbstporträt passt in seine Arbeitsweise jener Zeit. Nach dem Ersten Weltkrieg malte er anders und bevorzugte andere Motive."
Carl Spitzweg: Er war ein fleißiger Maler, dieser Carl Spitzweg. Über 1.500 Bilder und Zeichnungen schuf er und verkaufte schon zu Lebzeiten 400 Gemälde. So richtig lieben lernte man ihn nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieses "Musizierende Paar" ist eine Vorzeichnung zu einem seiner Gemälde.
Carl Spitzweg: Er war ein fleißiger Maler, dieser Carl Spitzweg. Über 1.500 Bilder und Zeichnungen schuf er und verkaufte schon zu Lebzeiten 400 Gemälde. So richtig lieben lernte man ihn nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieses "Musizierende Paar" ist eine Vorzeichnung zu einem seiner Gemälde.
Marc Chagall: Die Familie, die Liebe, die Bibel und der Zirkus waren die Themen von Marc Chagall, dem französischen Maler russisch-jüdischer Herkunft. Diese allegorische Szene ist eine bisher unbekannte Gouache, ihre Herkunft unklar. Das Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen vermisst eine allegorische Szene von Chagall. Ob es wohl diese ist?
Marc Chagall: Die Familie, die Liebe, die Bibel und der Zirkus waren die Themen von Marc Chagall, dem französischen Maler russisch-jüdischer Herkunft. Diese allegorische Szene ist eine bisher unbekannte Gouache, ihre Herkunft unklar. Das Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen vermisst eine allegorische Szene von Chagall. Ob es wohl diese ist?
Max Liebermann Der Impressionist Max Liebermann suchte um 1.900 Motive in Meernähe. In Zandvoort und Scheveningen entstanden ein Dutzend Bilder von Reitern am Meer. Manche unterscheiden sich nur durch die Darstellung einer Welle. Das Verzeichnis "Lost Art" aber sucht ein Bild, das dem Münchner exakt gleicht. Es könnte aus dem Besitz des jüdischen Breslauer Malers David Friedmann stammen.
Max Liebermann Der Impressionist Max Liebermann suchte um 1.900 Motive in Meernähe. In Zandvoort und Scheveningen entstanden ein Dutzend Bilder von Reitern am Meer. Manche unterscheiden sich nur durch die Darstellung einer Welle. Das Verzeichnis "Lost Art" aber sucht ein Bild, das dem Münchner exakt gleicht. Es könnte aus dem Besitz des jüdischen Breslauer Malers David Friedmann stammen.
Während einer Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft Augsburg wurden einige der 1.500 gefundenen Werke gezeigt, die Zollfahnder in einem Münchner Apartment fanden. Unter anderem auch diese Gemälde: Eine Gouache von Franz Marc mit dem Titel "Pferde in Landschaft", ...
Während einer Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft Augsburg wurden einige der 1.500 gefundenen Werke gezeigt, die Zollfahnder in einem Münchner Apartment fanden. Unter anderem auch diese Gemälde: Eine Gouache von Franz Marc mit dem Titel "Pferde in Landschaft", ...
Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto: Auch altmeisterliche Kunst hat Hildebrand Gurlitt gesammelt - wie diese Radierung von Giovanni Antonio Canal (1697 – 1768), eine Ansicht von Padua. Dieser Canaletto ist der Onkel von Bernardo Bellotto, der sich ebenfalls Canaletto nannte und die berühmten Dresden-Bilder malte. Die Herkunft der Radierung ist unklar.
Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto: Auch altmeisterliche Kunst hat Hildebrand Gurlitt gesammelt - wie diese Radierung von Giovanni Antonio Canal (1697 – 1768), eine Ansicht von Padua. Dieser Canaletto ist der Onkel von Bernardo Bellotto, der sich ebenfalls Canaletto nannte und die berühmten Dresden-Bilder malte. Die Herkunft der Radierung ist unklar.
Gustave Courbet: Von dem Bild "Dorfmädchen mit Ziege" sind im Werkverzeichnis des Malers zwei Versionen vorhanden. Das in München beschlagnahmte Bild war 1949 auf einer Auktion und kam wahrscheinlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sammlung Gurlitt.
Gustave Courbet: Von dem Bild "Dorfmädchen mit Ziege" sind im Werkverzeichnis des Malers zwei Versionen vorhanden. Das in München beschlagnahmte Bild war 1949 auf einer Auktion und kam wahrscheinlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sammlung Gurlitt.
... dieses Werk von Otto Dix, ...
... dieses Werk von Otto Dix, ...

Der Vater von Rolf Cornelius Gurlitt hatte mit von den Nationalsozialisten als „entartete Kunst“ deklarierten Werken gehandelt, unter anderem, um auch von den Nazis nicht beanstandete Kunst zu finanzieren. Allein im Juni 1944 erwarb er in Paris Kunstschätze für über drei Millionen Reichsmark für das „Führermuseum“ in Linz. Der Umschlagplatz für die Werke lag in der hiesigen Gemäldegalerie; der damalige Direktor Hans Posse und sein Nachfolger Hermann Voss waren mit dem „Sonderauftrag“ befasst. Mit beiden war Hildebrand Gurlitt im Geschäft.

Unterdessen rätseln viele, warum die Öffentlichkeit erst jetzt von dem bereits 2011 gemachten Fund erfährt. Regierungssprecher Seibert räumte gestern ein, dass die Bundesregierung „seit mehreren Monaten über den Fall unterrichtet“ ist.

Kunst im Wert von einer Milliarde Euro

In der offensichtlich völlig vermüllten Münchner Wohnung von Rolf Cornelius Gurlitt hatten Zollfahnder Werke von Künstlern wie Picasso, Franz Marc, Henry Matisse oder Max Beckmann entdeckt. Inzwischen sollen sich die Kunstschätze in einem Depot bei München befinden. Der Fund soll eine Milliarde Euro wert sein.

Auch in Zwickau werden die Nachforschungen in München mit Spannung verfolgt. Rolf Cornelius Gurlitts Vater war vor seiner Kunsthändlertätigkeit für die Nazis Direktor des König-Albert-Museums gewesen, den heutigen Zwickauer Kunstsammlungen. Direktorin Petra Lewey sagte, zumindest könne sich nun der Verbleib lange vermisster Bilder klären.

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Die Spuren des Kunstkrimis führen am Ende immer wieder nach Dresden zur Dynastie der Gurlitts.

Der Sohn des Dresdner Kunsthändlers Gurlitt soll in München völlig zurückgezogen gelebt haben und nicht mal dort gemeldet gewesen sein. Seinem Pass zufolge war er Österreicher. Tatsächlich hat Gurlitt vier Jahre nach dem Unfalltod seines Vaters im Mai 1960 ein Haus in Salzburg gekauft. „Ich lebe schon 40 Jahre hier, aber Herr Gurlitt war in all dieser Zeit wie nicht vorhanden“, sagte ein Nachbar. (mit dpa)